Das Höchste, was wir von Gott und der Natur erhalten haben, ist
das Leben, die rotierende Bewegung der Monas um sich selbst, welche
weder Rast noch Ruhe kennt; der Trieb, das Leben zu hegen und zu
pflegen, ist einem jeden unverwüstlich eingeboren, die
Eigentümlichkeit desselben jedoch bleibt uns und andern ein Geheimnis.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1
%
Die zweite Gunst der von oben wirkenden Wesen ist das Erlebte, das
Gewahrwerden, das Eingreifen der lebendig-beweglichen Monas in die
Umgebungen der Außenwelt, wodurch sie sich erst selbst als innerlich
Grenzenloses, als äußerlich Begrenztes gewahr wird. Über dieses
Erlebte können wir, obgleich Anlage, Aufmerksamkeit und Glück dazu
gehört, in uns selbst klar werden; andern bleibt aber auch dies immer
ein Geheimnis.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 2
%
Als Drittes entwickelt sich nun dasjenige, was wir als Handlung
und Tat, als Wort und Schrift gegen die Außenwelt richten; dieses
gehört derselben mehr an als uns selbst, sowie sie sich darüber auch
eher verständigen kann, als wir es selbst vermögen; jedoch fühlt sie,
dass sie, um recht klar darüber zu werden, auch von unserm Erlebten
soviel als möglich zu erfahren habe. Weshalb man auch auf
Jugendanfänge, Stufen der Bildung, Lebenseinzelheiten, Anekdoten und
dergleichen höchst begierig ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 3
%
Dieser Wirkung nach außen folgt unmittelbar eine Rückwirkung, es
sei nun, dass Liebe uns zu fördern suche oder Hass uns zu hindern
wisse. Dieser Konflikt bleibt sich im Leben ziemlich gleich, indem ja
der Mensch sich gleich bleibt und ebenso alles dasjenige, was
Zuneigung oder Abneigung an seiner Art zu sein empfinden muss.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 4
%
Was Freunde mit und für uns tun, ist auch ein Erlebtes; denn es
stärkt und fördert unsere Persönlichkeit. Was Feinde gegen uns
unternehmen, erleben wir nicht, wir erfahren's nur, lehnen's ab und
schützen und dagegen wie gegen Frost, Sturm, Regen und Schloßenwetter
oder sonst äußere Übel, die zu erwarten sind.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 5
%
Man mag nicht mit jedem leben, und so kann man auch nicht für
jeden leben; wer das recht einsieht, wird seine Freunde höchlich zu
schätzen wissen, seine Feinde nicht hassen noch verfolgen, vielmehr
erlangt der Mensch nicht leicht einen größeren Vorteil, als wenn er
die Vorzüge seiner Widersacher gewahr werden kann: Dies gibt ihm ein
entschiedenes Übergewicht über sie.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 6
%
Gehen wir in die Geschichte zurück, so finden wir überall
Persönlichkeiten, mit denen wir uns vertrügen, andere, mit denen wir
uns gewiss in Widerstreit befänden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 7
%
Das Wichtigste bleibt jedoch das Gleichzeitige, weil es sich in
uns am reinsten abspiegelt, wir uns in ihm.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 8
%
Cato ward in seinem Alter gerichtlich angeklagt, da er denn in
seiner Verteidigungsrede hauptsächlich hervorhob, man könne sich vor
niemand verteidigen, als vor denen, mit denen man gelebt habe. Und er
hat vollkommen recht: Wie will eine Jury aus Prämissen urteilen, die
ihr ganz abgehen? Wie will sie sich über Motive beraten, die schon
längst hinter ihr liegen?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 9
%
Das Erlebte weiß jeder zu schätzen, am meisten der Denkende und
Nachsinnende im Alter; er fühlt mit Zuversicht und Behaglichkeit,
dass ihm das niemand rauben kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 10
%
So ruhen meine Naturstudien auf der reinen Basis des Erlebten;
wer kann mir nehmen, dass ich 1749 geboren bin, dass ich (um vieles
zu überspringen) mich aus Erxlebens "Naturlehre" erster Ausgabe
treulich unterrichtet, dass ich den Zuwachs der übrigen Editionen,
die sich durch Lichtenbergs Aufmerksamkeit grenzenlos anhäuften,
nicht etwa im Druck zuerst gesehen, sondern jede neue Entdeckung im
Fortschreiten sogleich vernommen und erfahren; dass ich, Schritt für
Schritt folgend, die großen Entdeckungen der zweiten Hälfte des
achtzehnten Jahrhunderts bis auf den heutigen Tag wie einen
Wunderstern nach dem andern vor mir aufgehen sehe? Wer kann mir die
heimliche Freude nehmen, wenn ich mir bewusst bin, durch
fortwährendes aufmerksames Bestreben mancher großen Welt
überraschenden Entdeckung selbst so nahe gekommen zu sein, dass ihre
Erscheinung gleichsam aus meinem eignen Innern hervorbrach und ich
nun die wenigen Schritte klar vor mir liegen sah, welche zu wagen ich
in düsterer Forschung versäumt hatte?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 11
%
Wer die Entdeckung der Luftballone mit erlebt hat, wird ein
Zeugnis geben, welche Weltbewegung daraus entstand, welcher Anteil
die Luftschiffer begleitete, welche Sehnsucht in so viel tausend
Gemütern hervordrang, an solchen längst vorausgesetzten,
vorausgesagten, immer geglaubten und immer unglaublichen,
gefahrvollen Wanderungen teilzunehmen; wie frisch und umständlich
jeder einzelne glückliche Versuch die Zeitungen füllte, zu
Tagesheften und Kupfern Anlass gab; welchen zarten Anteil man an den
unglücklichen Opfern solcher Versuche genommen. Dies ist unmöglich
selbst in der Erinnerung wiederherzustellen, so wenig als wie lebhaft
man sich für einen vor dreißig Jahren ausgebrochenen, höchst
bedeutenden Krieg interessierte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 12
%
Die schönste Metempsychose ist die, wenn wir uns im andern wieder
auftreten sehn.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 13
%
Professor Zaupers "Deutsche Poetik aus Goethe" sowie der Nachtrag
zu derselben, Wien 1822, darf dem Dichter wohl einen angenehmen
Eindruck machen; es ist ihm, als wenn er an Spiegeln vorbeiginge und
sich im günstigen Lichte dargestellt erblickte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 14
%
Und wäre es denn anders? Was der junge Freund an uns erlebt, ist
ja gerade Handlung und Tat, Wort und Schrift, die von uns in
glücklichen Momenten ausgegangen sind, zu denen wir uns immer gern
bekennen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 15
%
Gar selten tun wir uns selbst genug, desto tröstender ist es,
andern genug getan zu haben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 16
%
Wir sehen in unser Leben doch nur als in ein zerstückeltes
zurück, weil das Versäumte, Misslungene uns immer zuerst
entgegentritt und das Geleistete, Erreichte in der Einbildungskraft
überwiegt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 17
%
Davon kommt dem teilnehmenden Jüngling nichts zur Erscheinung; er
sieht, genießt, benutzt die Jugend eines Vorfahren und erbaut sich
selbst daran aus dem Innersten heraus, als wenn er schon einmal
gewesen wäre, was er ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 18
%
Auf ähnliche, ja, gleiche Weise erfreuen mich die mannigfaltigen
Anklänge, die aus fremden Ländern zu mir gelangen. Fremde Nationen
lernen erst später unsere Jugendarbeiten kennen; ihre Jünglinge, ihre
Männer, strebend und tätig, sehen ihr Bild in unserm Spiegel, sie
erfahren, dass wir das, was sie wollen, auch wollten, ziehen uns in
ihre Gemeinschaft und täuschen mit dem Schein einer rückkehrenden
Jugend.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 19
%
Die Wissenschaft wird dadurch sehr zurückgehalten, dass man sich
abgibt mit dem, was nicht wissenswert, und mit dem, was nicht wissbar
ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 20
%
Die höhere Empirie verhält sich nur Natur wie der
Menschenverstand zum praktischen Leben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 21
%
Vor den Urphänomenen, wenn sie unseren Sinnen enthüllt
erscheinen, fühlen wir eine Art von Scheu, bis zur Angst. Die
sinnlichen Menschen retten sich ins Erstaunen; geschwind aber kommt
der tätige Kuppler Verstand und will auf seine Weise das Edelste mit
dem Gemeinsten vermitteln.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 22
%
Die wahre Vermittlerin ist die Kunst. Über Kunst sprechen heißt
die Vermittlerin vermitteln wollen, und doch ist uns daher viel
Köstliches erfolgt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 23
%
Es ist mit den Ableitungsgründen wie mit den Einteilungsgründen,
sie müssen durchgehen, oder es ist gar nichts dran.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 24
%
Auch in Wissenschaften kann man eigentlich nichts wissen, es will
immer getan sein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 25
%
Alles wahre Aperçu kommt aus einer Folge und bringt Folge. Es ist
ein Mittelglied einer großen, produktiv aufsteigenden Kette.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 26
%
Die Wissenschaft hilft uns vor allem, dass sie das Staunen, wozu
wir von Natur berufen sind, einigermaßen erleichtere; sodann aber,
dass sie dem immer gesteigerten Leben neue Fertigkeiten erwecke zu
Abwendung des Schädlichen und Einleitung des Nutzbaren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 27
%
Man klagt über wissenschaftliche Akademien, dass sie nicht frisch
genug ins Leben eingreifen; das liegt aber nicht an ihnen, sondern an
der Art, die Wissenschaften zu behandeln, überhaupt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 28
%
Alles Gescheite ist schon gedacht worden; man muss nur versuchen,
es noch einmal zu denken.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 29
%
Wie kann man sich selbst kennen lernen? Durch Betrachten niemals,
wohl aber durch Handeln. Versuche, deine Pflicht zu tun, und du weißt
gleich, was an dir ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 30
%
Was aber ist deine Pflicht? Die Forderung des Tages.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 31
%
"Die vernünftige Welt ist als ein großes unsterbliches Individuum
zu betrachten, das unaufhaltsam das Notwendige bewirkt und dadurch
sich sogar über das Zufällige zum Herrn macht."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 32
%
Mir wird, je länger ich lebe, immer verdrießlicher, wenn ich den
Menschen sehe, der eigentlich auf seiner höchsten Stelle da ist, um
der Natur zu gebieten, um sich und die Seinigen von der gewalttätigen
Notwendigkeit zu befreien; wenn ich sehe, wie er aus irgendeinem
vorgefassten falschen Begriff gerade das Gegenteil tut von dem, was
er will, und sich alsdann, weil die Anlage im ganzen verdorben ist,
im einzelnen kümmerlich herumpfuscht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 33
%
Tüchtiger, tätiger Mann, verdiene dir und erwarte:
von den Großen - Gnade,
von den Mächtigen - Gunst,
von den Tätigen und Guten - Förderung,
von der Menge - Neigung,
von dem einzelnen - Liebe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 34
%
Sage mir, mit wem du umgehst, so sage ich dir, wer du bist; weiß
ich, womit du dich beschäftigst, so weiß ich, was aus dir werden kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 35
%
Jeder Mensch muss nach seiner Weise denken: Denn er findet auf
seinem Wege immer ein Wahres oder eine Art von Wahrem, die ihm durchs
Leben hilft. Nur darf er sich nicht gehen lassen: Er muss sich
kontrollieren; der bloße nackte Instinkt geziemt nicht dem Menschen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 36
%
Unbedingte Tätigkeit, von welcher Art sie sei, macht zuletzt
bankrott.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 37
%
In den Werken des Menschen wie in denen der Natur sind eigentlich
die Absichten vorzüglich der Aufmerksamkeit wert.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 38
%
Die Menschen werden an sich und andern irre, weil sie die Mittel
als Zweck behandeln, da denn vor lauter Tätigkeit gar nichts
geschieht oder vielleicht gar das Widerwärtige.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 39
%
Was wir ausdenken, was wir vornehmen, sollte schon vollkommen so
rein und schön sein, dass die Welt nur daran zu verderben hätte; wir
blieben dadurch in dem Vorteil, das Verschobene zurechtzurücken, das
Zerstörte wiederherzustellen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 40
%
Ganze, Halb- und Viertelsirrtümer sind gar schwer und mühsam
zurechtzulegen, zu sichten und das Wahre daran dahin zu stellen,
wohin es gehört.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 41
%
Es ist nicht immer nötig, dass das Wahre sich verkörpere: Schon
genug, wenn es geistig umherschwebt und Übereinstimmung bewirkt, wenn
es wie Glockenton ernst-freundlich durch die Lüfte wogt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 42
%
Allgemeine Begriffe und großer Dünkel sind immer auf dem Weg,
entsetzliches Unglück anzurichten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 43
%
"Blasen ist nicht flöten; ihr müsst die Finger bewegen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 44
%
Die Botaniker haben eine Pflanzenabteilung, die sie Incompletae
nennen; man kann eben auch sagen, dass es inkomplette, unvollständige
Menschen gibt. Es sind diejenigen, deren Sehnsucht und Streben mit
ihrem Tun und Leisten nicht proportioniert ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 45
%
Der geringste Mensch kann komplett sein, wenn er sich innerhalb
der Grenzen seiner Fähigkeit und Fertigkeiten bewegt; aber selbst
schöne Vorzüge werden verdunkelt, aufgehoben und vernichtet, wenn
jenes unerlässlich geforderte Ebenmaß abgeht. Dieses Unheil wird sich
in der neuern Zeit noch öfter hervortun; denn wer wird wohl den
Forderungen einer durchaus gesteigerten Gegenwart, und zwar in
schnellster Bewegung, genugtun können?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 46
%
Nur klugtätige Menschen, die ihre Kräfte kennen und sie mit Maß
und Gescheitigkeit benutzen, werden es im Weltwesen weit bringen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 47
%
Ein großer Fehler, dass man sich mehr dünkt, als man ist, und
sich weniger schätzt, als man wert ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 48
%
Es begegnet mir von Zeit zu Zeit ein Jüngling, an dem ich nichts
verändert noch gebessert wünschte; nur macht mir bange, dass ich
manchen vollkommen geeignet sehe, im Zeitstrom mit fort zu schwimmen;
und hier ist's, wo ich immerfort aufmerksam machen möchte, dass dem
Menschen in seinem zerbrechlichen Kahn eben deshalb das Ruder in die
Hand gegeben ist, damit er nicht der Willkür der Wellen, sondern dem
Willen seiner Einsicht Folge leiste.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 49
%
Wie soll nun aber ein junger Mann für sich selbst dahin gelangen,
dasjenige für tadelnswert und schädlich anzusehen, was jedermann
treibt, billigt und fördert? Warum soll er sich nicht und sein
Naturell auch dahin gehen lassen?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 50
%
Für das größte Unheil unserer Zeit, die nichts reif werden lässt,
muss sich halten, dass man im nächsten Augenblick den vorhergehenden
verspeist, den Tag im Tage vertut und so immer aus der Hand in den
Mund lebt, ohne irgendetwas vor sich zu bringen. Haben wir doch schon
Blätter für sämtliche Tagezeiten! Ein guter Kopf könnte wohl noch
eins und das andere interkalieren. Dadurch wird alles, was ein jeder
tut, treibt, dichtet, ja, was er vorhat, ins Öffentliche geschleppt.
Niemand darf sich freuen oder leiden, als zum Zeitvertreib der
übrigen, und so springt's von Haus zu Haus, von Stadt zu Stadt, von
Reich zu Reich und zuletzt von Weltteil zu Weltteil, alles
veloziferisch.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 51
%
So wenig nun die Dampfmaschinen zu dämpfen sind, so wenig ist
dies auch im Sittlichen möglich; die Lebhaftigkeit des Handels, das
Durchrauschen des Papiergelds, das Anschwellen der Schulden, um
Schulden zu bezahlen, das alles sind die ungeheuern Elemente, auf die
gegenwärtig ein junger Mann gesetzt ist. Wohl ihm, wenn er von der
Natur mit mäßigem, ruhigem Sinn begabt ist, um weder
unverhältnismäßige Forderungen an die Welt zu machen, noch auch von
ihr sich bestimmen zu lassen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 52
%
Aber in einem jeden Kreis bedroht ihn der Tagesgeist, und nichts
ist nötiger, als früh genug ihm die Richtung bemerklich zu machen,
wohin sein Wille zu steuern hat.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 53
%
Die Bedeutsamkeit der unschuldigsten Reden und Handlungen wächst
mit den Jahren, und wen ich länger um mich sehe, den suche ich
immerfort aufmerksam zu machen, welch ein Unterschied stattfinde
zwischen Aufrichtigkeit, Vertrauen und Indiskretion, ja, dass
eigentlich kein Unterschied sei, vielmehr nur ein leiser Übergang vom
Unverfänglichsten zum Schädlichsten, welcher bemerkt oder vielmehr
empfunden werden müsse.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 54
%
Hierauf haben wir unsern Takt zu üben, sonst laufen wir Gefahr,
auf dem Weg, worauf wir uns die Gunst der Menschen erwarben, sie ganz
unversehens wieder zu verscherzen. Das begreift man wohl im Lauf des
Lebens von selbst, aber erst nach bezahltem teuren Lehrgeld, das man
leider seinen Nachkommenden nicht ersparen kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 55
%
Wahrheitsliebe zeigt sich darin, dass man überall das Gute zu
finden und zu schätzen weiß.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 56
%
Ein historisches Menschengefühl heißt ein dergestalt gebildetes,
dass es bei Schätzung gleichzeitiger Verdienste und
Verdienstlichkeiten auch die Vergangenheit mit in Anschlag bringt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 57
%
Das Beste, was wir von der Geschichte haben, ist der
Enthusiasmus, den sie erregt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 58
%
Eigentümlichkeit ruft Eigentümlichkeit hervor.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 59
%
Man muss bedenken, dass unter den Menschen gar viele sind, die
doch auch etwas Bedeutendes sagen wollen, ohne produktiv zu sein, und
da kommen die wunderlichsten Dinge an den Tag.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 60
%
Tief und ernstlich denkende Menschen haben gegen das Publikum
einen bösen Stand.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 61
%
Wenn ich die Meinung eines andern anhören soll, so muss sie
positiv ausgesprochen werden, Problematisches hab' ich in mir selbst
genug.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 62
%
Der Aberglaube gehört zum Wesen des Menschen und flüchtet sich,
wenn man ihn ganz und gar zu verdrängen denkt, in die wunderlichsten
Ecken und Winkel, von wo er auf einmal, wenn er einigermaßen sicher
zu sein glaubt, wieder hervortritt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 63
%
Wir würden gar vieles besser kennen, wenn wir es nicht zu genau
erkennen wollten. Wird uns doch ein Gegenstand unter einem Winkel von
fünfundvierzig Graden erst fasslich.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 64
%
Mikroskope und Fernröhre verwirren eigentlich den reinen
Menschensinn.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 65
%
Ich schweige zu vielem still, denn ich mag die Menschen nicht
irremachen und bin wohl zufrieden, wenn sie sich freuen, da, wo ich
mich ärgere.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 66
%
Alles, was unsern Geist befreit, ohne uns die Herrschaft über uns
selbst zu geben, ist verderblich.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 67
%
Man ist nur eigentlich lebendig, wenn man sich des Wohlwollens
anderer freut.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 68
%
Frömmigkeit ist kein Zweck, sondern ein Mittel, um durch die
reinste Gemütsruhe zur höchsten Kultur zu gelangen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 69
%
Deswegen lässt sich bemerken, dass diejenigen, welche Frömmigkeit
als Zweck und Ziel aufstecken, meistens Heuchler werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 70
%
Wenn man alt ist, muss man mehr tun, als da man jung war.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 71
%
Erfüllte Pflicht empfindet sich immer noch als Schuld, weil man
sich nie ganz genug getan.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 72
%
Die Mängel erkennt nur der Lieblose; deshalb, um sie einzusehen,
muss man auch lieblos werden, aber nicht mehr, als hiezu nötig ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 73
%
Das höchste Glück ist das, welches unsere Mängel verbessert und
unsere Fehler ausgleicht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 74
%
Kannst du lesen, so sollst du verstehen; kannst du schreiben, so
musst du etwas wissen; kannst du glauben, so sollst du begreifen;
wenn du begehrst, wirst du sollen; wenn du forderst, wirst du nicht
erlangen; und wenn du erfahren bist, sollst du nutzen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 75
%
Man erkennt niemand an als den, der uns nutzt. Wir erkennen den
Fürsten an, weil wir unter seiner Firma den Besitz gesichert sehen.
Wir gewärtigen uns von ihm Schutz gegen äußere und innere
widerwärtige Verhältnisse.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 76
%
Der Bach ist dem Müller befreundet, dem er nutzt, und er stürzt
gern über die Räder; was hilft es ihm, gleichgültig durchs Tal
hinzuschleichen?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 77
%
Wer sich mit reiner Erfahrung begnügt und darnach handelt, der
hat Wahres genug. Das heranwachsende Kind ist weise in diesem Sinne.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 78
%
Die Theorie an und für sich ist nichts nütze, als insofern sie
uns an den Zusammenhang der Erscheinungen glauben macht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 79
%
Alles Abstrakte wird durch Anwendung dem Menschenverstand
genähert, und so gelangt der Menschenverstand durch Handeln und
Beobachten zur Abstraktion.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 80
%
Wer zu viel verlangt, wer sich am Verwickelten erfreut, der ist
den Verirrungen ausgesetzt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 81
%
Nach Analogien denken, ist nicht zu schelten: Die Analogie hat
den Vorteil, dass sie nicht abschließt und eigentlich nichts Letztes
will; dagegen die Induktion verderblich ist, die einen vorgesetzten
Zweck im Auge trägt und, auf denselben losarbeitend, Falsches und
Wahres mit sich fortreißt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 82
%
Gewöhnliches Anschauen, richtige Ansicht der irdischen Dinge ist
ein Erbteil des allgemeinen Menschenverstandes; reines Anschauen des
Äußern und Innern ist sehr selten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 83
%
Es äußert sich jenes im praktischen Sinn, im unmittelbaren
Handeln; dieses symbolisch, vorzüglich durch Mathematik, in Zahlen
und Formeln, durch Rede, uranfänglich, tropisch, als Poesie des
Genies, als Sprichwörtlichkeit des Menschenverstandes.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 84
%
Das Abwesende wirkt auf uns durch Überlieferung. Die gewöhnliche
ist historisch zu nennen; eine höhere, der Einbildungskraft
verwandte, ist mythisch. Sucht man hinter dieser noch etwas Drittes,
irgendeine Bedeutung, so verwandelt sie sich in Mystik. Auch wird sie
leicht sentimental, so dass wir uns nur, was gemütlich ist, aneignen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 85
%
Die Wirksamkeiten, auf die wir achten müssen, wenn wir wahrhaft
gefördert sein wollen, sind:
            vorbereitende,
            begleitende,
            mitwirkende,
            nachhelfende,
            fördernde,
            verstärkende,
            hindernde,
            nachwirkende.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 86
%
Im Betrachten wie im Handeln ist das Zugängliche von dem
Unzugänglichen zu unterscheiden; ohne dies lässt sich im Leben wie im
Wissen wenig leisten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 87
%
"Le sens commun est le génie de l'humanité."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 88
%
Der Gemeinverstand, der als Genie der Menschheit gelten soll,
muss vorerst in seinen Äußerungen betrachtet werden. Forschen wir,
wozu ihn die Menschheit benutzt, so finden wir folgendes:
Die Menschheit ist bedingt durch Bedürfnisse. Sind diese nicht
befriedigt, so erweist sie sich ungeduldig; sind sie befriedigt, so
erscheint sie gleichgültig. Der eigentliche Mensch bewegt sich also
zwischen beiden Zuständen, und seinen Verstand, den so genannten
Menschenverstand, wird er anwenden, seine Bedürfnisse zu befriedigen;
ist es geschehen, so hat er die Aufgabe, die Räume der
Gleichgültigkeit auszufüllen. Beschränkt sich dieses in die nächsten
und notwendigsten Grenzen, so gelingt es ihm auch. Erheben sich aber
die Bedürfnisse, treten sie aus dem Kreis des Gemeinen heraus, so ist
der Gemeinverstand nicht mehr hinreichend, er ist kein Genius mehr,
die Region des Irrtums ist der Menschheit aufgetan.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 89
%
Es geschieht nichts Unvernünftiges, das nicht Verstand oder
Zufall wieder in die Richte brächten; nichts Vernünftiges, das
Unverstand und Zufall nicht missleiten könnten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 90
%
Jede große Idee, sobald sie in die Erscheinung tritt, wirkt
tyrannisch; daher die Vorteile, die sie hervorbringt, sich nur allzu
bald in Nachteile verwandeln. Man kann deshalb eine jede Institution
verteidigen und rühmen, wenn man an ihre Anfänge erinnert und
darzutun weiß, dass alles, was von ihr im Anfang gegolten, auch jetzt
noch gelte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 91
%
Lessing, der mancherlei Beschränkung unwillig fühlte, lässt eine
seiner Personen sagen: Niemand muss müssen. Ein geistreicher, froh
gesinnter Mann sagte: Wer will, der muss. Ein dritter, freilich ein
Gebildeter, fügte hinzu: Wer einsieht, der will auch. Und so glaubte
man den ganzen Kreis des Erkennens, Wollens und Müssens abgeschlossen
zu haben. Aber im Durchschnitt bestimmt die Erkenntnis des Menschen,
von welcher Art sie auch sei, sein Tun und Lassen; deswegen auch
nichts schrecklicher ist, als die Unwissenheit handeln zu sehen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 92
%
Es gibt zwei friedliche Gewalten: Das Recht und die
Schicklichkeit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 93
%
Das Recht dringt auf Schuldigkeit, die Polizei aufs Geziemende.
Das Recht ist abwägend und entscheidend, die Polizei überschauend und
gebietend. Das Recht bezieht sich auf den einzelnen, die Polizei auf
die Gesamtheit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 94
%
Die Geschichte der Wissenschaften ist eine große Fuge, in der die
Stimmen der Völker nach und nach zum Vorschein kommen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 95
%
Die Geheimnisse der Lebenspfade darf und kann man nicht
offenbaren; es gibt Steine des Anstoßes, über die ein jeder Wanderer
stolpern muss. Der Poet aber deutet auf die Stelle hin.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 96
%
Es wäre nicht der Mühe wert, siebzig Jahre alt zu werden, wenn
alle Weisheit der Welt Torheit wäre vor Gott.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 97
%
Das Wahre ist gottähnlich; es erscheint nicht unmittelbar, wir
müssen es aus seinen Manifestationen erraten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 98
%
Der echte Schüler lernt aus dem Bekannten das Unbekannte
entwickeln und nähert sich dem Meister.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 99
%
"Aber die Menschen vermögen nicht leicht, aus dem Bekannten das
Unbekannte zu entwickeln; denn sie wissen nicht, dass ihr Verstand
ebensolche Künste wie die Natur treibt."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 100
%
"Denn die Götter lehren uns ihr eigenstes Werk nachahmen; doch
wissen wir nur, was wir tun, erkennen aber nicht, was wir nachahmen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 101
%
"Alles ist gleich, alles ungleich, alles nützlich und schädlich,
sprechend und stumm, vernünftig und unvernünftig. Und was man von
einzelnen Dingen bekennt, widerspricht sich öfters."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 102
%
"Denn das Gesetz haben die Menschen sich selbst auferlegt, ohne
zu wissen, über was sie Gesetze gaben; aber die Natur haben alle
Götter geordnet."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 103
%
"Was nun die Menschen gesetzt haben, das will nicht passen, es
mag recht oder unrecht sein; was aber die Götter setzen, das ist
immer am Platz, recht oder unrecht."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 104
%
"Ich aber will zeigen, dass die bekannten Künste der Menschen
natürlichen Begebenheiten gleich sind, die offenbar oder geheim
vorgehen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 105
%
"Von der Art ist die Weissagekunst. Sie erkennt aus dem
Offenbaren das Verborgene, aus dem Gegenwärtigen das Zukünftige, aus
dem Toten das Lebendige und den Sinn des Sinnlosen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 106
%
"So erkennt der Unterrichtete immer recht die Natur des
Menschen; und der Ununterrichtete sieht sie bald so, bald so an, und
jeder ahmt sie nach seiner Weise nach."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 107
%
"Wenn ein Mann mit einem Weibe zusammentrifft und ein Knabe
entsteht, so wird aus etwas Bekanntem ein Unbekanntes. Dagegen wenn
der dunkle Geist des Knaben die deutlichen Dinge in sich aufnimmt, so
wird er zum Mann und lernt aus dem Gegenwärtigen das Zukünftige
erkennen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 108
%
"Das Unsterbliche ist nicht dem sterblichen Lebenden zu
vergleichen, und doch ist auch das bloß Lebende verständig. So weiß
der Magen recht gut, wann er hungert und durstet."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 109
%
"So verhält sich die Wahrsagekunst zur menschlichen Natur. Und
beide sind dem Einsichtsvollen immer recht; dem Beschränkten aber
erscheinen sie bald so, bald so."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 110
%
"In der Schmiede erweicht man das Eisen, indem man das Feuer
anbläst und dem Stabe seine überflüssige Nahrung nimmt; ist er aber
rein geworden, dann schlägt man ihn und zwingt ihn, und durch die
Nahrung eines fremden Wassers wird er wieder stark. Das widerfährt
auch dem Menschen von seinem Lehrer."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 111
%
"Was einem angehört, wird man nicht los, und wenn man es
wegwürfe."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 112
%
Die neueste Philosophie unserer westlichen Nachbarn gibt ein
Zeugnis, dass der Mensch, er gebärde sich, wie er wolle, und so auch
ganze Nationen immer wieder zum Angebornen zurückkehren. Und wie
wollte das anders sein, da ja dieses seine Natur und Lebensweise
bestimmt?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 113
%
Die Franzosen haben dem Materialismus entsagt und den Uranfängen
etwas mehr Geist und Leben zuerkannt; sie haben sich vom Sensualismus
losgemacht und den Tiefen der menschlichen Natur eine Entwicklung aus
sich selbst eingestanden; sie lassen in ihr eine produktive Kraft
gelten und suchen nicht alle Kunst aus Nachahmung eines gewahr
gewordenen Äußern zu erklären. In solchen Richtungen mögen sie
beharren!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 114
%
Eine eklektische Philosophie kann es nicht geben, wohl aber
eklektische Philosophen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 115
%
Ein Eklektiker aber ist ein jeder, der aus dem, was ihn umgibt,
aus dem, was sich um ihn ereignet, sich dasjenige aneignet, was
seiner Natur gemäß ist; und in diesem Sinne gilt alles, was Bildung
und Fortschreitung heißt, theoretisch oder praktisch genommen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 116
%
Zwei eklektische Philosophen könnten demnach die größten
Widersacher werden, wenn sie, antagonistisch geboren, jeder von
seiner Seite sich aus allen überlieferten Philosophien dajenige
aneignete, was ihm gemäß wäre. Sehe man doch nur um sich her, so wird
man immer finden, dass jeder Mensch auf diese Weise verfährt und
deshalb nicht begreift, warum er andere nicht zu seiner Meinung
bekehren kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 117
%
Sogar ist es selten, dass jemand im höchsten Alter sich selbst
historisch wird, und dass ihm die Mitlebenden historisch werden, so
dass er mit niemanden mehr kontrovertieren mag noch kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 118
%
Besieht man es genauer, so findet sich, dass dem
Geschichtsschreiber selbst die Geschichte nicht leicht historisch
wird; denn der jedesmalige Schreiber schreibt immer nur so, als wenn
er damals selbst dabei gewesen wäre, nicht aber, was vormals war und
damals bewegte. Der Chronikenschreiber selbst deutet nur mehr oder
weniger auf die Beschränktheit, auf die Eigenheiten seiner Stadt,
seines Klosters, wie seines Zeitalters.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 119
%
Verschiedene Sprüche der Alten, die man sich öfters zu
wiederholen pflegt, hatten eine ganz andere Bedeutung, als man ihnen
in späteren Zeiten geben möchte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 120
%
Das Wort: Es solle kein mit der Geometrie Unbekannter, der
Geometrie Fremder, in die Schule des Philosophen treten, heißt nicht
etwa: Man solle ein Mathematiker sein, um ein Weltweiser zu werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 121
%
Geometrie ist hier in ihren ersten Elementen gedacht, wie sie
uns im Euklid vorliegt, und wie wir sie einen jeden Anfänger beginnen
lassen. Alsdann aber ist sie die vollkommenste Vorbereitung, ja
Einleitung in die Philosophie.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 122
%
Wenn der Knabe zu begreifen anfängt, dass einem sichtbaren
Punkte ein unsichtbarer vorhergehen müsse, dass der nächste Weg
zwischen zwei Punkten schon als Linie gedacht werde, ehe sie mit dem
Bleistift aufs Papier gezogen wird, so fühlt er einen gewissen Stolz,
ein Behagen. Und nicht mit Unrecht: Denn ihm ist die Quelle alles
Denkens aufgeschlossen, Idee und Verwirklichtes, potentia et actu,
ist ihm klar geworden; der Philosoph entdeckt ihm nichts Neues; dem
Geometer war von seiner Seite der Grund alles Denkens aufgegangen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 123
%
Nehmen wir sodann das bedeutende Wort vor: Erkenne dich selbst,
so müssen wir es nicht im asketischen Sinne auslegen. Es ist
keineswegs die Heautognosie unserer modernen Hypochondristen,
Humoristen und Heautontimorumenen damit gemeint; sondern es heißt
ganz einfach: Gib einigermaßen acht auf dich selbst, nimm Notiz von
dir selbst, damit du gewahr werdest, wie du zu deinesgleichen und der
Welt zu stehen kommst. Hiezu bedarf es keiner psychologischen
Quälereien: Jeder tüchtige Mensch weiß und erfährt, was es heißen
soll; es ist ein guter Rat, der einem jeden praktisch zum größten
Vorteil gedeiht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 124
%
Man denke sich das Große der Alten, vorzüglich der Sokratischen
Schule, dass sie Quelle und Richtschnur alles Lebens und Tuns vor
Augen stellt, nicht zu leerer Spekulation, sondern zu Leben und Tat
auffordert.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 125
%
Wenn nun unser Schulunterricht immer auf das Altertum hinweist,
das Studium der griechischen und lateinischen Sprache fördert, so
können wir uns Glück wünschen, dass diese zu einer höhern Kultur so
nötigen Studien niemals rückgängig werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 126
%
Der Schulmann, indem er lateinisch zu schreiben und zu sprechen
versucht, kommt sich höher und vornehmer vor, als er sich in seinem
Alltagsleben dünken darf.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 127
%
Denn wenn wir uns dem Altertum gegenüberstellen und es ernstlich
in der Absicht anschauen, uns daran zu bilden, so gewinnen wir die
Empfindung, als ob wir erst eigentlich zu Menschen würden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 128
%
Der für dichterische und bildnerische Schöpfungen empfängliche
Geist fühlt sich dem Altertum gegenüber in den anmutigst-ideellen
Naturzustand versetzt; und noch auf den heutigen Tag haben die
homerischen Gesänge die Kraft, uns wenigstens für Augenblicke von der
furchtbaren Last zu befreien, welche die Überlieferung von mehrern
tausend Jahren auf uns gewälzt hat.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 129
%
Es gibt nur zwei wahre Religionen: Die eine, die das Heilige,
das in und um uns wohnt, ganz formlos, die andere, die es in der
schönsten Form anerkennt und anbetet. Alles, was dazwischen liegt,
ist Götzendienst.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 130
%
Es ist nicht zu leugnen, dass der Geist sich durch die
Reformation zu befreien suchte; die Aufklärung über griechisches und
römisches Altertum brachte den Wunsch, die Sehnsucht nach einem
freieren, anständigeren und geschmackvolleren Leben hervor. Sie wurde
aber nicht wenig dadurch begünstigt, dass das Herz in einen gewissen
einfachen Naturzustand zurückzukehren und die Einbildungskraft sich
zu konzentrieren trachtete.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 131
%
Aus dem Himmel wurden auf einmal alle Heiligen vertrieben und
von einer göttlichen Mutter mit einem zarten Kinde Sinne, Gedanken,
Gemüt auf den Erwachsenen, sittlich Wirkenden, ungerecht Leidenden
gerichtet, welcher später als Halbgott verklärt, als wirklicher Gott
anerkannt und verehrt wurde.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 132
%
Er stand vor einem Hintergrunde, wo der Schöpfer das Weltall
ausgebreitet hatte; von ihm ging eine geistige Wirkung aus, seine
Leiden eignete man sich als Beispiel zu, und seien Verklärung war das
Pfand für eine ewige Dauer.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 133
%
So wie der Weihrauch einer Kohle Leben erfrischt, so erfrischt
das Gebet die Hoffnungen des Herzens.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 134
%
Ich bin überzeugt, dass die Bibel immer schöner wird, je mehr
man sie versteht, d.h. je mehr man einsieht und anschaut, dass jedes
Wort, das wir allgemein auffassen und im besondern auf uns anwenden,
nach gewissen Umständen, nach Zeit und Ortsverhältnissen einen
eignen, besondern, unmittelbar individuellen Bezug gehabt hat.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 135
%
Genau besehen, haben wir uns noch alle Tage zu reformieren und
gegen andere zu protestieren, wenn auch nicht in religiösem Sinne.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 136
%
Wir haben das unabweichliche, täglich zu erneuernde,
grundernstliche Bestreben: Das Wort mit dem Empfundenen, Geschauten,
Gedachten, Erfahrenen, Imaginierten, Vernünftigen möglichst
unmittelbar zusammentreffend zu erfassen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 137
%
Jeder prüfe sich, und er wird finden, dass dies viel schwerer
sei, als man denken möchte; denn leider sind dem Menschen die Worte
gewöhnlich Surrogate: Er denkt und weiß es meistenteils besser, als
er sich ausspricht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 138
%
Verharren wir aber in dem Bestreben: Das Falsche, Ungehörige,
Unzulängliche, was sich in uns und andern entwickeln oder
einschleichen könnte, durch Klarheit und Redlichkeit auf das
möglichste zu beseitigen!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 139
%
Mit den Jahren steigern sich die Prüfungen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 140
%
Wo ich aufhören muss, sittlich zu sein, habe ich keine Gewalt
mehr.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 141
%
Zensur und Pressfreiheit werden immerfort miteinander kämpfen.
Zensur fordert und übt der Mächtige, Pressfreiheit verlangt der
Mindere. Jener will weder in seinen Planen noch seiner Tätigkeit
durch vorlautes, widersprechendes Wesen gehindert, sondern gehorcht
sein; diese wollen ihre Gründe aussprechen, den Ungehorsam zu
legitimieren. Dieses wird man überall geltend finden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 142
%
Doch muss man auch hier bemerken, dass der Schwächere, der
leidende Teil, gleichfalls auf seine Weise die Pressfreiheit zu
unterdrücken sucht, und zwar in dem Falle, wenn er konspiriert und
nicht verraten sein will.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 143
%
Man wird nie betrogen, man betrügt sich selbst.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 144
%
Wir brauchen in unserer Sprache ein Wort, das, wie Kindheit sich
zu Kind verhält, so das Verhältnis Volkheit zum Volke ausdrückt. Der
Erzieher muss die Kindheit hören, nicht das Kind; der Gesetzgeber und
Regent die Volkheit, nicht das Volk. Jene spricht immer dasselbe aus,
ist vernünftig, beständig, rein und wahr; dieses weiß niemals für
lauter Wollen, was es will. Und in diesem Sinne soll und kann das
Gesetz der allgemein ausgesprochene Wille der Volkheit sein, ein
Wille, den die Menge niemals ausspricht, den aber der Verständige
vernimmt, den der Vernünftige zu befriedigen weiß und der Gute gern
befriedigt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 145
%
Welches Recht wir zum Regiment haben, darnach fragen wir nicht:
Wir regieren. Ob das Volk ein Recht habe, uns abzusetzen, darum
bekümmern wir uns nicht: Wir hüten uns nur, dass es nicht in
Versuchung komme, es zu tun.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 146
%
Wenn man den Tod abschaffen könnte, dagegen hätten wir nichts;
die Todesstrafen abzuschaffen, wird schwer halten. Geschieht es, so
rufen wir sie gelegentlich wieder zurück.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 147
%
Wenn sich die Sozietät des Rechtes begibt, die Todesstrafe zu
verfügen, so tritt die Selbsthilfe unmittelbar wieder hervor, die
Blutrache klopft an die Türe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 148
%
Alle Gesetze sind von Alten und Männern gemacht. Junge und
Weiber wollen die Ausnahme, Alte die Regel.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 149
%
Der Verständige regiert nicht, aber der Verstand; nicht der
Vernünftige, sondern die Vernunft.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 150
%
Wen jemand lobt, dem stellt er sich gleich.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 151
%
Es ist nicht genug, zu wissen, man muss auch anwenden; es ist
nicht genug, zu wollen, man muss auch tun.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 152
%
Es gibt keine patriotische Kunst und keine patriotische
Wissenschaft. Beide gehören, wie alles hohe Gute, der ganzen Welt an
und können nur durch allgemeine freie Wechselwirkung aller zugleich
Lebenden in steter Rücksicht auf das, was uns vom Vergangenen übrig
und bekannt ist, gefördert werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 153
%
Der unschätzbare Vorteil, welchen die Ausländer gewinnen, indem
sie unsere Literatur erst jetzt gründlich studieren, ist der, dass
sie über die Entwicklungskrankheiten, durch die wir nun schon beinahe
während dem Laufe des Jahrhunderts durchgehen mussten, auf einmal weg
gehoben werden und, wenn das Glück gut ist, ganz eigentlich daran
sich auf das wünschenswerteste ausbilden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 154
%
Wo die Franzosen des achtzehnten Jahrhunderts zerstörend sind,
ist Wieland neckend.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 155
%
Das poetische Talent ist dem Bauer so gut gegeben wie dem
Ritter, es kommt nur darauf an, dass jeder seinen Zustand ergreife
und ihn nach Würden behandle.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 156
%
"Was sind Tragödien anders als versifizierte Passionen solcher
Leute, die sich aus den äußern Dingen ich weiß nicht was machen?"
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 157
%
Yorick Sterne war der schönste Geist, der je gewirkt hat; wer
ihn liest, fühlt sich sogleich frei und schön; sein Humor ist
unnachahmlich, und nicht jeder Humor befreit die Seele.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 158
%
"Mäßigkeit und klarer Himmel sind Apollo und die Musen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 159
%
"Das Gesicht ist der edelste Sinn; die andern vier belehren uns
nur durch die Organe des Takts: Wir hören, wir fühlen, riechen und
betasten alles durch Berührung; das Gesicht aber steht unendlich
höher, verfeint sich über die Materie und nähert sich den Fähigkeiten
des Geistes."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 160
%
"Setzten wir uns an die Stelle anderer Personen, so würden
Eifersucht und Hass wegfallen, die wir so oft gegen sie empfinden;
und setzten wir andere an unsere Stelle, so würde Stolz und
Einbildung gar sehr abnehmen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 161
%
"Nachdenken und Handeln verglich einer mit Rahel und Lea: Die
eine war anmutiger, die andere fruchtbarer."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 162
%
"Nichts im Leben, außer Gesundheit und Tugend, ist
schätzenswerter als Kenntnis und Wissen; auch ist nichts so leicht zu
erreichen und so wohlfeil zu erhandeln: Die ganze Arbeit ist
Ruhigsein und die Ausgabe Zeit, die wir nicht retten, ohne sie
auszugeben."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 163
%
"Könnte man Zeit wie bares Geld beiseite legen, ohne sie zu
benutzen, so wäre dies eine Art von Entschuldigung für den Müßiggang
der halben Welt - aber keine völlige; denn es wäre ein Haushalt, wo
man von dem Hauptstamm lebte, ohne sich um die Interessen zu bemühen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 164
%
"Neuere Poeten tun viel Wasser in die Tinte."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 165
%
"Unter mancherlei wunderlichen Albernheiten der Schulen kommt
mir keine so vollkommen lächerlich vor als der Streit über die
Echtheit alter Schriften, alter Werke. Ist es denn der Autor oder die
Schrift, die wir bewundern oder tadeln? Es ist immer nur der Autor,
den wir vor uns haben; was kümmern uns die Namen, wenn wir ein
Geisteswerk auslegen?"
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 166
%
"Wer will behaupten, dass wir Virgil oder Homer vor uns haben,
indem wir die Worte lesen, die ihm zugeschrieben werden? Aber die
Schreiber haben wir vor uns, und was haben wir weiter nötig? Und ich
denke fürwahr, die Gelehrten, die in dieser unwesentlichen Sache so
genau zu Werke gehen, scheinen mir nicht weiser als ein sehr schönes
Frauenzimmer, das mich einmal mit möglichst süßem Lächeln befragte,
wer denn der Autor von Shakespeares Schauspielen gewesen sei."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 167
%
"Es ist besser, das geringste Ding von der Welt zu tun, als eine
halbe Stunde für gering halten."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 168
%
"Mut und Bescheidenheit sind die unzweideutigsten Tugenden; denn
die sind von der Art, dass Heuchelei sie nicht nachahmen kann. Auch
haben sie die Eigenschaft gemein, sich beide durch dieselbe Farbe
auszudrücken."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 169
%
"Unter allem Diebesgesindel sind die Narren die schlimmsten: Sie
rauben euch beides, Zeit und Stimmung."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 170
%
Uns selbst zu achten, leitet unsre Sittlichkeit; andere zu
schätzen, regiert unser Betragen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 171
%
"Kunst und Wissenschaft sind Worte, die man so oft braucht und
deren genauer Unterschied selten verstanden wird, man gebraucht oft
eins für das andere."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 172
%
"Auch gefallen mir die Definitionen nicht, die man davon gibt.
Verglichen fand ich irgendwo Wissenschaft mit Witz, Kunst und Humor,
Hierin find' ich mehr Einbildungskraft als Philosophie: Es gibt uns
wohl einen Begriff von dem Unterschied beider, aber keinen von dem
Eigentümlichen einer jeden."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 173
%
"Ich denke, Wissenschaft könnte man die Kenntnis des Allgemeinen
nennen, das abgezogene Wissen, Kunst dagegen wäre Wissenschaft zur
Tat verwendet; Wissenschaft wäre Vernunft und Kunst ihr Mechanismus,
deshalb man sie auch praktische Wissenschaft nennen könnte. Und so
wäre denn endlich Wissenschaft das Theorem, Kunst das Problem."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 174
%
"Vielleicht wird man mir einwenden: Man hält die Poesie für
Kunst, und doch ist sie nicht mechanisch. Aber ich leugne, dass sie
eine Kunst sei; auch ist sie keine Wissenschaft. Künste und
Wissenschaften erreicht man durch Denken, Poesie nicht; denn diese
ist Eingebung: Sie war in der Seele empfangen, als sie sich zuerst
regte. Man sollte sie weder Kunst noch Wissenschaft nennen, sondern
Genius."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 175
%
Auch jetzt im Augenblick sollte jeder Gebildete Sternes Werke
wieder zur Hand nehmen, damit auch das neunzehnte Jahrhundert
erführe, was wir ihm schuldig sind, und einsähe, was wir ihm schuldig
werden können.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 176
%
In dem Erfolg der Literaturen wird das frühere Wirksame
verdunkelt, und das daraus entsprungene Gewirkte nimmt überhand;
deswegen man wohl tut, von Zeit zu Zeit wieder zurückzublicken. Was
an uns Original ist, wird am besten erhalten und belebt, wenn wir
unsre Altvordern nicht aus den Augen verlieren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 177
%
Möge das Studium der griechischen und römischen Literatur
immerfort die Basis der höhern Bildung bleiben!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 178
%
Chinesische, indische, ägyptische Altertümer sind immer nur
Kuriositäten: Es ist sehr wohl getan, sich und die Welt damit bekannt
zu machen; zu sittlicher und ästhetischer Bildung aber werden sie uns
wenig fruchten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 179
%
Der Deutsche läuft keine größere Gefahr, als sich mit und an
seinen Nachbarn zu steigern; es ist vielleicht keine Nation
geeigneter, sich aus sich selbst zu entwickeln, deswegen es ihr zum
größten Vorteil gereichte, dass die Außenwelt von ihr so spät Notiz
nahm.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 180
%
Sehen wir unsre Literatur über ein halbes Jahrhundert zurück, so
finden wir, dass nichts um der Fremden willen geschehen ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 181
%
Das Friedrich der Große aber gar nichts von ihnen wissen wollte,
das verdross die Deutschen doch, und sie taten das Mögliche, als
etwas vor ihm zu erscheinen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 182
%
Jetzt, da sich eine Weltliteratur einleitet, hat, genau besehen,
der Deutsche am meisten zu verlieren; er wird wohl tun, dieser
Warnung nachzudenken.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 183
%
Auch einsichtige Menschen bemerken nicht, dass sie dasjenige
erklären wollen, was Grunderfahrungen sind, bei denen man sich
beruhigen müsste.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 184
%
Doch mag dies auch vorteilhaft sein, sonst unterließe man das
Forschen allzu früh.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 185
%
Wer sich von nun an nicht auf eine Kunst oder Handwerk legt, der
wird übel dran sein. Das Wissen fördert nicht mehr bei dem schnellen
Umtriebe der Welt; bis man von allem Notiz genommen hat, verliert man
sich selbst.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 186
%
Eine allgemeine Ausbildung dringt uns jetzt die Welt ohnehin
auf, wir brauchen uns deshalb darum nicht weiter zu bemühen; das
Besondere müssen wir uns zueignen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 187
%
Die größten Schwierigkeiten liegen da, wo wir sie nicht suchen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 188
%
Lorenz Sterne war geboren 1713, starb 1768. Um ihn zu begreifen,
darf man die sittliche und kirchliche Bildung seiner Zeit nicht
unbeachtet lassen; dabei hat man wohl zu bedenken, dass er
Lebensgenosse Warburtons gewesen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 189
%
Eine freie Seele, wie die seine, kommt in Gefahr, frech zu
werden, wenn nicht ein edles Wohlwollen das sittliche Gleichgewicht
herstellt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 190
%
Bei leichter Berührbarkeit entwickelte sich alles von innen bei
ihm heraus; durch beständigen Konflikt unterschied er das Wahre vom
Falschen, heilt am ersten fest und verhielt sich gegen das andere
rücksichtslos.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 191
%
Er fühlte einen entschiedenen Hass gegen Ernst, weil er
didaktisch und dogmatisch ist und gar leicht pedantisch wird, wogegen
er den entschiedensten Abscheu hegte. Daher seine Abneigung gegen
Terminologie.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 192
%
Bei den vielfachsten Studien und Lektüre entdeckte er überall
das Unzulängliche und Lächerliche.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 193
%
Shandeism nennt er die Unmöglichkeit, über einen ernsten
Gegenstand zwei Minuten zu denken.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 194
%
Dieser schnelle Wechsel von Ernst und Scherz, von Anteil und
Gleichgültigkeit, von Leid und Freude soll in dem irländischen
Charakter liegen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 195
%
Sagazität und Penetration sind bei ihm grenzenlos.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 196
%
Seine Heiterkeit, Genügsamkeit, Duldsamkeit auf der Reise, wo
diese Eigenschaften am meisten geprüft werden, finden nicht leicht
ihresgleichen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 197
%
So sehr uns der Anblick einer freien Seele dieser Art ergötzt,
ebenso sehr werden wir gerade in diesem Fall erinnert, dass wir von
allem dem, wenigstens von dem meisten, was uns entzückt, nichts in
uns aufnehmen dürfen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 198
%
Das Element der Lüsternheit, in dem er sich so zierlich und
sinnig benimmt, würde vielen andern zum Verderben gereichen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 199
%
Das Verhältnis zu seiner Frau wie zur Welt ist betrachtenswert.
"Ich habe mein Elend nicht wie ein weiser Mann benutzt", sagt er
irgendwo.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 200
%
Er scherzt gar anmutig über die Widersprüche, die seinen Zustand
zweideutig machen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 201
%
"Ich kann das Predigen nicht vertragen; ich glaube, ich habe in
meiner Jugend mich daran übergessen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 202
%
Er ist in nichts ein Muster und in allem ein Andeuter und
Erwecker.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 203
%
"Unser Anteil an öffentlichen Angelegenheiten ist meist nur
Philisterei."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 204
%
"Nichts ist höher zu schätzen als der Wert des Tages."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 205
%
"Pereant, qui ante nos nostra dixerunt!"
So wunderlich könnte nur derjenige sprechen, der sich einbildete, ein
Autochthon zu sein. Wer sich's zur Ehre hält, von vernünftigen
Vorfahren abzustammen, wird ihnen doch wenigstens ebensoviel
Menschensinn zugestehen als sich selbst.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 206
%
Die originalsten Autoren der neuesten Zeit sind es nicht
deswegen, weil sie etwas Neues hervorbringen, sondern allein, weil
sie fähig sind, dergleichen Dinge zu sagen, als wenn sie vorher
niemals wären gesagt gewesen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 207
%
Daher ist das schönste Zeichen der Originalität, wenn man einen
empfangenen Gedanken dergestalt fruchtbar zu entwickeln weiß, dass
niemand leicht, wie viel in ihm verborgen liege, gefunden hätte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 208
%
Viele Gedanken heben sich erst aus der allgemeinen Kultur
hervor, wie die Blüten aus den grünen Zweigen. Zur Rosenzeit sieht
man Rosen überall blühen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 209
%
Eigentlich kommt alles auf die Gesinnungen an: Wo diese sind,
treten auch die Gedanken hervor, und nach dem sie sind, sind auch die
Gedanken.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 210
%
"Nichts wird leicht ganz unparteiisch wieder dargestellt. Man
könnte sagen, hievon mache der Spiegel eine Ausnahme, und doch sehen
wir unser Angesicht niemals ganz richtig darin; ja, der Spiegel kehrt
unsre Gestalt um und macht unsre linke Hand zur rechten. Dies mag ein
Bild sein für alle Betrachtungen über uns selbst."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 211
%
"Im Frühling und Herbst denkt man nicht leicht ans Kaminfeuer;
und doch geschieht es, dass, wenn wir zufällig an einem vorbeigehen,
wir das Gefühl, das es mitteilt, so angenehm finden, dass wir ihm
wohl nachhängen mögen. Dies möchte mit jeder Versuchung analog sein."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 212
%
"Sei nicht ungeduldig, wenn man deine Argumente nicht gelten
lässt."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 213
%
Wer lange in bedeutenden Verhältnissen lebt, dem begegnet
freilich nicht alles, was dem Menschen begegnen kann; aber doch das
Analoge und vielleicht einiges, was ohne Beispiel war.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 214
%
Wenn der Mensch alles leisten soll, was man von ihm fordert, so
muss er sich für mehr halten, als er ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 215
%
Solange das nicht ins Absurde geht, erträgt man's auch gern.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 216
%
Die Arbeit macht den Gesellen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 217
%
Gewisse Bücher scheinen geschrieben zu sein, nicht damit man
daraus lerne, sondern damit man wisse, dass der Verfasser etwas
gewusst hat.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 218
%
Sie peitschen den Quark, ob nicht etwa Creme daraus werden wolle.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 219
%
Es ist weit eher möglich, sich in den Zustand eines Gehirns zu
versetzen, das im entschiedensten Irrtum befangen ist, als eines, das
Halbwahrheiten sich vorspiegelt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 220
%
Die Lust der Deutschen am Unsichern in den Künsten kommt aus der
Pfuscherei her: Denn wer pfuscht, darf das Recht nicht gelten lassen,
sonst wäre er gar nichts.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 221
%
Es ist traurig, anzusehen, wie ein außerordentlicher Mensch sich
gar oft mit sich selbst, seinen Umständen, seiner Zeit herumwürgt,
ohne auf einen grünen Zweig zu kommen. Trauriges Beispiel Bürger.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 222
%
Die größte Achtung, die ein Autor für sein Publikum haben kann,
ist, dass er niemals bringt, was man erwartet, sondern was er selbst
auf der jedesmaligen Stufe eigner und fremder Bildung für recht und
nützlich hält.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 223
%
Die Weisheit ist nur in der Wahrheit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 224
%
Wenn ich irre, kann es jeder bemerken, wenn ich lüge, nicht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 225
%
Der Deutsche hat Freiheit der Gesinnung, und daher merkt er
nicht, wenn es ihm an Geschmacks- und Geistesfreiheit fehlt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 226
%
Ist denn die Welt nicht schon voller Rätsel genug, dass man die
einfachsten Erscheinungen auch noch zu Rätseln machen soll?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 227
%
"Das kleinste Haar wirft seinen Schatten."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 228
%
Was ich in meinem Leben durch falsche Tendenzen versucht habe zu
tun, hab' ich denn doch zuletzt gelernt begreifen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 229
%
Die Freigebigkeit erwirbt einem jeden Gunst, vorzüglich wenn sie
von Demut begleitet wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 230
%
Vor dem Gewitter erhebt sich zum letzten Male der Staub
gewaltsam, der nun bald für lange getilgt sein soll.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 231
%
Die Menschen kennen einander nicht leicht, selbst mit dem besten
Willen und Vorsatz; nun tritt noch der böse Wille hinzu, der alles
entstellt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 232
%
Man würde einander besser kennen, wenn sich nicht immer einer
dem andern gleichstellen wollte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 233
%
Ausgezeichnete Personen sind daher übler dran als andere: Da man
sich mit ihnen nicht vergleicht, passt man ihnen auf.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 234
%
In der Welt kommt's nicht drauf an, dass man die Menschen kenne,
sondern dass man im Augenblick klüger sei als der vor uns Stehende.
Alle Jahrmärkte und Marktschreier geben Zeugnis.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 235
%
Nicht überall, wo Wasser ist, sind Frösche; aber wo man Frösche
hört, ist Wasser.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 236
%
Wer fremde Sprachen nicht kennt, weiß nichts von seiner eigenen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 237
%
Der Irrtum ist recht gut, solange wir jung sind; man muss ihn
nur nicht mit ins Alter schleppen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 238
%
Alle Travers, die veralten, sind unnützes, ranziges Zeug.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 239
%
Durch die despotische Unvernunft des Kardinals Richelieu war
Corneille an sich selbst irregeworden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 240
%
Die Natur gerät auf Spezifikationen wie in eine Sackgasse: Sie
kann nicht durch und mag nicht wieder zurück, daher die
Hartnäckigkeit der Nationalbildung.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 241
%
Metamorphose im höhern Sinn durch Nehmen und Geben, Gewinnen und
Verlieren hat schon Dante trefflich geschildert.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 242
%
Jeder hat etwas in seiner Natur, das, wenn er es öffentlich
ausspräche, Missfallen erregen müsste.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 243
%
Wenn der Mensch über sein Physisches oder Moralisches nachdenkt,
findet er sich gewöhnlich krank.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 244
%
Es ist eine Forderung der Natur, dass der Mensch mitunter
betäubt werde, ohne zu schlafen: Daher der Genuss im Tabakrauchen,
Branntweintrinken, Opiaten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 245
%
Dem tätigen Menschen kommt es darauf an, dass er das Rechte tue;
ob das Rechte geschehe, soll ihn nicht kümmern.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 246
%
Mancher klopft mit dem Hammer an der Wand herum und glaubt, er
treffe jedes Mal den Nagel auf den Kopf.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 247
%
Die französischen Worte sind nicht aus geschriebenen
lateinischen Worten entstanden, sondern aus gesprochenen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 248
%
Das Zufällig-Wirkliche, an dem wir weder ein Gesetz der Natur
noch der Freiheit für den Augenblick entdecken, nennen wir das
Gemeine.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 249
%
Bemalung und Punktierung der Körper ist eine Rückkehr zur
Tierheit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 250
%
Geschichte schreiben ist eine Art, sich das Vergangene vom Halse
zu schaffen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 251
%
Was man nicht versteht, besitzt man nicht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 252
%
Nicht jeder, dem man Prägnantes überliefert, wird produktiv; es
fällt ihm wohl etwas ganz Bekanntes dabei ein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 253
%
Gunst als Symbol der Souveränität, von schwachen Menschen
ausgeübt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 254
%
Es gibt nichts Gemeines, was, fratzenhaft ausgedrückt, nicht
humoristisch aussähe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 255
%
Es bleibt einem jeden immer noch so viel Kraft, das auszuführen,
wovon er überzeugt ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 256
%
Das Gedächtnis mag immer schwinden, wenn das Urteil im
Augenblick nicht fehlt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 257
%
Die so genannten Naturdichter sind frisch und neu aufgeforderte,
aus eine rüberbildeten, stockenden, manierierten Kunstepoche
zurückgewiesene Talente. Dem Platten können sie nicht ausweichen, man
kann sie daher als rückschreitend ansehen; sie sind aber
regenerierend und veranlassen neue Vorschritte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 258
%
Keine Nation gewinnt ein Urteil, als wenn sie über sich selbst
urteilen kann. Zu diesem großen Vorteil gelangt sie aber sehr spät.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 259
%
Anstatt meinen Worten zu widersprechen, sollten sie nach meinem
Sinne halten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 260
%
Alle Gegner einer geistreichen Sache schlagen nur in die Kohlen:
Diese springen umher und zünden da, wo sie sonst nicht gewirkt hätten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 261
%
Die Menschen verdrießt's, dass das Wahre so einfach ist; sie
sollten bedenken, dass sie noch Mühe genug haben, es praktisch zu
ihrem Nutzen anzuwenden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 262
%
Ich verwünsche die, die aus dem Irrtum eine eigene Welt machen
und doch unablässig fordern, dass der Mensch nützlich sein müsse.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 263
%
Eine Schule ist als ein einziger Mensch anzusehen, der hundert
Jahre mit sich selbst spricht und sich in seinem eignen Wesen, und
wenn es auch noch so albern wäre, ganz außerordentlich gefällt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 264
%
Eine falsche Lehre lässt sich nicht widerlegen, denn sie ruht ja
auf der Überzeugung, dass das Falsche wahr sei. Aber das Gegenteil
kann, darf und muss man wiederholt aussprechen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 265
%
Der Mensch wäre nicht der Vornehmste auf der Erde, wenn er nicht
zu vornehm für sie wäre.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 266
%
Das längst Gefundene wird wieder verscharrt; wie bemühte sich
Tycho, die Kometen zu regelmäßigen Körpern zu machen, wofür sie
Seneca längst anerkannt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 267
%
Wie lange hat man über die Antipoden hin und her gestritten!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 268
%
Gewissen Geistern muss man ihre Idiotismen lassen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 269
%
Es werden jetzt Produktionen möglich, die Null sind, ohne
schlecht zu sein: Null, weil sie keinen Gehalt haben; nicht schlecht,
weil eine allgemeine Form guter Muster den Verfassern vorschwebt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 270
%
Der Schnee ist eine erlogene Reinlichkeit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 271
%
Wer sich vor der Idee scheut, hat auch zuletzt den Begriff nicht
mehr.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 272
%
Unsere Meister nennen wir billig die, von denen wir immer
lernen. Nicht ein jeder, von dem wir lernen, verdient diesen Titel.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 273
%
Alles Lyrische muss im Ganzen sehr vernünftig, im Einzelnen ein
bisschen unvernünftig sein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 274
%
Es hat mit euch eine Beschaffenheit wie mit dem Meer, dem man
unterschiedentliche Namen gibt, und es ist doch endlich alles
gesalzen Wasser.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 275
%
Man sagt: Eitles Eigenlob stinket; das mag sein. Was aber
fremder und ungerechter Tadel für einen Geruch habe, dafür hat das
Publikum keine Nase.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 276
%
Der Roman ist eine subjektive Epopöe, in welcher der Verfasser
sich die Erlaubnis ausbittet, die Welt nach seiner Weise zu
behandeln. Es fragt sich also nur, ob er eine Weise habe, das andere
wird sich schon finden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 277
%
Es gibt problematische Naturen, die keiner Lage gewachsen sind,
in der sie sich befinden, und denen keine genugtut. Daraus entsteht
der ungeheure Widerstreit, der das Leben ohne Genuss verzehrt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 278
%
Das eigentlich wahrhaft Gute, was wir tun, geschieht
größtenteils clam, vi et precario.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 279
%
"Ein lustiger Gefährte ist ein Rollwagen auf der Wanderschaft."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 280
%
Der Schmutz ist glänzend, wenn die Sonne scheinen mag.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 281
%
Der Müller denkt, es wachse kein Weizen, als damit seine Mühle
gehe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 282
%
Es ist schwer, gegen den Augenblick gerecht sein: Der
gleichgültige macht uns Langeweile, am guten hat man zu tragen und am
bösen zu schleppen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 283
%
Der ist der glücklichste Mensch, der das Ende seines Lebens mit
dem Anfang in Verbindung setzen kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 284
%
So eigensinnig widersprechend ist der Mensch: Zu seinem Vorteil
will er keine Nötigung, zu seinem Schaden leidet er jeden Zwang.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 285
%
Die Vorsicht ist einfach, die Hinterdreinsicht vielfach.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 286
%
Ein Zustand, der alle Tage neuen Verdruss zuzieht, ist nicht der
rechte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 287
%
Bei Unvorsichtigkeiten ist nichts gewöhnlicher, als Aussichten
auf die Möglichkeit eines Auswegs zu suchen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 288
%
Die Hindus der Wüste geloben, keine Fische zu essen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 289
%
Es ist mit Meinungen, die man wagt, wie mit Steinen, die man
voran im Brette bewegt: Sie können geschlagen werden, aber sie haben
ein Spiel eingeleitet, das gewonnen wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 290
%
Es ist so gewiss als wunderbar, dass Wahrheit und Irrtum aus
einer Quelle entstehen; deswegen man oft dem Irrtum nicht schaden
darf, weil man zugleich der Wahrheit schadet.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 291
%
Ein unzulängliches Wahre wirkt eine Zeitlang fort, statt
völliger Aufklärung aber tritt auf einmal ein blendendes Falsche
herein; das genügt der Welt, und so sind Jahrhunderte betört.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 292
%
In den Wissenschaften ist es höchst verdienstlich, das
unzulängliche Wahre, was die Alten schon besessen, aufzusuchen und
weiter zu führen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 293
%
Die Wahrheit gehört dem Menschen, der Irrtum der Zeit an.
Deswegen sagt man von einem außerordentlichen Manne: Le malheur des
temps a causé son erreur, mais la force de son âme l'en a fait sortir
avec gloire.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 294
%
Jedermann hat seine Eigenheiten und kann sie nicht los werden;
und doch geht mancher an seinen Eigenheiten, oft an den
unschuldigsten, zugrunde.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 295
%
Wer sich nicht zuviel dünkt, ist viel mehr, als er glaubt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 296
%
In Kunst und Wissenschaft sowie im Tun und Handeln kommt alles
darauf an, dass die Objekte rein aufgefasst und ihrer Natur gemäß
behandelt werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 297
%
Wenn verständige, sinnige Personen im Alter die Wissenschaft
gering schätzen, so kommt es nur daher, dass sie von ihr und von sich
zuviel gefordert haben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 298
%
Ich bedaure die Menschen, welche von der Vergänglichkeit der
Dinge viel Wesens machen und sich in Betrachtung irdischer
Nichtigkeit verlieren. Sind wir ja eben deshalb da, um das
Vergängliche unvergänglich zu machen; das kann ja nur dadurch
geschehen, dass man beides zu schätzen weiß.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 299
%
Man muss sein Glaubensbekenntnis von Zeit zu Zeit wiederholen,
aussprechen, was man billigt, was man verdammt; der Gegenteil lässt's
ja auch nicht daran fehlen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 300
%
In der jetzigen Zeit soll niemand schweigen oder nachgeben; man
muss reden und sich rühren, nicht um zu überwinden, sondern sich auf
seinem Posten zu erhalten, ob bei der Majorität oder Minorität, ist
ganz gleichgültig.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 301
%
Was die Franzosen tournure nennen, ist eine zur Anmut gemilderte
Anmaßung. Man sieht daraus, dass die Deutschen keine tournure haben
können; ihre Anmaßung ist hart und herb, ihre Anmut mild und demütig;
das eine schließt das andere aus und sind nicht zu verbinden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 302
%
Einen Regenbogen, der eine Viertelstunde steht, sieht man nicht
mehr an.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 303
%
Es begegnete und geschieht mir noch, dass ein Werk bildender
Kunst mir beim ersten Anblick missfällt, weil ich ihm nicht gewachsen
bin; ahn' ich aber ein Verdinest daran, so such' ich ihm beizukommen,
und dann fehlt es nicht an den erfreulichsten Entdeckungen: An den
Dingen werd' ich neue Eigenschaften und an mir neue Fähigkeiten
gewahr.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 304
%
Der Glaube ist ein häuslich, heimlich Kapital, wie es
öffentliche Spar- und Hilfskassen gibt, woraus man in Tagen der Not
einzelnen ihr Bedürfnis reicht, hier nimmt der Gläubige sich seine
Zinsen im Stillen selbst.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 305
%
Der eigentliche Obskurantismus ist nicht, dass man die
Ausbreitung des Wahren, Klaren, Nützlichen hindert, sondern dass man
das Falsche in Kurs bringt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 306
%
Der Irrtum ist viel leichter zu erkennen, als die Wahrheit zu
finden; jener liegt auf der Oberfläche, damit lässt sich wohl fertig
werden; diese ruht in der Tiefe, danach zu forschen, ist nicht
jedermanns Sache.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 307
%
Wir alle leben vom Vergangnen und gehen am Vergangenen zugrunde.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 308
%
Wie wir was Großes lernen sollen, flüchten wir uns gleich in
unsere angeborne Armseligkeit und haben doch immer etwas gelernt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 309
%
Den Deutschen ist nichts daran gelegen, zusammen zu bleiben,
aber doch für sich zu bleiben. Jeder, sei er auch welcher er wolle,
hat so ein eignes Fürsich, das er sich nicht gern möchte nehmen
lassen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 310
%
Die empirisch-sittliche Welt besteht größtenteils nur aus bösem
Willen und Neid.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 311
%
Der Aberglaube ist die Poesie des Lebens; deswegen schadet's dem
Dichter nicht, abergläubisch zu sein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 312
%
Das Leben, so gemein es aussieht, so leicht es sich mit dem
Gewöhnlichen, Alltäglichen zu befriedigen scheint, hegt und pflegt
doch immer gewisse höhere Forderungen im stillen fort und sieht sich
nach Mitteln um, sie zu befriedigen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 313
%
Mit dem Vertrauen ist es eine wunderliche Sache. Hört man nur
einen: Der kann sich irren oder sich betrügen; hört man viele: Die
sind in demselbigen Falle, und gewöhnlich findet man da die Wahrheit
gar nicht heraus.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 314
%
Unreine Lebensverhältnisse soll man niemand wünschen; sie sind
aber für den, der zufällig hineingerät, Prüfsteine des Charakters und
des Entschiedensten, was der Mensch vermag.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 315
%
Ein beschränkter, ehrlicher Mensch sieht oft die Schelmerei der
feinsten Mächler (faiseurs) durch und durch.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 316
%
Wer keine Liebe fühlt, muss schmeicheln lernen, sonst kommt er
nicht aus.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 317
%
Gegen die Kritik kann man sich weder schützen noch wehren; man
muss ihr zum Trutz handeln, und das lässt sie sich nach und nach
gefallen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 318
%
Die Menge kann tüchtige Menschen nicht entbehren, und die
Tüchtigen sind ihnen jederzeit zur Last.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 319
%
Wer meine Fehler überträgt, ist mein Herr, und wenn's mein
Diener wäre.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 320
%
Memoiren von oben herunter oder von unten hinauf: Sie müssen
sich immer begegnen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 321
%
Wenn man von den Leuten Pflichten fordert und ihnen keine Rechte
zugestehen will, muss man sie gut bezahlen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 322
%
Das so genannte Romantische einer Gegend ist ein stilles Gefühl
des Erhabenen unter der Form der Vergangenheit oder, was gleich
lautet, der Einsamkeit, Abwesenheit, Abgeschiedenheit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 323
%
Der herrliche Kirchengesang: Veni Creator Spiritus ist ganz
eigentlich ein Appell ans Genie; deswegen er auch geist- und
kraftreiche Menschen gewaltig anspricht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 324
%
Aufrichtig zu sein, kann ich versprechen, unparteiisch zu sein
aber nicht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 325
%
Der Undank ist immer eine Art Schwäche. Ich habe nie gesehen,
dass tüchtige Menschen wären undankbar gewesen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 326
%
Wir alle sind so borniert, dass wir immer glauben, recht zu
haben; und so lässt sich ein außerordentlicher Geist denken, der
nicht allein irrt, sondern sogar Lust am Irrtum hat.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 327
%
Reine mittlere Wirkung zur Vollendung des Guten und Rechten ist
sehr selten; gewöhnlich sehen wir Pedanterie, welche zu retardieren,
Frechheit, die zu übereilen strebt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 328
%
"Wer sich mit Wissenschaften abgibt, leidet erst durch
Retardationen und dann durch Präokkupationen. Die erste Zeit wollen
die Menschen dem keinen Wert zugestehen, was wir ihnen überliefern,
und dann gebärden sie sich, als wenn ihnen alles schon bekannt wäre,
was wir ihnen überliefern könnten."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 329
%
Wort und Bild sind Korrelate, die sich immerfort suchen, wie wir
an Tropen und Gleichnissen genugsam gewahr werden. So von jeher, was
dem Ohr nach innen gesagt oder gesungen war, sollte dem Auge
gleichfalls entgegenkommen. Und so sehen wir in kindlicher Zeit in
Gesetzbuch und Heilsordnung, in Bibel und Fibel sich Wort und Bild
immerfort balancieren. Wenn man aussprach, was sich nicht bilden,
bildete, was sich nicht aussprechen ließ, so war das ganz recht; aber
man vergriff sich gar oft und sprach, statt zu bilden, und daraus
entstanden die doppelt bösen symbolisch-mystischen Ungeheuer.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 330
%
Eine Sammlung von Anekdoten und Maximen ist für den Weltmann der
größte Schatz, wenn er die ersten an schicklichen Orten ins Gespräch
einzustreuen, der letzten im treffenden Falle sich zu erinnern weiß.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 331
%
Wo der Anteil sich verliert, verliert sich auch das Gedächtnis.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 332
%
Die Welt ist eine Glocke, die einen Riss hat: Sie klappert, aber
klingt nicht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 333
%
Die Zudringlichkeit junger Dilettanten muss man mit Wohlwollen
ertragen; sie werden im Alter die wahrsten Verehrer der Kunst und des
Meisters.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 334
%
Wenn die Menschen recht schlecht werden, haben sie keinen Anteil
mehr als die Schadenfreude.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 335
%
Gescheite Leute sind immer das beste Konversationslexikon.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 336
%
Es gibt Menschen, die gar nicht irren, weil sie sich nichts
Vernünftiges vorsetzen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 337
%
Kenne ich mein Verhältnis zu mir selbst und zur Außenwelt, so
heiß' ich's Wahrheit. Und so kann jeder seine eigene Wahrheit haben,
und es ist doch immer dieselbige.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 338
%
Das Besondere unterliegt ewig dem Allgemeinen; das Allgemeine
hat ewig sich dem Besondern zu fügen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 339
%
Vom eigentlichen Produktiven ist niemand Herr, und sie müssen es
alle nur so gewähren lassen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 340
%
Die Zeit ist selbst ein Element.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 341
%
Der Mensch begreift niemals, wie anthropomorphisch er ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 342
%
Ein Unterschied, der dem Verstand nichts gibt, ist kein
Unterschied.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 343
%
Die Verwechselung eines Konsonanten mit dem andern möchte wohl
aus Unfähigkeit des Organs, die Verwandlung der Vokale in Diphthongen
aus einem eingebildeten Pathos entstehen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 344
%
Man kann nicht für jedermann leben, besonders für die nicht, mit
denen man nicht leben möchte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 345
%
Der Appell an die Nachwelt entspringt aus dem reinen lebendigen
Gefühl, dass es ein Unvergängliches gebe und, wenn auch nicht gleich
anerkannt, doch zuletzt aus der Minorität sich der Majorität werde zu
erfreuen haben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 346
%
"Wenn man alle Gesetze studieren sollte, so hätte man gar keine
Zeit, sie zu übertreten."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 347
%
Geheimnisse sind noch keine Wunder.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 348
%
"I convertiti stanno freschi appresso di me."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 349
%
Leichtsinnige, leidenschaftliche Begünstigung problematischer
Talente war ein Fehler meiner frühern Jahre, den ich niemals ganz
ablegen konnte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 350
%
Ich möchte gern ehrlich mit dir sein, ohne dass wir uns
entzweiten: Das geht aber nicht. Du benimmst dich falsch und setzest
dich zwischen zwei Stühle; Anhänger gewinnst du nicht und verlierst
deine Freunde. Was soll daraus werden!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 351
%
Es ist ganz einerlei, vornehm oder gering sein: Das Menschliche
muss man immer ausbaden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 352
%
Die liberalen Schriftsteller spielen jetzt ein gutes Spiel, sie
haben das ganze Publikum zu Suppleanten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 353
%
Wenn ich von liberalen Ideen reden höre, so verwundere ich mich
immer, wie die Menschen sich gern mit leeren Wortschällen hinhalten:
Eine Idee darf nicht liberal sein! Kräftig sei sie, tüchtig, in sich
selbst abgeschlossen, damit sie den göttlichen Auftrag, produktiv zu
sein, erfülle. Noch weniger darf der Begriff liberal sein, denn der
hat einen ganz andern Auftrag.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 354
%
Wo man die Liberalität aber suchen muss, das ist in den
Gesinnungen, und diese sind das lebendige Gemüt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 355
%
Gesinnungen aber sind selten liberal, weil die Gesinnung
unmittelbar aus der Person, ihren nächsten Beziehungen und
Bedürfnissen hervorgeht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 356
%
Weiter schreiben wir nicht; an diesem Maßstab halte man, was man
tagtäglich hört!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 357
%
Es sind immer nur unsere Augen, unsere Vorstellungsarten; die
Natur weiß ganz allein, was sie will, was sie gewollt hat.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 358
%
   "Gib mir! Wo ich stehe!"
            Archimedes.
         "Nimm dir, wo du stehest!"
            Nose.
         "Behaupte, wo du stehst!"
            G.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 359
%
Allgemeines Kausalverhältnis, das der Beobachter aufsucht und
ähnliche Erscheinungen einer allgemeinen Ursache zuschreibt; an die
nächste wird selten gedacht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 360
%
"Einem Klugen widerfährt keine geringe Torheit."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 361
%
Bei jedem Kunstwerk, groß und klein, bis ins kleinste kommt
alles auf die Konzeption an.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 362
%
Es gibt eine Poesie ohne Tropen, die ein einziger Tropus ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 363
%
Ein alter gutmütiger Examinator sagte einem Schüler ins Ohr:
            Etiam nihil didicisti,
und lässt ihn für gut hingehen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 364
%
Das Fürtreffliche ist unergründlich, man mag damit anfangen, was
man will.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 365
%
"Aemilium Paullum - virum in tantum laudandum, in quantum
intelligi virtus potest."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 366
%
Ich habe mich so lange ums Allgemeine bemüht, bis ich einsehen
lernte, was vorzügliche Menschen im Besondern leisten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 367
%
Indem ich mich zeither mit der Lebensgeschichte wenig und viel
bedeutender Menschen anhaltender beschäftigte, kam ich auf den
Gedanken, es möchten sich wohl die einen in dem Weltgewebe als
Zettel, die andern als Einschlag betrachten lassen; jene gäben
eigentlich die Breite des Gewebes an, diese dessen Halt, Festigkeit,
vielleicht auch mit Zutat irgendeines Gebildes. Die Schere der Parze
hingegen bestimmt die Länge, dem sich denn das übrige alles zusammen
unterwerfen muss. Weiter wollen wir das Gleichnis nicht verfolgen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 368
%
Auch Bücher haben ihr Erlebtes, das ihnen nicht entzogen werden
kann.
     Wer nie sein Brot mit Tränen aß,
     Wer nicht die kummervollen Nächte
     Auf seinem Bette weinend saß,
     Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte.
Diese tiefschmerzlichen Zeilen wiederholte sich eine höchst
vollkommene angebetete Königin in der grausamsten Verbannung, zu
grenzenlosem Elend verwiesen. Sie befreudete sich mit dem Buche, das
diese Worte und noch manche schmerzliche Erfahrung überliefert, und
zog daraus einen peinlichen Trost; wer dürfte diese schon in die
Ewigkeit sich erstreckende Wirkung wohl jemals verkümmern?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 369
%
Mit dem größten Entzücken sieht man im Apollosaal der Villa
Aldobrandini zu Frascati, auf welche glückliche Weise Domenichin die
Ovidischen Metamorphosen mit der schicklichsten Örtlichkeit umgibt;
dabei nun erinnert man sich gern, dass die glücklichsten Ereignisse
doppelt selig empfunden werden, wenn sie uns in herrlicher Gegen
gegönnt waren, ja dass gleichgültige Momente durch würdige Lokalität
zu hoher Bedeutung gesteigert wurden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 370
%
Mannräuschlein nannte man im siebzehnten Jahrhundert gar
ausdrucksvoll die Geliebte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 371
%
Liebes gewaschenes Seelchen ist der verliebteste Ausdruck auf
Hiddensee.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 372
%
Das Wahre ist eine Fackel, aber eine ungeheure; deswegen suchen
wir alle nur blinzend so daran vorbeizukommen, in Furcht sogar, uns
zu verbrennen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 373
%
"Die Klugen haben miteinander viel gemein." Äschylus.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 374
%
Das eigentlich Unverständige sonst verständiger Menschen ist,
dass sie nicht zurechtzulegen wissen, was ein anderer sagt, aber
nicht gerade trifft, wie er's hätte sagen sollen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 375
%
Ein jeder, weil er spricht, glaubt auch über die Sprache
sprechen zu können.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 376
%
Man darf nur alt werden, um milder zu sein; ich sehe kein Fehler
begehen, den ich nicht auch begangen hätte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 377
%
Der Handelnde ist immer gewissenlos; es hat niemand Gewissen als
der Betrachtende.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 378
%
Ob denn die Glücklichen glauben, dass der Unglückliche wie ein
Gladiator mit Anstand vor ihnen umkommen solle, wie der römische
Pöbel zu fordern pflegte?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 379
%
Den Timon fragte jemand wegen des Unterrichts seiner Kinder.
Lasst sie, sagte der, unterrichten in dem, was sie niemals begreifen
werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 380
%
Es gibt Personen, denen ich wohl will und wünsche, ihnen besser
wollen zu können.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 381
%
"Der eine Bruder brach Töpfe, der andere Krüge." Verderbliche
Wirtschaft!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 382
%
Wie man aus Gewohnheit nach einer abgelaufenen Uhr hinsieht, als
wenn sie noch ginge, so blickt man auch wohl einer Schönen ins
Gesicht, als wenn sie noch liebte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 383
%
Der Hass ist ein aktives Missvergnügen, der Neid ein passives;
deshalb darf man sich nicht wundern, wenn der Neid so schnell in Hass
übergeht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 384
%
Der Rhythmus hat etwas Zauberisches, sogar macht er uns glauben,
das Erhabene gehöre uns an.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 385
%
Dilettantismus, ernstlich behandelt, und Wissenschaft,
mechanisch betrieben, werden Pedanterei.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 386
%
Die Kunst kann niemand fördern als der Meister. Gönner fördern
den Künstler, das ist recht und gut; aber dadurch wird nicht immer
die Kunst gefördert.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 387
%
"Deutlichkeit ist eine gehörige Verteilung von Licht und
Schatten." Hamann. Hört!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 388
%
Shakespeare ist reich an wundersamen Tropen, die aus
personifizierten Begriffen entstehen und uns gar nicht kleiden
würden, bei ihm aber völlig am Platze sind, weil zu seiner Zeit alle
Kunst von der Allegorie beherrscht wurde.
Auch findet derselbe Gleichnisse, wo wir sie nicht hernehmen
würden, z.B. vom Buche. Die Druckerkunst war schon über hundert Jahre
erfunden; demohngeachtet erschien ein Buch noch als ein Heiliges, wie
wir aus dem damaligen Einbande sehen, und so war es dem edlen Dichter
lieb und ehrenwert; wir aber broschieren jetzt alles und haben nicht
leicht vor dem Einbande noch seinem Inhalte Respekt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 389
%
"Herr von Schweinichen" ist ein merkwürdiges Gesichts- und
Sittenbuch; für die Mühe, die es kostet, es zu lesen, finden wir uns
reichlich belohnt; es wird für gewisse Zustände eine Symbolik der
vollkommensten Art. Es ist kein Lesebuch, aber man muss es gelesen
haben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 390
%
Der törigste von allen Irrtümern ist, wenn junge gute Köpfe
glauben, ihre Originalität zu verlieren, indem sie das Wahre
anerkennen, was von andern schon anerkannt worden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 391
%
Die Gelehrten sind meist gehässig, wenn sie widerlegen; einen
Irrenden sehen sie gleich als ihren Todfeind an.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 392
%
Die Schönheit kann nie über sich selbst deutlich werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 393
%
Sobald man der subjektiven oder so genannten sentimentalen
Poesie mit der objektiven, darstellenden, gleiche Rechte verlieh, wie
es denn auch wohl nicht anders sein konnte, weil man sonst die
moderne Poesie ganz hätte ablehnen müssen, so war vorauszusehen,
dass, wenn auch wahrhafte poetische Genies geboren werden sollten,
sie doch immer mehr das Gemütliche des innern Lebens als das
Allgemeine des großen Weltlebens darstellen würden. Dieses ist nun in
dem Grade eingetroffen, dass es eine Poesie ohne Tropen gibt, der man
doch keineswegs allen Beifall versagen kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 394
%
Madame Roland, auf dem Blutgerüste, verlangte Schreibzeug, um
die ganz besondern Gedanken aufzuschreiben, die ihr auf dem letzten
Wege vorgeschwebt. Schade, dass man ihr's versagte; denn am Ende des
Lebens gehen dem gefassten Geiste Gedanken auf, bisher undenkbare;
sie sind wie selige Dämonen, die sich auf den Gipfeln der
Vergangenheit glänzend niederlassen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 395
%
Man sagt sich oft im Leben, dass man die Vielgeschäftigkeit,
Polypragmosyne, vermeiden, besonders je älter man wird, sich desto
weniger in ein neues Geschäft einlassen solle. Aber man hat gut
reden, gut sich und andern raten. Älter werden heißt selbst ein neues
Geschäft antreten; alle Verhältnisse verändern sich, und man muss
entweder zu handeln ganz aufhören oder mit willen und Bewusstsein das
neue Rollenfach übernehmen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 396
%
Große Talente sind selten, und selten ist es, dass sie sich
selbst erkennen; nun aber hat kräftiges, unbewusstes Handeln und
Sinnen so höchst erfreuliche als unerfreuliche Folgen, und in solchem
Konflikt schwindet ein bedeutendes Leben vorüber. Hievon ergeben sich
in Medwins "Unterhaltungen" so merkwürdige als traurige Beispiele.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 397
%
Vom Absoluten in theoretischem Sinne wag' ich nicht zu reden;
behaupten aber darf ich, dass, wer es in der Erscheinung anerkannt
und immer im Auge behalten hat, sehr großen Gewinn davon erfahren
wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 398
%
In der Idee leben heißt das Unmögliche behandeln, als wenn es
möglich wäre. Mit dem Charakter hat es dieselbe Bewandtnis: Treffen
beide zusammen, so entstehen Ereignisse, worüber die Welt vom
Erstaunen sich Jahrtausende nicht erholen kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 399
%
Napoleon, der ganz in der Idee lebte, konnte sie doch im
Bewusstsein nicht erfassen; er leugnet alles Ideelle durchaus und
spricht ihm jede Wirklichkeit ab, indessen er eifrig es zu
verwirklichen trachtet. Einen solchen innern perpetuierlichen
Widerspruch kann aber sein klarer, unbestechlicher Verstand nicht
ertragen, und es ist höchst wichtig, wenn er, gleichsam genötigt,
sich darüber gar eigen und anmutig ausdrückt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 400
%
Er betrachtet die Idee als ein geistiges Wesen, das zwar keine
Realität hat, aber, wenn es verfliegt, ein Residuum (Caput mortuum)
zurücklässt, dem wir die Wirklichkeit nicht ganz absprechen können.
Wenn dieses uns auch starr und materiell genug scheinen mag, so
spricht er sich ganz anders aus, wenn er von den unaufhaltsamen
Folgen seines Lebens und Treibens mit Glauben und Zutrauen die Seinen
unterhält. Da gesteht er wohl gern, dass Leben Lebendiges
hervorbringe, dass eine gründliche Befruchtung auf alle Zeiten hinaus
wirke. Er gefällt sich, zu bekennen, dass er dem Weltgange eine
frische Anregung, eine neue Richtung gegeben habe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 401
%
Höchst bemerkenswert bleibt es immer, dass Menschen, deren
Persönlichkeit fast ganz Idee ist, sich so äußerst vor dem
Phantastischen scheuen. So war Hamann, dem es unerträglich schien,
wenn von Dingen einer andern Welt gesprochen schien, wenn von Dingen
einer andern Welt gesprochen wurde. Er drückte sich gelegentlich
darüber in einem gewissen Paragraphen aus, den er aber, weil er ihm
unzulänglich schien, vierzehn Mal variierte und sich doch immer
wahrscheinlich nicht genug tat. Zwei von diesen Versuchen sind uns
übrig geblieben; einen dritten haben wir selbst gewagt, welchen hier
abdrucken zu lassen wir durch oben Stehendes veranlasst sind.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 402
%
Der Mensch ist als wirklich in die Mitte einer wirklichen Welt
gesetzt und mit solchen Organen begabt, dass er das Wirkliche und
nebenbei das Mögliche erkennen und hervorbringen kann. Alle gesunden
Menschen haben die Überzeugung ihres Daseins und eines Daseienden um
sie her. Indessen gibt es auch einen hohlen Fleck im Gehirn, d.h.
eine Stelle, wo sich kein Gegenstand abspiegelt, wie denn auch im
Auge selbst ein Fleckchen ist, das nicht sieht. Wird der Mensch auf
diese Stelle besonders aufmerksam, vertieft er sich darin, so
verfällt er in eine Geisteskrankheit, ahnet hier Dinge aus einer
andern Welt, die aber eigentlich Undinge sind und weder Gestalt noch
Begrenzung haben, sondern als leere Nachträumlichkeit ängstigen und
den, der sich nicht losreißt, mehr als gespensterhaft verfolgen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 403
%
Literatur ist das Fragment der Fragmente; das wenigste dessen,
was geschah und gesprochen worden, ward geschrieben; vom
Geschriebenen ist das wenigste übrig geblieben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 404
%
Und doch bei aller Unvollständigkeit des Literarwesens finden
wir tausendfältige Wiederholung, woraus hervorgeht, wie beschränkt
des Menschen Geist und Schicksal sei.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 405
%
Den einzelnen Verkehrtheiten des Tags sollte man immer nur große
weltgeschichtliche Massen entgegensetzen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 406
%
Da wir doch zu dieser allgemeinen Weltberatung als Assessoren,
obgleich sine voto, berufen sind und wir uns von den
Zeitungsschreibern tagtäglich referieren lassen, so ist es ein Glück,
auch aus der Vorzeit tüchtig Referierende zu finden. Für mich sind
von Raumer und Wachler in den neusten Tagen dergleichen geworden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 407
%
Die Frage: Wer höher steht, der Historiker oder der Dichter?
Darf gar nicht aufgeworfen werden; sie konkurrieren nicht
miteinander, so wenig als der Wettläufer und der Faustkämpfer. Jedem
gebührt seine eigene Krone.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 408
%
Die Pflicht des Historikers ist zwiefach: Erst gegen sich
selbst, dann gegen den Leser. Bei sich selbst muss er genau prüfen,
was wohl geschehen sein könnte, und um des Lesers willen muss er
festsetzen, was geschehen sei. Wie er mit sich selbst handelt, mag er
mit seinen Kollegen ausmachen; das Publikum muss aber nicht ins
Geheimnis hineinsehen, wie wenig in der Geschichte als entschieden
ausgemacht kann angesprochen werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 409
%
Es geht uns mit Büchern wie mit neuen Bekanntschaften. Die erste
Zeit sind wir hoch vergnügt, wenn wir im allgemeinen Übereinstimmung
finden, wenn wir uns an irgendeiner Hauptseite unserer Existenz
freundlich berührt fühlen; bei näherer Bekanntschaft treten alsdann
erst die Differenzen hervor, und da ist denn die Hauptsache eines
vernünftigen Betragens, dass man nicht, wie etwa in der Jugend
geschieht, sogleich zurückschaudere, sondern dass man gerade das
Übereinstimmende recht fest halte und sich über die Differenzen
vollkommen aufkläre, ohne sich deshalb vereinigen zu wollen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 410
%
Eine solche freundlich-belehrende Unterhaltung ist mir durch
Stiedenroths "Psychologie" geworden. Alle Wirkung des Äußern aufs
Innere trägt er unvergleichlich vor, und wir sehen die Welt nochmals
nach und nach in uns entstehen. Aber mit der Gegenwirkung des Innern
nach außen gelingt es ihm nicht ebenso. Der Entelechie, die nichts
aufnimmt, ohne sich's durch eigene Zutat anzueignen, lässt er nicht
Gerechtigkeit widerfahren, und mit dem Genie will es auf diesem Weg
gar nicht fort; und wenn er das Ideal aus der Erfahrung abzuleiten
denkt und sagt, das Kind idealisiert nicht, so mag man antworten, das
Kind zeugt nicht; denn zum Gewahrwerden des Ideellen gehört auch eine
Pubertät. Doch genug, er bleibt uns ein werter Gesell und Gefährte
und soll nicht von unserer Seite kommen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 411
%
Wer viel mit Kindern lebt, wird finden, dass keine äußere
Einwirkung auf sie ohne Gegenwirkung bleibt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 412
%
Die Gegenwirkung eines vorzüglich kindlichen Wesens ist sogar
leidenschaftlich, das Eingreifen tüchtig.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 413
%
Deshalb leben Kinder in Schnellurteilen, um nicht zu sagen in
Vorurteilen; denn bis das schnell, aber einseitig Gefasste sich
auslöscht, um einem Allgemeinern Platz zu machen, erfordert es Zeit.
Hierauf zu achten, ist eine der größten Pflichten des Erziehers.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 414
%
Ein zweijähriger Knabe hatte die Geburtstagsfeier begriffen, an
der seinigen die bescherten Gaben mit Dank und Freude sich
zugeeignet, nicht weniger dem Bruder die seinigen bei gleichem Feste
gegönnt.
Hiedurch veranlasst, fragte er am Weihnachtsabend, wo so viele
Geschenke vorlagen, wann denn sein Weihnachten komme? Dies allgemeine
Fest zu begreifen, war noch ein ganzes Jahr nötig.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 415
%
Die große Schwierigkeit bei psychologischen Reflexionen, ist,
dass man immer das Innere und Äußere parallel oder vielmehr
verflochten betrachten muss. Es ist immerfort Systole und Distole,
Einatmen und Ausatmen des lebendigen Wesens; kann man es auch nicht
aussprechen, so beobachte man es genau und merke darauf.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 416
%
Mein Verhältnis zu Schiller gründete sich auf die entschiedene
Richtung beider auf einen Zweck, unsere gemeinsame Tätigkeit auf die
Verschiedenheit der Mittel, wodurch wir jenen zu erreichen streben.
Bei einer zarten Differenz, die einst zwischen uns zur Sprache
kam, und woran ich durch eine Stelle seines Briefs wieder erinnert
werde, macht' ich folgende Betrachtungen:
Es ist ein großer Unterscheid, ob der Dichter zum Allgemeinen das
Besondere sucht oder im Besonderen das Allgemeine schaut. Aus jener
Art entsteht Allegorie, wo das Besondere nur als Beispiel, als
Exempel des Allgemeinen gilt; die letztere aber ist eigentlich die
Natur der Poesie, sie spricht ein Besonderes aus, ohne ans Allgemeine
zu denken oder darauf hinzuweisen. Wer nun dieses Besondere lebendig
fasst, erhält zugleich das Allgemeine mit, ohne es gewahr zu werden,
oder erst spät.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 417
%
Eigentlich weiß man nur, wenn man wenig weiß; mit dem Wissen
wächst der Zweifel.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 418
%
Die Irrtümer des Menschen machen ihn eigentlich liebenswürdig.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 419
%
Bonus vir semper tiro.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 420
%
Es gibt Menschen, die ihr Gleiches lieben und aufsuche, und
wieder solche, die ihr Gegenteil lieben und diesem nachgehn.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 421
%
Wer sich von jeher erlaubt hätte, die Welt so schlecht
anzusehen, wie uns die Widersacher darstellen, der müsste ein
miserables Subjekt geworden sein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 422
%
Missgunst und Hass beschränken den Beobachter auf die
Oberfläche, selbst wenn Scharfsinn sich zu ihnen gesellt;
verschwistert sich dieser hingegen mit Wohlwollen und Liebe, so
durchdringt er die Welt und den Menschen, ja er kann hoffen, zum
Allerhöchsten zu gelangen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 423
%
Panoramic ability schreibt mir ein englischer Kritiker zu, wofür
ich allerschönstens zu danken habe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 424
%
Einem jeden wohlgesinnten Deutschen ist eine gewisse Portion
poetischer Gabe zu wünschen als das wahre Mittel, seinen Zustand, von
welcher Art er auch sei, mit Wert und Anmut einigermaßen zu umkleiden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 425
%
Den Stoff sieht jedermann vor sich; den Gehalt findet nur der,
der etwas dazu zu tun hat, und die Form ist ein Geheimnis den meisten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 426
%
Die Menschen halten sich mit ihren Neigungen ans Lebendige. Die
Jugend bildet sich wieder an der Jugend.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 427
%
Wir mögen die Welt kennen lernen, wie wir wollen, sie wird immer
eine Tag- und eine Nachtseite behalten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 428
%
Der Irrtum wiederholt sich immerfort in der Tat; deswegen muss
man das Wahre unermüdlich in Worten wiederholen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 429
%
Wie in Rom außer den Römern noch ein Volk von Statuen war, so
ist außer dieser realen Welt noch eine Welt des Wahns, viel mächtiger
beinahe, in der die meisten leben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 430
%
Die Menschen sind wie das Rote Meer: Der Stab hat sie kaum
auseinander gehalten, gleich hinterdrein fließen sie wieder zusammen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 431
%
Pflicht des Historikers, das Wahre vom Falschen, das Gewisse vom
Ungewissen, das Zweifelhafte vom Verwerflichen zu unterscheiden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 432
%
Eine Chronik schreibt nur derjenige, dem die Gegenwart wichtig
ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 433
%
Die Gedanken kommen wieder, die Überzeugungen pflanzen sich
fort; die Zustände gehen unwiederbringlich vorüber.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 434
%
"Unter allen Völkerschaften haben die Griechen den Traum des
Lebens am schönsten geträumt."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 435
%
Übersetzer sind als geschäftige Kuppler anzusehen, die uns eine
halb verschleierte Schöne als höchst liebenswürdig anpreisen: Sie
erregen eine unwiderstehliche Neigung nach dem Original.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 436
%
Das Altertum setzen wir gern über uns, aber die Nachwelt nicht.
Nur ein Vater neidet seinem Sohn nicht das Talent.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 437
%
Sich subordinieren ist überhaupt keine Kunst; aber in
absteigender Linie, in der Deszendenz, etwas über sich erkennen, was
unter einem steht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 438
%
Unser ganzes Kunststück besteht darin, dass wir unsere Existenz
aufgeben, um zu existieren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 439
%
Alles, was wir treiben und tun, ist ein Abmüden; wohl dem, der
nicht müde wird!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 440
%
"Hoffnung ist die zweite Seele der Unglücklichen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 441
%
"L'amour es tun vrai recommenceur."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 442
%
Es gibt im Menschen auch ein Dienenwollendes; daher die
chevalerie der Franzosen eine servage.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 443
%
"Im Theater wird durch die Belustigung des Gesichts und Gehörs
die Reflexion sehr eingeschränkt."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 444
%
Erfahrung kann sich ins Unendliche erweitern, Theorie nicht in
eben dem Sinne reinigen und vollkommener werden. Jener steht das
Universum nach allen Richtungen offen; diese bleibt innerhalb der
Grenze der menschlichen Fähigkeiten eingeschlossen. Deshalb müssen
alle Vorstellungsarten wiederkehren, und der wunderliche Fall tritt
ein, dass bei erweiterter Erfahrung eine bornierte Theorie wieder
Gunst erwerben kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 445
%
Es ist immer dieselbe Welt, die der Betrachtung offen steht, die
immerfort angeschaut oder geahnet wird, und es sind immer dieselben
Menschen, die im Wahren oder Falschen leben, im letzten bequemer als
im ersten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 446
%
Die Wahrheit widerspricht unserer Natur, der Irrtum nicht, und
zwar aus einem sehr einfachen Grunde: Die Wahrheit erfordert, dass
wir uns für beschränkt erkennen sollen; der Irrtum schmeichelt uns,
wir seien auf ein oder die andere Weise unbegrenzt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 447
%
Es ist nun schon bald zwanzig Jahre, dass die Deutschen sämtlich
transzendieren. Wenn sie es einmal gewahr werden, müssen sie sich
wunderlich vorkommen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 448
%
Dass Menschen dasjenige noch zu können glauben, was sie gekonnt
haben, ist natürlich genug; dass andere zu vermögen glauben, was sie
nie vermochten, ist wohl seltsam, aber nicht selten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 449
%
Zu allen Zeiten sind es nur die Individuen, welche für die
Wissenschaft gewirkt, nicht das Zeitalter. Das Zeitalter war's, das
den Sokrates durch Gift hinrichtete; das Zeitalter, das Hussen
verbrannte: Die Zeitalter sind sich immer gleich geblieben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 450
%
Das ist die wahre Symbolik, wo das Besondere das Allgemeinere
repräsentiert, nicht als Traum und Schatten, sondern als lebendig
augenblickliche Offenbarung des Unerforschlichen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 451
%
Alles Ideelle, sobald es vom Realen gefordert wird, zehrt
endlich dieses und sich selbst auf. So der Kredit (Papiergeld) das
Silber und sich selbst.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 452
%
Die Meisterschaft gilt oft für Egoismus.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 453
%
Sobald die guten Werke und das Verdienstliche derselben
aufhören, sogleich tritt die Sentimentalität dafür ein, bei den
Protestanten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 454
%
Es ist eben, als ob man es selbst vermöchte, wenn man sich guten
Rats erholen kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 455
%
Die Wahlsprüche deuten auf das, was man nicht hat, wonach man
strebt. Man stellt sich solches wie billig immer vor Augen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 456
%
"Wer einen Stein nicht allein erheben mag, der soll ihn auch
selbander liegen lassen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 457
%
Der Despotismus fördert die Autokratie eines jeden, indem er von
oben bis unten die Verantwortlichkeit dem Individuum zumutet und so
den höchsten Grad von Tätigkeit hervorbringt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 458
%
Alles Spinozistische in der poetischen Produktion wird in der
Reflexion Macchiavellismus.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 459
%
Man muss seine Irrtümer teuer bezahlen, wenn man sie loswerden
will, und dann hat man noch von Glück zu sagen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 460
%
Wenn ein deutscher Literator seine Nation vormals beherrschen
wollte, so musste er ihr nur glauben machen, es sei einer da, der sie
beherrschen wolle. Da waren sie gleich so verschüchtert, dass sie
sich, von wem es auch wäre, gern beherrschen ließen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 461
%
"Nihil rerum mortalium tam instabile ac fluxum est quam potentia
non sua vi nixa."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 462
%
"Es gibt auch Afterkünstler, Dilettanten und Spekulanten: Jene
treiben die Kunst um des Vergnügens, diese um des Nutzens willen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 463
%
Geselligkeit lag in meiner Natur; deswegen ich bei vielfachem
Unternehmen mir Mitarbeiter gewann und mich ihnen zum Mitarbeiter
bildete und so das Glück erreichte, mich in ihnen und sie in mir
fortleben zu sehn.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 464
%
Mein ganzes inneres Wirken erwies sich als eine lebendige
Heuristik, welche, eine unbekannte geahnete Regel anerkennend, solche
in der Außenwelt zu finden und in die Außenwelt einzuführen trachtet.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 465
%
Es gibt eine enthusiastische Reflexion, die von dem größten Wert
ist, wenn man sich von ihr nur nicht hinreißen lässt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 466
%
Nur in der Schule selbst ist die eigentliche Vorschule.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 467
%
Der Irrtum verhält sich gegen das Wahre wie der Schlaf gegen das
Wachen. Ich habe gemerkt, dass man aus dem Irren sich wie erquickt
wieder zu dem Wahren hinwende.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 468
%
Ein jeder leidet, der nicht für sich selbst handelt. Man handelt
für andere, um mit ihnen zu genießen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 469
%
Das Fassliche gehört der Sinnlichkeit und dem Verstande. Hieran
schließt sich das Gehörige, welches verwandt ist mit dem
Schicklichen. Das Gehörige jedoch ist ein Verhältnis zu einer
besondern Zeit und entschiedenen Umständen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 470
%
Eigentlich lernen wir nur von Büchern, die wir nicht beurteilen
können. Der Autor eines Buchs, das wir beurteilen könnten, müsste von
uns lernen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 471
%
Deshalb ist die Bibel ein ewig wirksames Buch, weil, solange die
Welt steht, niemand auftreten und sagen wird: Ich begreife es im
ganzen und verstehe es im einzelnen. Wir aber sagen bescheiden: Im
ganzen ist es ehrwürdig und im einzelnen anwendbar.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 472
%
Alle Mystik ist ein Transzendieren und ein Ablösen von
irgendeinem Gegenstande; den man hinter sich zu lassen glaubt. Je
größer und bedeutender dasjenige war, dem man absagt, desto reicher
sind die Produktionen des Mystikers.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 473
%
Die orientalische mystische Poesie hat deswegen den großen
Vorzug, dass der Reichtum der Welt, den der Adepte wegweist, ihm noch
jederzeit zu Gebote steht. Er befindet sich also noch immer mitten in
der Fülle, die er verlässt, und schwelgt in dem, was er gern los sein
möchte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 474
%
Christliche Mystiker sollte es gar nicht geben, da die Religion
selbst Mysterien darbietet. Auch gehen sie immer gleich ins Abstruse,
in den Abgrund des Subjekts.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 475
%
Ein geistreicher Mann sagte, die neuere Mystik sei die Dialektik
des Herzens und deswegen mitunter so erstaunenswert und
verführerisch, weil sie Dinge zur Sprache bringe, zu denen der Mensch
auf dem gewöhnlichen Verstands-, Vernunfts- und Religionswege nicht
gelangen würde. Wer sich Mut und Kraft glaube, sie zu studieren, ohne
sich betäuben zu lassen, der möge sich in diese Höhle des Trophonios
versenken, jedoch auf seine eigene Gefahr.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 476
%
Die Deutschen sollten in einem Zeitraume von dreißig Jahren das
Wort Gemüt nicht aussprechen, dann würde nach und nach Gemüt sich
wieder erzeugen; jetzt heißt es nur: Nachsicht mit Schwächen, eignen
und fremden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 477
%
Die Vorurteile der Menschen beruhen auf dem jedesmaligen
Charakter der Menschen; daher sind sie, mit dem Zustand innig
vereinigt, ganz unüberwindlich. Weder Evidenz, noch Verstand, noch
Vernunft haben den mindesten Einfluss darauf.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 478
%
Charaktere machen oft die Schwäche zum Gesetz. Weltkenner haben
gesagt: "Die Klugheit ist unüberwindlich, hinter welcher sich die
Furcht versteckt." Schwache Menschen haben oft revolutionäre
Gesinnungen; sie meinen, es wäre ihnen wohl, wenn sie nicht regiert
würden, und fühlen nicht, dass sie weder sich noch andere regieren
können.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 479
%
In eben dem Falle sind die neuern deutschen Künstler: Den Zweig
der Kunst, den sie nicht besitzen, erklären sie für schädlich und
daher wegzuhauen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 480
%
Der Menschenverstand wird mit dem gesunden Menschen rein
geboren, entwickelt sich aus sich selbst und offenbart sich durch ein
entschiedenes Gewahrwerden und Anerkennen des Notwendigen und
Nützlichen. Praktische Männer und Frauen bedienen sich dessen mit
Sicherheit. Wo er mangelt, halten beide Geschlechter, was sie
begehren, für notwendig, und für nützlich, was ihnen gefällt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 481
%
Alle Menschen, wie sie zur Freiheit gelangen, machen ihre Fehler
gelten: Die Starken das Übertreiben, die Schwachen das
Vernachlässigen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 482
%
Der Kampf des Alten, Bestehenden, Beharrenden mit Entwicklung,
Aus- und Umbildung ist immer derselbe. Aus aller Ordnung entsteht
zuletzt Pedanterie; um diese los zu werden, zerstört man jene, und es
geht eine Zeit hin, bis man gewahr wird, dass man wieder Ordnung
machen müsse. Klassizismus und Romantizismus, Innungszwang und
Gewerbsfreiheit, Festhalten und Zersplittern des Grundbodens, es ist
immer derselbe Konflikt, der zuletzt wieder einen neuen erzeugt. Der
größte Verstand des Regierenden wäre daher, diesen Kampf so zu
mäßigen, dass er ohne Untergang der eine Seite sich ins Gleiche
stellte; dies ist aber den Menschen nicht gegeben, und Gott scheint
es auch nicht zu wollen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 483
%
Welche Erziehungsart ist für die beste zu halten? Re: Die
der Hydrioten. Als Insulaner und Seefahrer nehmen sie ihre Knaben
gleich mit zu Schiffe und lassen sie im Dienste herankrabbeln. Wie
sie etwas leisten, haben sie teil am Gewinn; und so kümmern sie sich
schon um Handel, Tausch und Beute, und es bilden sich die tüchtigsten
Küsten- und Seefahrer, die klügsten Handelsleute und verwegensten
Piraten. Aus einer solchen Masse können denn freilich Helden
hervortreten, die den verderblichen Brander mit eigener Hand an das
Admiralschiff der feindlichen Flotte festklammern.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 484
%
Alles Vortreffliche beschränkt uns für einen Augenblick, indem
wir uns demselben nicht gewachsen fühlen; nur insofern wir es nachher
in unsere Kultur aufnehmen, es unsern Geists- und Gemütskräften
aneignen, wird es uns lieb und wert.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 485
%
Kein Wunder, dass wir uns alle mehr oder weniger im
Mittelmäßigen gefallen, weil es uns in Ruhe lässt; es gibt das
behagliche Gefühl, als wenn man mit seinesgleichen umginge.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 486
%
Das Gemeine muss man nicht rügen, denn das bleibt sich ewig
gleich.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 487
%
Wir können einem Widerspruch in uns selbst nicht entgehen; wir
müssen ihn auszugleichen suchen. Wenn uns andere widersprechen, das
geht uns nichts an, das ist ihre Sache.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 488
%
Es ist so viel gleichzeitig Tüchtiges und Treffliches auf der
Welt; aber es berührt sich nicht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 489
%
Welche Regierung die beste sei? Diejenige, die uns lehrt, uns
selbst zu regieren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 490
%
Dozieren kannst du, Tüchtiger, freilich nicht; es ist, wie das
Predigen, durch unsern Zustand geboten, wahrhaft nützlich, wenn
Konversation und Katechisation sich anschließen, wie es auch
ursprünglich gehalten wurde. Lehren aber kannst du und wirst du, das
ist: Wenn Tat dem Urteil, Urteil der Tat zum Leben hilft.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 491
%
Gegen die drei Einheiten ist nichts zu sagen, wenn das Sujet
sehr einfach ist; gelegentlich aber werden drei Mal drei Einheiten,
glücklich verschlungen, eine sehr angenehme Wirkung tun.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 492
%
Wenn die Männer sich mit den Weibern schleppen, so werden sie so
gleichsam abgesponnen wie ein Wocken.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 493
%
Es kann wohl sein, dass der Mensch durch öffentliches und
häusliches Geschick zuzeiten grässlich gedroschen wird; allein das
rücksichtlose Schicksal, wenn es die reichen Garben trifft,
zerknittert nur das Stroh; die Körner aber spüren nichts davon und
springen lustig auf der Tenne hin und wieder, unbekümmert, ob sie zur
Mühle, ob sie zum Saatfeld wandern.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 494
%
"Arden von Deversham", Shakespeares Jugendarbeit. Es ist der
ganze rein-treue Ernst des Auffassens und Wiedergebens, ohne Spur von
Rücksicht auf den Effekt, vollkommen dramatisch, ganz untheatralisch.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 495
%
Shakespeares trefflichsten Theaterstücken mangelt es hie und da
an Fazilität; sie sind etwas mehr, als sie sein sollten, und eben
deshalb deuten sie auf den großen Dichter.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 496
%
Die größte Wahrscheinlichkeit der Erfüllung lässt noch einen
Zweifel zu; daher ist das Gehoffte, wenn es in die Wirklichkeit
eintritt, jederzeit überraschend.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 497
%
"Vis superba formae." Ein schönes Wort von Johannes Secundus.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 498
%
Die Sentimentalität der Engländer ist humoristisch und zart, der
Franzosen populär und weinerlich, der Deutschen naiv und realistisch.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 499
%
Das Absurde, mit Geschmack dargestellt, erregt Widerwillen und
Bewunderung.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 500
%
Von der besten Gesellschaft sagte man: Ihr Gespräch ist
unterrichtend, ihr Schweigen bildend.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 501
%
Von einem bedeutenden frauenzimmerlichen Gedichte sagte jemand,
es habe mehr Energie als Enthusiasmus, mehr Charakter als Gehalt,
mehr Rhetorik als Poesie und im ganzen etwas Männliches.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 502
%
Es ist nichts schrecklicher als eine tätige Unwissenheit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 503
%
Schönheit und Geist muss man entfernen, wenn man nicht ihr
Knecht werden will.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 504
%
Der Mystizismus ist die Scholastik des Herzens, die Dialektik
des Gefühls.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 505
%
Man schont die Alten, wie man die Kinder schont.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 506
%
Der Alte verliert eins der größten Menschenrechte: Er wird nicht
mehr von seinesgleichen beurteilt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 507
%
Es ist mir in den Wissenschaften gegangen wie einem, der früh
aufsteht in der Dämmerung der Morgenröte, sodann aber die Sonne
ungeduldig erwartet und doch, wie sie hervortritt, geblendet wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 508
%
Man streitet viel und wird viel streiten über Nutzen und Schaden
der Bibelverbreitung. Mir ist klar: Schaden wird sie, wie bisher,
dogmatisch und phantastisch gebraucht; nutzen, wie bisher, didaktisch
und gefühlvoll aufgenommen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 509
%
Große, von Ewigkeit her oder in der Zeit entwickelte
ursprüngliche Kräfte wirken unaufhaltsam; ob nutzend oder schadend,
das ist zufällig.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 510
%
Die Idee ist ewig und einzig, dass wir auch den Plural brauchen,
ist nicht wohlgetan. Alles, was wir gewahr werden und wovon wir reden
können, sind nur Manifestationen der Idee; Begriffe sprechen wir aus,
und insofern ist die Idee selbst ein Begriff.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 511
%
Im Ästhetischen tut man nicht wohl, zu sagen: Die Idee des
Schönen; dadurch vereinzelt man das Schöne, das doch einzeln nicht
gedacht werden kann. Vom Schönen kann man einen Begriff haben, und
dieser Begriff kann überliefert werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 512
%
Die Manifestation der Idee als des Schönen ist ebenso flüchtig
als die Manifestation des Erhabenen, des Geistreichen, des Lustigen,
des Lächerlichen. Dies ist die Ursache, warum so schwer darüber zu
reden ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 513
%
Echt ästhetisch-didaktisch könnte man sein, wenn man mit seinen
Schülern an allem Empfindungswerten vorüberginge oder es ihnen
zubrächte im Moment, wo es kulminiert und sie höchst empfänglich
sind. Da aber diese Forderung nicht zu erfüllen ist, so müsste der
höchste Stolz des Kathederlehrers sein, die Begriffe so vieler
Manifestationen in seinen Schülern dergestalt zum Leben zu bringen,
dass sie für alles Gute, Schöne, Große, Wahre empfänglich würden, um
es mit Freuden aufzufassen, wo es ihnen zur rechten Stunde begegnete.
Ohne dass sie es merkten und wüssten, wäre somit die Grundidee,
woraus alles hervorgeht, in ihnen lebendig geworden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 514
%
Wie man gebildete Menschen sieht, so findet man, dass sie nur
für eine Manifestation des Urwesens oder doch nur für wenige
empfänglich sind, und das ist schon genug. Das Talent entwickelt im
Praktischen alles und braucht von den theoretischen Einzelheiten
nicht Notiz zu nehmen: Der Musikus kann ohne seinen Schaden den
Bildhauer ignorieren und umgekehrt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 515
%
Man soll sich alles praktisch denken und deshalb auch dahin
trachten, dass verwandte Manifestationen der großen Idee, insofern
sie durch Menschen zur Erscheinung kommen sollen, auf eine gehörige
Weise ineinander wirken. Malerei, Plastik und Mimik stehen in einem
unzertrennlichen Bezug; doch muss der Künstler, zu dem einen berufen,
sich hüten, von dem andern beschädigt zu werden: Der Bildhauer kann
sich vom Maler, der Maler vom Mimiker verführen lassen, und alle drei
können einander so verwirren, dass keiner derselben auf den Füßen
stehen bleibt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 516
%
Die mimische Tanzkunst würde eigentlich alle bildenden Künste
zugrunde richten, und mit Recht. Glücklicherweise ist der Sinnenreiz,
den sie bewirkt, so flüchtig, und sie muss, um zu reizen, ins
Übertriebene gehen. Dieses schreckt die übrigen Künstler
glücklicherweise sogleich ab; doch können sie, wenn sie klug und
vorsichtig sind, viel dabei lernen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 517
%
Das erste und letzte, was vom Genie gefordert wird, ist
Wahrheitsliebe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 518
%
Wer gegen sich selbst und andere wahr ist und bleibt, besitzt
die schönste Eigenschaft der größten Talente.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 519
%
Große Talente sind das schönste Versöhnungsmittel.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 520
%
Das Genie übt eine Art Ubiquität aus, ins Allgemeine vor, ins
Besondere nach der Erfahrung.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 521
%
Eine tätige Skepsis: Welche unablässig bemüht ist, sich selbst
zu überwinden und durch geregelte Erfahrung zu einer Art von
bedingter Zuverlässigkeit zu gelangen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 522
%
Das Allgemeine eines solchen Geistes ist die Tendenz: Zu
erforschen, ob irgendeinem Objekt irgendein Prädikat wirklich
zukomme; und geschieht diese Untersuchung in der Absicht, das als
geprüft Gefundene in der Praxis mit Sicherheit anwenden zu können.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 523
%
Der lebendig begabte Geist, sich in praktischer Absicht ans
Allernächste haltend, ist das Vorzüglichste auf Erden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 524
%
"Vollkommenheit ist die Norm des Himmels; Vollkommenes wollen,
die Norm des Menschen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 525
%
Der Mensch ist genugsam ausgestattet zu allen wahren irdischen
Bedürfnissen, wenn er seinen Sinnen traut und sie dergestalt
ausbildet, dass sie des Vertrauens wert bleiben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 526
%
Die Sinne trügen nicht, das Urteil trügt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 527
%
Man leugnet dem Gesicht nicht ab, dass es die Entfernung der
Gegenstände, die sich neben- und übereinander befinden, zu schätzen
wisse; das Hintereinander will man nicht gleichmäßig zugestehen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 528
%
Und doch ist dem Menschen, der nicht stationär, sondern
beweglich gedacht wird, hierin die sicherste Lehre durch Parallaxe
verliehen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 529
%
Die Lehre von dem Gebrauch der korrespondierenden Winkel ist,
genau besehen, darin eingeschlossen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 530
%
Das Tier wird durch seine Organe belehrt, der Mensch belehrt die
seinigen und beherrscht sie.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 531
%
Anaxagoras lehrt, dass alle Tiere die tätige Vernunft haben,
aber nicht die leidende, die gleichsam der Dolmetscher des Verstandes
ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 532
%
Jüdisches Wesen. Energie der Grund von allem. Unmittelbare
Zwecke. Keiner, auch nur der kleinste, geringste Jude, der nicht
entschiedenes Bestreben verriete, und zwar ein irdisches, zeitliches,
augenblickliches.
Judensprache hat etwas Pathetisches.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 533
%
Alle unmittelbare Aufforderung zum Ideellen ist bedenklich,
besonders an die Weiblein. Wie es auch sei, umgibt sich der einzelne
bedeutende Mann mit einem mehr oder weniger
religios-moralisch-ästhetischen Serail.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 534
%
Jede große Idee, die als ein Evangelium in die Welt tritt, wird
dem stockenden pedantischen Volke ein Ärgernis und einem Viel-, aber
Leichtgebildeten eine Torheit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 535
%
Eine jede Idee tritt als ein fremder Gast in die Erscheinung,
und wie sie sich zu realisieren beginnt, ist sie kaum von Phantasie
und Phantasterei zu unterscheiden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 536
%
Dies ist es, was man Ideologie im guten und bösen Sinne genannt
hat, und warum der Ideolog den lebhaft wirkenden praktischen
Tagesmenschen so sehr zuwider war.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 537
%
Man kann die Nützlichkeit einer Idee anerkennen und doch nicht
recht verstehen, sie vollkommen zu nutzen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 538
%
"Ich glaube einen Gott!" Dies ist ein schönes, löbliches Wort;
aber Gott anerkennen, wo und wie er sich offenbare, das ist
eigentlich die Seligkeit auf Erden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 539
%
Kepler sagte: "Mein höchster Wunsch ist, den Gott, den ich im
Äußern überall finde, auch innerlich, innerhalb meiner gleichermaßen
gewahr zu werden." Der edle Mann fühlte sich nicht bewusst, dass eben
in dem Augenblick das Göttliche in ihm mit dem Göttlichen des
Universums in genauester Verbindung stand.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 540
%
Den teleologischen Beweis vom Dasein Gottes hat die kritische
Vernunft beseitigt; wir lassen es uns gefallen. Was aber nicht als
Beweis gilt, soll uns als Gefühl gelten, und wir rufen daher von der
Brontotheologie bis zur Niphotheologie alle dergleichen fromme
Bemühungen wieder heran. Sollten wir im Blitz, Donner und Sturm nicht
die Nähe einer übergewaltigen Macht, in Blütenduft und lauem
Luftsäuseln nicht ein liebevoll sich annäherndes Wesen empfinden
dürfen?
Frage.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 541
%
Was ist praedestinatio?

Antwort.
Gott ist mächtiger und weiser als wir; darum macht er es mit uns nach
seinem Gefallen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 542
%
Apokrypha. Wichtig wäre es, das hierüber historisch schon
Bekannte nochmals zusammenzufassen und zu zeigen, dass gerade jene
apokryphischen Schriften, mit denen die Gemeinden schon die ersten
Jahrhunderte unserer Ära überschwemmt wurden, und woran unser Kanon
noch jetzt leidet, die eigentliche Ursache sind, warum das
Christentum in keinem Momente der politischen und Kirchengeschichte
in seiner ganzen Schönheit und Reinheit hervortreten konnte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 543
%
Das unheilbare Übel dieser religiösen Streitigkeiten besteht
darin, dass der eine Teil auf Märchen und leere Worte das höchste
Interesse der Menschheit zurückführen will, der andere aber es da zu
begründen denkt, wo sich niemand beruhigt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 544
%
Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung
sein: Sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 545
%
Glaube, Liebe, Hoffnung fühlten einst in ruhiger, geselliger
Stunde einen plastischen Trieb in ihrer Natur: Sie befleißigten sich
zusammen und schufen ein liebliches Gebilde, eine Pandora im höhern
Sinne, die Geduld.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 546
%
"Ich bin über die Wurzeln des Baumes gestolpert, den ich
gepflanzt hatte." Das muss ein alter Forstmann gewesen sein, der dies
gesagt hat.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 547
%
"Ein schäbiges Kamel trägt immer noch die Lasten vieler Esel."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 548
%
Weiß denn der Sperling, wie's dem Storch zumute sei?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 549
%
Wo Lampen brennen, gibt's Ölflecken, wo Kerzen brennen, gibt's
Schnuppen; die Himmelslichter allein erleuchten rein und ohne Makel.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 550
%
Wer das erste Knopfloch verfehlt, kommt mit dem Zuknöpfen nicht
zu Rande.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 551
%
Ein gebranntes Kind scheut das Feuer, ein oft versengter Greis
scheut sich zu wärmen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 552
%
Die gegenwärtige Welt ist nicht wert, dass wir etwas für sie
tun: Denn die bestehende kann in dem Augenblick abscheiden. Für die
vergangne und künftige müssen wir arbeiten; für jene, dass wir ihr
Verdienst anerkennen, für diese, dass wir ihren Wert zu erhöhen
suchen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 553
%
Frage sich doch jeder, mit welchem Organ er allenfalls in seine
Zeit einwirken kann und wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 554
%
Denke nur niemand, dass man auf ihn als den Heiland gewartet
habe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 555
%
Charakter im Großen und Kleinen ist, dass der Mensch demjenigen
eine stete Folge gibt, dessen er sich fähig fühlt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 556
%
Wer tätig sein will und muss, hat nur das Gehörige des
Augenblicks zu bedenken, und so kommt er ohne Weitläufigkeit durch.
Das ist der Vorteil der Frauen, wenn sie ihn verstehen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 557
%
Der Augenblick ist eine Art von Publikum; man muss ihn betrügen,
dass er glaube, man tue was; dann lässt er uns gewähren und im
geheimen fortführen, worüber seine Enkel erstaunen müssen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 558
%
Mensche, die ihre Kenntnisse an die Stelle der Einsicht setzen.
(Junge Leute.)
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 559
%
In einigen Staaten ist infolge der erlebten heftigen Bewegungen
fast in allen Richtungen eine gewisse Übertreibung im
Unterrichtswesen eingetreten, dessen Schädlichkeit in der Folge
allgemeiner eingesehen, aber jetzt schon von tüchtigen, redlichen
Vorstehern solcher Anstalten vollkommen anerkannt ist. Treffliche
Männer leben in einer Art von Verzweiflung, dass sie dasjenige, was
sie amts- und vorschriftsmäßig lehren und überliefern müssen, für
unnütz und schädlich halten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 560
%
Es ist nichts trauriger anzusehen, als das unvermittelte Streben
ins Unbedingte in dieser durchaus bedingten Welt; es erscheint im
Jahr 1830 vielleicht ungehöriger als je.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 561
%
Vor der Revolution war alles Bestreben, nachher verwandelte sich
alles in Forderung.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 562
%
Ob eine Nation reif werden könne, ist eine wunderliche Frage.
Ich beantworte sie mit Ja, wenn alle Männer als dreißigjährig geboren
werden könnten. Da aber die Jugend vorlaut, das Alter aber kleinlaut
ewig sein wird, so ist der eigentlich reife Mann immer zwischen
beiden geklemmt und wird sich auf eine wunderliche Weise behelfen und
durchhelfen müssen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 563
%
Was vonseiten der Monarchen in den Zeitungen gedruckt wird,
nimmt sich nicht gut aus; denn die Macht soll handeln und nicht
reden. Was die Liberalen vorbringen, lässt sich immer lesen; denn der
Übermächtigte, weil er nicht handeln kann, mag sich wenigstens redend
äußern. "Lasst sie singen, wenn sie nur bezahlen!", sagte Mazarin,
als man ihm die Spottlieber auf eine neue Steuer vorlegte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 564
%
Wenn man einige Monate die Zeitungen nicht gelesen hat, und man
liest sie alsdann zusammen, so zeigt sich erst, wie viel Zeit man mit
diesen Papieren verdirbt. Die Welt war immer in Parteien geteilt,
besonders ist sie es jetzt, und während jedes zweifelhaften Zustandes
kirrt der Zeitungsschreiber eine oder die andere Partei mehr oder
weniger und nährt die innere Neigung und Abneigung von Tag zu Tag,
bis zuletzt Entscheidung eintritt und das Geschehene wie eine
Gottheit angestaunt wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 565
%
Eitelkeit ist eine persönliche Ruhmsucht: Man will nicht wegen
seiner Eigenschaften, seiner Verdienste, Taten geschätzt, geehrt,
gesucht werden, sondern um seines individuellen Daseins willen. Am
besten kleidet die Eitelkeit deshalb eine frivole Schöne.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 566
%
Welcher Gewinn wäre es fürs Leben, wenn man dies früher gewahr
würde, zeitig erführe, dass man mit seiner Schönen nie besser steht,
als wenn man seinen Rivalen lobt. Alsdann geht ihr das Herz auf, jede
Sorge, euch zu verletzen, die Furcht, euch zu verlieren, ist
verschwunden: Sie macht euch zum Vertrauten, und ihr überzeugt euch
mit Freuden, dass ihr es seid, dem die Frucht des Baumes gehört, wenn
ihr guten Humor genug habt, anderen die abfallenden Blätter zu
überlassen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 567
%
Für die vorzüglichste Frau wird diejenige gehalten, welche ihren
Kindern den Vater, wenn er abgeht, zu ersetzen imstande ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 568
%
Klassisch ist das Gesunde, romantisch das Kranke.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 569
%
Ovid blieb klassisch auch im Exil: Er sucht sein Unglück nicht
in sich, sondern in seiner Entfernung von der Hauptstadt der Welt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 570
%
Das Romantische ist schon in seinen Abgrund verlaufen: Das
Grässlichste der neueren Produktionen ist kaum noch gesunkener zu
denken.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 571
%
Engländer und Franzosen haben uns darin überboten. Körper, die
bei Leibesleben verfaulen und sich in detaillierter Betrachtung ihres
Verwesens erbauen; Tote, die zum Verderben anderer am Leben bleiben
und ihren Tod am Lebendigen ernähren - dahin sind unsere Produzenten
gelangt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 572
%
Im Altertum spuken dergleichen Erscheinungen nur vor wie seltene
Krankheitsfälle; bei den Neuern sind sie endemisch und epidemisch
geworden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 573
%
Die Literatur verdirbt sich nur in dem Maße, als die Menschen
verdorbener werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 574
%
Was ist das für eine Zeit, wo man die Begrabenen beneiden muss!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 575
%
Das Wahre, Gute und Vortreffliche ist einfach und sich immer
gleich, wie es auch erscheine. Das Irren aber, das den Tadel
hervorruft, ist höchst mannigfaltig, in sich selbst verschieden und
nicht allein gegen das Gute und Wahre, sondern auch gegen sich selbst
kämpfend, mit sich selbst im Widerspruch. Daher müssen in jeder
Literatur die Ausdrücke des Tadels die Worte des Lobes überwiegen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 576
%
Bei den Griechen, deren Poesie und Rhetorik einfach und positiv
war, erscheint die Billigung öfter als die Missbilligung; bei den
Lateinern hingegen ist es umgekehrt, und je mehr sich Poesie und
Redekunst verdirbt, desto mehr wird der Tadel wachsen und das Lob
sich zusammenziehen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 577
%
Es gibt empirische Enthusiasten, die, obgleich mit Recht, an
neuen guten Produkten aber mit einer Ekstase sich erweisen, als wenn
sonst in der Welt nichts Vorzügliches zu sehen gewesen wäre.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 578
%
"Sakuntala." Hier erscheint der Dichter in seiner höchsten
Funktion; als Repräsentant des natürlichsten Zustandes, der feinsten
Lebensweise, des reinsten sittlichen Bestrebens, der würdigsten
Majestät und der ernstesten Gottesverehrung wagt er sich in gemeine
und lächerliche Gegensätze.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 579
%
"Heinrich der Vierte", von Shakespeare. Wenn alles verloren
wäre, was je dieser Art geschrieben zu uns gekommen, so könnte man
Poesie und Rhetorik daraus vollkommen wiederherstellen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 580
%
"Eulenspiegel." Alle Hauptspäße des Buchs beruhen darauf, dass
alle Menschen figürlich sprechen und Eulenspiegel es eigentlich nimmt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 581
%
Mythologie = Luxe de Croyance.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 582
%
Über die wichtigsten Angelegenheiten des Gefühls wie der
Vernunft, der Erfahrung wie des Nachdenkens soll man nur mündlich
verhandeln. Das ausgesprochene Wort ist sogleich tot, wenn es nicht
durch ein folgendes, dem Hörer gemäßes, am Leben erhalten wird. Man
merke nur auf ein geselliges Gespräch! Gelangt das Wort nicht schon
tot zu dem Hörer, so ermordet er es alsogleich durch Widerspruch,
Bestimmen, Bedingen, Ablenken, Abspringen und wie die tausendfältigen
Unarten des Unterhaltens auch heißen mögen. Mit dem Geschriebenen ist
es noch schlimmer. Niemand mag lesen als das, woran er schon
einigermaßen gewöhnt ist; das Bekannte, das Gewohnte verlangt er
unter veränderter Form. Doch hat das Geschriebene den Vorteil, dass
es dauert und die Zeit abwarten kann, wo ihm zu wirken gegönnt ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 583
%
Vernünftiges und Unvernünftiges haben gleichen Widerspruch zu
erleiden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 584
%
Was man mündlich ausspricht, muss der Gegenwart, dem Augenblick
gewidmet sein; was man schreibt, widme man der Ferne, der Folge.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 585
%
Die Dialektik ist die Ausbildung des Widerspruchsgeistes,
welcher dem Menschen gegeben, damit er den Unterschied der Dinge
erkennen lerne.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 586
%
Mit wahrhaft Gleichgesinnten kann man sich auf die Länge nicht
entzweien, man findet sich immer wieder einmal zusammen; mit
eigentlich Widergesinnten versucht man umsonst Einigkeit zu halten,
es bricht immer wieder einmal auseinander.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 587
%
Gegner glauben uns zu widerlegen, wenn sie ihre Meinung
wiederholen und auf die unsrige nicht achten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 588
%
Diejenigen, welche widersprechen und streiten, sollten mitunter
bedenken, dass nicht jede Sprache jedem verständlich sei.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 589
%
Es hört doch jeder nur, was er versteht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 590
%
Ich erwarte wohl, dass mir mancher Leser widerspricht; aber er
muss doch stehen lassen, was er schwarz auf weiß vor sich hat. Ein
anderer stimmt vielleicht mir bei, ebendasselbe Exemplar in der Hand.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 591
%
Die wahre Liberalität ist Anerkennung.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 592
%
Die schwer zu lösende Aufgabe strebender Menschen ist, die
Verdienste älterer Mitlebenden anzuerkennen und sich von ihren
Mängeln nicht hindern zu lassen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 593
%
Es gibt Menschen, die auf die Mängel ihrer Freunde sinnen; dabei
ist nichts zu gewinnen. Ich habe immer auf die Verdienste meiner
Widersacher acht gehabt und davon Vorteil gezogen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 594
%
Es gibt viele Menschen, die sich einbilden, was sie erfahren,
das verstünden sie auch.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 595
%
Das Publikum will wie Frauenzimmer behandelt sein: Man soll
ihnen durchaus nichts sagen, als was sie hören möchten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 596
%
Jedem Alter des Menschen antwortet eine gewisse Philosophie. Das
Kind erscheint als Realist; denn es findet sich so überzeugt von dem
Dasein der Birnen und Äpfel als von dem seinigen. Der Jüngling, von
innern Leidenschaften bestürmt, muss auf sich selbst merken, sich
vorfühlen: Er wird zum Idealisten umgewandelt. Dagegen ein Skeptiker
zu werden, hat der Mann alle Ursache; er tut wohl, zu zweifeln, ob
das Mittel, das er zum Zwecke gewählt hat, auch das rechte sei. Vor
dem Handeln, im Handeln hat er alle Ursache, den Verstand beweglich
zu erhalten, damit er nicht nachher sich über eine falsche Wahl zu
betrüben habe. Der Greis jedoch wird sich immer zum Mystizismus
bekennen: Er sieht, dass so vieles vom Zufall abzuhängen scheint; das
Unvernünftige gelingt, das Vernünftige schlägt fehl, Glück und
Unglück stellen sich unerwartet ins gleiche; so ist es, so war es,
und das hohe Alter beruhigt sich in dem, der da ist, der da war und
der da sein wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 597
%
Wenn man älter wird, muss man mit Bewusstsein auf einer gewissen
Stufe stehen bleiben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 598
%
Es ziemt sich dem Bejahrten, weder in der Denkweise noch in der
Art, sich zu kleiden, der Mode nachzugehen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 599
%
Aber man muss wissen, wo man steht und wohin die andern wollen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 600
%
Was man Mode heißt, ist augenblickliche Überlieferung. Alle
Überlieferung führt eine gewisse Notwendigkeit mit sich, sich ihr
gleichzustellen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 601
%
Man hat sich lange mit der Kritik der Vernunft beschäftigt; ich
wünschte eine Kritik des Menschenverstandes. Es wäre eine wahre
Wohltat fürs Menschengeschlecht, wenn man dem Gemeinverstand bis zur
Überzeugung nachweisen könnte, wie weit er reichen kann, und das ist
gerade so viel, als er zum Erdenleben vollkommen bedarf.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 602
%
"Genau besehen, ist alle Philosophie nur der Menschenverstand im
amphigurischer Sprache."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 603
%
Der Menschenverstand, der eigentlichst aufs Praktische
angewiesen ist, irrt nur alsdann, wenn er sich an die Auflösung
höherer Probleme wagt; dagegen weiß aber auch eine höhere Theorie
sich selten in den Kreis zu finden, wo jener wirkt und west.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 604
%
Denn eben wenn man Probleme, die nur dynamisch erklärt werden
können, beiseite schiebt, dann kommen mechanische Erklärungsarten
wieder zur Tagesordnung.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 605
%
In Rücksicht aufs Praktische ist der unerbittliche Verstand
Vernunft, weil der Vernunft Höchstes ist, vis-à-vis des Verstandes
nämlich, den Verstand unerbittlich zu machen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 606
%
Alle Empiriker streben nach der Idee und können sie in der
Mannigfaltigkeit nicht entdecken; alle Theoretiker suchen sie im
Mannigfaltigen und können sie darinne nicht auffinden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 607
%
Beide jedoch finden sich im Leben, in der Tat, in der Kunst
zusammen, und das ist so oft gesagt; wenige aber verstehen es zu
nutzen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 608
%
Der denkende Mensch irrt besonders, wenn er sich nach Ursach'
und Wirkung erkundigt: Sie beide zusammen machen das unteilbare
Phänomen. Wer das zu erkennen weiß, ist auf dem rechten Wege zum tun,
zur Tat.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 609
%
Das genetische Verfahren leitet uns schon auf bessere Wege, ob
man gleich damit auch nicht ausreicht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 610
%
Alle praktische Menschen suchen sich die Welt handrecht zu
machen; alle Denker wollen sie kopfrecht haben. Wie weit es jedem
gelingt, mögen sie zusehen.
Die Realen
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 611
%
Was nicht geleistet wird, wird nicht verlangt.
Die Idealen
Was verlangt wird, ist nicht gleich zu leisten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 612
%
Dass man gerade nur denkt, wenn man das, worüber man denkt,
nicht ausdenken kann!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 613
%
Es ist mit der Geschichte wie mit der Natur, wie mit allem
Profunden, es sei vergangen, gegenwärtig oder zukünftig: Je tiefer
man ernstlich eindringt, desto schwierigere Probleme tun sich hervor.
Wer sich nicht fürchtet, sondern kühn darauf losgeht, fühlt sich,
indem er weiter gedeiht, höher gebildet und behaglicher.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 614
%
Jede Erscheinung ist zugänglich wie ein planum inclinatum, das
bequem zu ersteigen ist, wenn der hintere Teil des Keiles schroff und
unerreichbar dasteht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 615
%
Wer sich in ein Wissen einlassen soll, muss betrogen werden oder
sich selbst betrügen, wenn äußere Nötigungen ihn nicht
unwiderstehlich bestimmen. Wer würde ein Arzt werden, wenn er alle
Unbilden auf einmal vor sich sähe, die seiner warten?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 616
%
Wie viele Jahre muss man nicht tun, um nur einigermaßen zu
wissen, was und wie es zu tun sei!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 617
%
Falsche Tendenzen sind eine Art realer Sehnsucht, immer noch
vorteilhafter als die falsche Tendenz, die sich als ideelle Sehnsucht
ausdrückt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 618
%
Lüsternheit: Spiel mit dem zu Genießenden. Spiel mit dem
Genossenen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 619
%
Pflicht: Wo man liebt, was man sich selbst befiehlt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 620
%
Wir sind naturforschend Pantheisten, dichtend Polytheisten,
sittlich Monotheisten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 621
%
Gott, wenn wir hoch stehen, ist alles; stehen wir niedrig, so
ist er ein Supplement unsrer Armseligkeit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 622
%
Die Kreatur ist sehr schwach; denn sucht sie etwas, findet sie's
nicht. Stark aber ist Gott; denn sucht er die Kreatur, so hat er sie
gleich in seiner Hand.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 623
%
Glaube ist Liebe zum Unsichtbaren, Vertrauen aufs Unmögliche,
Unwahrscheinliche.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 624
%
Das Christentum steht mit dem Judentum in einem weit stärkern
Gegensatz als mit dem Heidentum.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 625
%
Die christliche Religion ist eine intentionierte politische
Revolution, die, verfehlt, nachher moralisch geworden ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 626
%
Es gibt Theologen, die wollten, dass es nur einen einzigen
Menschen in der Welt gegeben hätte, den Gott erlöst hätte; denn da
hätte er keine Ketzer geben können.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 627
%
"Die Kirche schwächt alles, was sie anrührt."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 628
%
Die Ohrenbeichte im besten Sinne ist eine fortgesetzte
Katechisation der Erwachsnen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 629
%
In Neuyork, sagt man, finden sich neunzig christliche Kirchen
abweichender Konfession, und nun wird diese Stadt besonders seit
Eröffnung des Erie-Kanals überschwänglich reich. Wahrscheinlich ist
man der Überzeugung, dass religiose Gedanken und Gefühle, von welcher
besondern Art sie auch seien, dem beruhigenden Sonntag angehören,
angestrengte Tätigkeit, von frommen Gesinnungen begleitet, den
Werkeltagen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 630
%
Wenn ein gutes Wort eine gute Statt findet, so findet ein
frommes Wort gewiss noch eine bessere.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 631
%
Alles kommt bei der Mission darauf an, dass der rohe sinnliche
Mensch gewahr wird, dass es eine Sitte gebe; dass der
leidenschaftliche ungebändigte merkt, dass er Fehler begangen hat,
die er sich selbst nicht verzeihen kann. Die erste führt zur Annahme
zarter Maximen, das letzte auf Glauben einer Versöhnung. Alles
Mittlere von zufällig scheinenden Übeln wird einer weisen
unerforschlichen Führung anheim gegeben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 632
%
Der rechtliche Mensch denkt immer, er sei vornehmer und
mächtiger, als er ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 633
%
Alle Gesetze sind Versuche, sich den Absichten der moralischen
Weltordnung im Welt- und Lebenslaufe zu nähern.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 634
%
Es ist besser, es geschehe dir unrecht, als die Welt sei ohne
Gesetz. Deshalb füge sich jeder dem Gesetze.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 635
%
Es ist besser, dass Ungerechtigkeiten geschehn, als dass sie auf
eine ungerechte Weise gehoben werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 636
%
Nero hätte in den vier Jahren, die das Interregnum dauerte - so
nenne ich die Regierungen des Galba, Otho, Vitellius -, nicht so viel
Unheil stiften können, als nach seiner Ermordung über die Welt
gekommen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 637
%
Wäre es Gott darum zu tun gewesen, dass die Menschen in der
Wahrheit leben und handeln sollten, so hätte er seine Einrichtung
anders machen müssen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 638
%
Man könnte zum Scherze sagen, der Mensch sei ganz aus Fehlern
zusammengesetzt, wovon einige der Gesellschaft nützlich, andre
schädlich, einige brauchbar, einige unbrauchbar gefunden werden. Von
jenen spricht man Gutes: Nennt sie Tugenden; von diesen Böses: Nennt
die Fehler.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 639
%
Nicht allein das Angeborene, sondern auch das Erworbene ist der
Mensch.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 640
%
Unsre Eigenschaften müssen wir kultivieren, nicht unsre
Eigenheiten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 641
%
Man sieht gleich, wo die zwei notwendigsten Eigenschaften
fehlen: Geist und Gewalt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 642
%
Unsre Meinungen sind nur Supplemente unsrer Existenz. Wie einer
denkt, daran kann man sehn, was ihm fehlt. Die leersten Menschen
halten sehr viel auf sich, treffliche sind misstrauisch, der
Lasterhafte ist frech, und der Gute ist ängstlich. So setzt sich
alles ins Gleichgewicht; jeder will ganz sein oder es vor sich
scheinen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 643
%
Historisch betrachtet, erscheint unser Gutes in mäßigem Lichte
und unsere Mängel entschuldigen sich.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 644
%
Der liebt nicht, der die Fehler des Geliebten nicht für Tugenden
hält.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 645
%
Man kann niemand lieben, als dessen Gegenwart man sicher ist,
wenn man sein bedarf.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 646
%
Man kennt nur diejenigen, von denen man leidet.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 647
%
Man beobachtet niemand als die Personen, von denen man leidet.
Um unerkannt in der Welt umherzugehen, müsste man nur niemand wehe
tun.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 648
%
Mit jemand leben oder in jemand leben, ist ein großer
Unterschied. Es gibt Menschen, in denen man leben kann, ohne mit
ihnen zu leben, und umgekehrt. Beides zu verbinden, ist nur der
reinsten Liebe und Freundschaft möglich.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 649
%
Es ist besser, man betrügt sich an seinen Freunden, als dass man
seine Freunde betrüge.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 650
%
Wenn ein paar Menschen recht miteinander zufrieden sind, kann
man meistens versichert sein, dass sie sich irren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 651
%
Der Wolf im Schafpelze ist weniger gefährlich als das Schaf in
irgendeinem Pelze, wo man es für mehr als einen Schöps nimmt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 652
%
Sage nicht, dass du geben willst, sondern gib! Die Hoffnung
befriedigst du nie.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 653
%
Man würde viel Almosen geben, wenn man Augen hätte zu sehen, was
eine empfangende Hand für ein schönes Bild macht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 654
%
Zum Tun gehört Talent, zum Wohltun Vermögen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 655
%
Eine gefallene Schreibfeder muss man gleich aufheben, sonst wird
sie zertreten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 656
%
Es ist keine Kunst, eine Göttin zur Hexe, eine Jungfrau zur Hure
zu machen; aber zur umgekehrten Operation, Würde zu geben dem
Verschmähten, wünschenswert zu machen das Verworfene, dazu gehört
entweder Kunst oder Charakter.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 657
%
Es gibt keine Lage, die man nicht veredeln könnte durch Leisten
oder Dulden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 658
%
Dem Verzweifelnden verzeiht man alles, dem Verarmten gibt man
jeden Erwerb zu.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 659
%
Dummheit, seinen Feind vor dem Tode, und Niederträchtigkeit,
nach dem Siege zu verkleinern.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 660
%
Das radikale Übel: Dass jeder gern sein möchte, was er sein
könnte, und die übrigen nichts, ja nicht wären.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 661
%
Ein Mensch zeigt nicht eher seinen Charakter, als wenn er von
einem großen Menschen oder irgend von etwas Außerordentlichem
spricht. Es ist der rechte Probierstein aufs Kupfer.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 662
%
Nur solchen Menschen, die nichts hervorzubringen wissen, denen
ist nichts da.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 663
%
Warum man doch ewige Missreden hört? Sie glauben sich alle etwas
zu vergeben, wenn sie das kleinste verdienst anerkennen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 664
%
Vom Verdienste fordert man Bescheidenheit; aber diejenigen, die
unbescheiden das Verdienst schmälern, werden mit Behagen angehört.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 665
%
Dem Menschen ist verhasst, was er nicht glaubt, selbst getan zu
haben; deswegen der Parteigeist so eifrig ist. Jeder Alberne glaubt,
ins Beste einzugreifen, und alle Welt, die nichts ist, wird zu was.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 666
%
Egoistische Kleinstädterei, die sich Zentrum deucht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 667
%
Es ist niemand fähig zu denken, dass jemand etwas konstruieren
und protegieren möchte, als um Partei zu machen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 668
%
Im Laufe des frischen Lebens erduldet man viel, es sei nun vom
Veralteten oder Überneuen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 669
%
Wie haben sich die Deutschen nicht gebärdet, um dasjenige
abzuwehren, was ich allenfalls getan und geleistet habe, und tun
sie's nicht noch? Hätten sie alles gelten lassen und wären weiter
gegangen, hätten sie mit meinem Erwerb gewuchert, so wären sie
weiter, wie sie sind.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 670
%
Dass die Naturforscher nicht durchaus mit mir einig werden, ist
bei der Stellung so verschiedener Denkweisen ganz natürlich; die
meinige werde ich gleichfalls künftig zu behaupten suchen. Aber auch
im ästhetischen und moralischen Felde wird es Mode, gegen mich zu
streiten und zu wirken. Ich weiß recht gut, woher und wohin, warum
und wozu, erkläre mich aber weiter nicht darüber. Die Freunde, mit
denen ich gelebt, für die ich gelebt, werden sich und mein Andenken
aufrechtzuerhalten wissen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 671
%
Das Urteil können sie verwehren, aber die Wirkung nicht hindern.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 672
%
Ich bin mit allen Menschen einig, die mich zunächst angehen, und
von den übrigen lass' ich mir nichts mehr gefallen, und da ist die
Sache aus.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 673
%
Ich höre das ganze Jahr jedermann anders reden, als ich's meine,
warum sollt' ich denn auch nicht einmal sagen, wie ich gesinnt bin?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 674
%
Eine nachgesprochne Wahrheit verliert schon ihre Grazie, aber
ein nachgesprochner Irrtum ist ganz ekelhaft.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 675
%
Das Absurde, Falsche lässt sich jedermann gefallen: Denn es
schleicht sich ein; das Wahre, Derbe nicht: Denn es schließt aus.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 676
%
Es ist ganz einerlei, ob man das Wahre oder das Falsche sagt:
Beidem wird widersprochen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 677
%
Eine richtige Antwort ist wie ein lieblicher Kuss.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 678
%
Wer kann sagen, er erfahre was, wenn er nicht ein Erfahrender
ist?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 679
%
Man frage nicht, ob man durchaus übereinstimmt, sondern ob man
in einem Sinne verfährt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 680
%
Nichts Peinlicheres habe gefunden, als mit jemand in
widerwärtigem Verhältnis zu stehen, mit dem ich übrigens aus einem
Sinne gern gehandelt hätte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 681
%
Beim Zerstören gelten alle falschen Argumente, beim Aufbauen
keineswegs. Was nicht wahr ist, baut nicht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 682
%
Es ist nichts furchtbarer anzuschauen als grenzenlose Tätigkeit
ohne Fundament. Glücklich diejenigen, die im Praktischen gegründet
sind und sich zu gründen wissen! Hiezu bedarf's aber einer ganz
eigenen Doppelgabe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 683
%
Es ist nichts inkonsequenter als die höchste Konsequenz, weil
sie unnatürliche Phänomene hervorbringt, die zuletzt umschlagen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 684
%
Man geht nie weiter, als wenn man nicht mehr weiß, wohin man
geht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 685
%
Wer sein Leben mit einem Geschäft zubringt, dessen Undankbarkeit
er zuletzt einsieht, der hasst es und kann es doch nicht los werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 686
%
Derjenige, der's allen andern zuvortun will, betrügt sich meist
selbst; er tut nur alles, was er kann, und bildet sich dann gefällig
vor, das sei so viel und mehr als das, was alle können.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 687
%
Versuche, die eigne Autorität zu fundieren: Sie ist überall
begründet, wo Meisterschaft ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 688
%
Der Tag an und für sich ist gar zu miserabel; wenn man nicht ein
Lustrum anpackt, so gibt's keine Garbe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 689
%
Der Tag gehört dem Irrtum und dem Fehler, die Zeitreihe dem
Erfolg und dem Gelingen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 690
%
Wer vorsieht, ist Herr des Tags.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 691
%
Ich verwünsche das Tägliche, weil es immer absurd ist. Nur was
wir durch mögliche Anstrengung ihm übergewinnen, lässt sich wohl
einmal summieren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 692
%
Indes wir, dem Ungeheuren unterworfen, kaum auf- und umschauen,
was zu tun sei und wohin wir unser Bestes von Kräften, Tätigkeiten
hinwenden sollen, und des höchsten Enthusiasmus bedürftig sind, der
nur nachhalten kann, wenn er nicht empirisch ist, nagen zwar keine
Lind-, aber Lumpwürme an unsern Täglichkeiten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 693
%
Das ganze Leben besteht aus
      Wollen und Nichtvollbringen,
      Vollbringen und Nichtwollen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 694
%
Wollen und Vollbringen ist nicht der Mühe wert oder
verdrießlich, davon zu sprechen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 695
%
Das Leben vieler Menschen besteht aus Klatschigkeiten,
Tägigkeiten, Intrige zu momentaner Wirkung
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 696
%
Wenn die Affen es dahin bringen könnten, Langeweile zu haben, so
können sie Menschen werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 697
%
Dem Klugen kommt das Leben leicht vor, wenn dem Toren schwer,
und oft dem Klugen schwer, dem Toren leicht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 698
%
Es ist besser, eine Torheit pure geschehen zu lassen, als ihr
mit einiger Vernunft nachhelfen zu wollen. Die Vernunft verliert ihre
Kraft, indem sie sich mit der Torheit vermischt, und die Torheit ihr
Naturell, das ihr oft forthilft.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 699
%
Mit Gedanken, die nicht aus der tätigen Natur entsprungen sind
und nicht wieder aufs tätige Leben wohltätig hinwirken und so in
einem mit dem jedesmaligen Lebenszustand übereinstimmenden
mannigfaltigen Wechsel unaufhörlich entstehen und sich auflösen, ist
der Welt wenig geholfen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 700
%
Im Idealen kommt alles auf die élans, im Realen auf die
Beharrlichkeit an.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 701
%
Das wunderlichste im Leben ist das Vertrauen, dass andre uns
führen werden. Haben wir's nicht, so tappen und tolpen wir unsern
eigenen Weg hin; haben wir's, so sind wir auch, eh' wir's uns
versehen, auf das schlechteste geführt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 702
%
Die ungeheuerste Kultur, die der Mensch sich geben kann, ist die
Überzeugung, dass die andern nicht nach ihm fragen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 703
%
Wer hätte mit mir Geduld haben sollen, wenn ich's nicht gehabt
hätte?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 704
%
Die Menschen glauben, dass man sich mit ihnen abgeben müsse, da
man sich mit ihnen abgeben müsse, da man sich mit sich selbst nicht
abgibt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 705
%
Wie viel vermag nicht die Übung! Die Zuschauer schreien, und der
Geschlagne schweigt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 706
%
Wenn mir eine Sache missfällt, so lass' ich sie liegen oder
mache sie besser.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 707
%
Wer in sich recht ernstlich hinabsteigt, wird sich immer nur als
Hälfte finden; er fasse nachher ein Mädchen oder eine Welt, um sich
zum Ganzen zu konstituieren, das ist einerlei.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 708
%
Der Tiger, der dem Hirsch begreiflich machen will, wie köstlich
es ist, Blut zu schlürfen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 709
%
Gesunde Menschen sind die, in deren Leibes- und
Geistesorganisation jeder Teil eine vita propria hat.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 710
%
Wenn weise Männer nicht irrten, müssten die Narren verzweifeln.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 711
%
Manche sind auf das, was sie wissen, stolz, gegen das, was sie
nicht wissen, hoffärtig.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 712
%
Die Geschichte wie das Universum, das sie repräsentieren soll,
hat einen realen und idealen Teil.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 713
%
Zum idealen Teile gehört der Kredit, zum realen Besitztum,
physische Macht pp.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 714
%
Der Kredit ist eine durch reale Leistungen erzeugte Idee der
Zuverlässigkeit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 715
%
Jeder Besitz ist eine plumpe Sache, und es ist gut, dass darüber
abgesprochen werde, ne incerta sint rerum dominia.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 716
%
Jeder Mensch fühlt sich privilegiert. Diesem Gefühl widerspricth:
1. die Naturnotwendigkeit,
2. die Gesellschaft.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 717
%
ad 1. Der Mensch kann ihr nicht entgehen, nicht ausweichen,
nichts abgewinnen. Nur kann er durch Diät sich fügen und ihr nicht
vorgreifen.
Ad 2. Der Mensch kann ihr nicht entgehen, nicht ausweichen; aber
er kann ihr abgewinnen, dass sie ihn ihre Vorteile mitgenießen lässt,
wenn er seinem Privilegiengefühl entsagt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 718
%
Der höchste Zweck der Gesellschaft ist Konsequenz der Vorteile,
jedem gesichert. Jeder einzelne Vernünftige opfert schon der
Konsequenz vieles auf, geschweige die Gesellschaft. Über diese
Konsequenz geht fast der momentane Vorteil der Glieder zugrunde.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 719
%
In der Gesellschaft sind alle gleich. Es kann keine Gesellschaft
anders als auf den Begriff der Gleichheit gegründet sein, keineswegs
aber auf den Begriff der Freiheit. Die Gleichheit will ich in der
Gesellschaft finden; die Freiheit, nämlich die sittliche, dass ich
mich subordinieren mag, bringe ich mit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 720
%
Die Gesellschaft, in die ich trete, muss also zu mir sagen: "Du
sollst allen uns andern gleich sein." Sie kann aber nur hinzufügen:
"Wir wünschen, dass du auch frei sein mögest", das heißt: Wir
wünschen, dass du dich mit Überzeugung, aus freiem, vernünftigem
Willen deiner Privilegien begibst.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 721
%
Gesetzgeber oder Revolutionärs, die Gleichsinn und Freiheit
zugleich versprechen, sind Phantasten oder Scharlatans.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 722
%
Eingebildete Gleichheit: Das erste Mittel, die Ungleichheit zu
zeigen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 723
%
Jede Revolution geht auf Naturzustand hinaus, Gesetz- und
Schamlosigkeit. (Pikarden, Wiedertäufer, Sansculotten.)
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 724
%
Sobald die Tyrannei aufgehoben ist, geht der Konflikt zwischen
Aristokratie und Demokratie unmittelbar an.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 725
%
Die Menschen sind als Organe ihres Jahrhunderts anzusehen, die
sich meist unbewusst bewegen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 726
%
Fehler der so genannten Aufklärung: Dass sie Menschen
Vielseitigkeit gibt, deren einseitige Lage man nicht ändern kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 727
%
Einen gerüsteten, auf die Defensive berechneten Zustand kann
kein Staat aushalten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 728
%
Das große Recht, nicht etwa nur in seinen Privatangelegenheiten
- denn das weiß ein jeder -, sondern auch in öffentlichen verständig,
ja vernünftig zu sein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 729
%
Majestät ist das Vermögen, ohne Rücksicht auf Belohnung oder
Bestrafung recht oder unrecht zu handeln.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 730
%
Herrschen und genießen geht nicht zusammen. Genießen heißt, sich
und andern in Fröhlichkeit angehören; herrschen heißt, sich und
anderen im ernstlichsten Sinne wohltätig sein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 731
%
Herrschen lernt sich leicht, regieren schwer.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 732
%
Wer klare Begriffe hat, kann befehlen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 733
%
In den Zeitungen ist alles Offizielle geschraubt, das übrige
platt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 734
%
Nach Pressfreiheit schreit niemand, als wer sie missbrauchen
will.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 735
%
Die Deutschen der neueren Zeit haben nichts anders für Denk- und
Pressfreiheit gehalten, als dass sie sich einander öffentlich
missachten dürfen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 736
%
Die Deutschen der alten Zeit freute nichts, als dass keiner dem
andern gehorchen durfte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 737
%
Gerechtigkeit: Eigenschaft und Phantom der Deutschen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 738
%
Der echte Deutsche bezeichnet sich durch mannigfaltige Bildung
und Einheit des Charakters.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 739
%
Die Engländer werden uns beschämen durch reinen Menschenverstand
und guten Willen, die Franzosen durch geistreiche Umsicht und
praktische Ausführung.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 740
%
Der Deutsche soll alle Sprachen lernen, damit ihm zu Hause kein
Fremder unbequem, er aber in der Fremde überall zu Hause sei.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 741
%
Die Gewalt einer Sprache ist nicht, dass sie das Fremde abweist,
sondern dass sie es verschlingt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 742
%
Ich verfluche allen negativen Purismus, dass man ein Wort nicht
brauchen soll, in welchem eine andre Sprache Vieles oder Zarteres
gefasst hat.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 743
%
Meine Sache ist der affirmative Purismus, der produktiv ist und
nur davon ausgeht: Wo müssen wir umschreiben, und der Nachbar hat ein
entscheidendes Wort?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 744
%
Der pedantische Purismus ist ein absurdes Ablehnen weiterer
Ausbreitung des Sinnes und Geistes (z.B. das englische Wort grief).
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 745
%
Kein Wort steht still, sondern es rückt immer durch den Gebrauch
von seinem anfänglichen Platz eher hinab als hinauf, eher in
schlechtere als ins Bessere, ins Engere als Weitere, und an der
Wandelbarkeit des Worts lässt sich die Wandelbarkeit der Begriffe
erkennen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 746
%
Philologen: Apollo Sauroktonos, immer mit dem spitzen
Griffelchen in der Hand aufpassend, eine Eidechse zu spießen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 747
%
Es ist kein großer Unterschied, ob ich eine korrekte Stelle
falsch verstehe oder ob ich einer korrupten irgendeinen Sinn
unterlege. Das letzte ist für den einzelnen vorteilhafter als das
erste. Es wird eine Privatemendation, wodurch er für seinen Geist
gewinnt, was jene für den Buchstaben gewonnen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 748
%
Es ist mit den Jahren wie mit den Sibyllinischen Büchern: Je
mehr man ihrer verbrennt, desto teurer werden sie.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 749
%
Wenn die Jugend ein Fehler ist, so legt man ihn sehr bald ab.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 750
%
In der Jugend bald die Vorzüge des Alters gewahr zu werden, im
Alter die Vorzüge der Jugend zu erhalten, beides ist nur ein Glück.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 751
%
Es betrügt sich kein Mensch, der in seiner Jugend noch soviel
erwartet. Aber wie er damals die Ahndung in seinem Herzen empfand, so
muss er auch die Erfüllung in seinem Herzen suchen, nicht außer sich.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 752
%
Dass der Mensch zuletzt Epitomator von sich selbst wird! Und
dahin zu gelangen, ist schon Glück genug.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 753
%
Eltern und Kindern bleibt nichts übrig, als entweder vor- oder
hintereinander zu sterben, und man weiß am Ende nicht, was man
vorziehen sollte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 754
%
Wenn ich an meinen Tod denke, darf ich, kann ich nicht denken,
welche Organisation zerstört wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 755
%
In jeder großen Trennung liegt ein Keim von Wahnsinn; man muss
sich hüten, ihn nachdenklich auszubrüten und zu pflegen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 756
%
Höchst merkwürdig ist, dass von dem menschlichen Wesen das
Entgegengesetzte übrig bleibt: Gehäus' und Gerüst, worin und womit
sich der Geist hienieden genügte, sodann aber die idealen Wirkungen,
die in Wort und Tat von ihm ausgingen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 757
%
Ein ausgesprochenes Wort fordert sich selbst wieder.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 758
%
Mystik: Eine unreife Poesie, eine unreife Philosophie;
Poesie: eine reife Natur;
Philosophie: eine reife Vernunft.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 759
%
Bildliche Darstellung: Reich der Poesie; hypothetische
Erklärung: Reich der Philosophie.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 760
%
Das Wahre (Allgemeine), das wir erkennen und festhalten;
das Leidenschaftliche (Besondere), das uns hindert und festhält;
das dritte, Rednerische, schwankend zwischen Wahrheit und
Leidenschaft.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 761
%
Die Lauen ist ein Bewusstloses und beruht auf der Sinnlichkeit.
Es ist der Widerspruch der Sinnlichkeit mit sich selbst.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 762
%
Der Humor entsteht, wenn die Vernunft nicht im Gleichgewicht mit
den Dingen ist, sondern entweder sie zu beherrschen strebt und nicht
damit zustande kommen kann: Welches der ärgerliche oder üble Humor
ist; oder sich ihnen gewissermaßen unterwirft und mit sich spielen
lässt, salvo honore, welches der heitre Humor oder der gute ist. Sie
lässt sich gut symbolisieren durch einen Vater, der sich herablässt,
mit seinen Kindern zu spielen, und mehr Spaß einnimmt als ausgibt. In
diesem Falle spielt die Vernunft den Goffo, im ersten Falle den
Moroso.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 763
%
Das Glück des Genies: Wenn es zuzeiten des Ernstes geboren wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 764
%
Das Genie mit Großsinn sucht seinem Jahrhundert vorzueilen; das
Talent aus Eigensinn möchte es oft zurückhalten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 765
%
Der Scharfsinn verlässt geistreiche Männer am wenigsten, wenn
sie unrecht haben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 766
%
Das fürchterlichste ist, wenn platte, unfähige Menschen zu
Phantasten sich gesellen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 767
%
Man kann sich nicht verleugnen, dass die deutsche Welt, mit
vielen, guten, trefflichen Geistern geschmückt, immer uneiniger,
unzusammenhängender in Kunst und Wissenschaft, sich auf historischem,
theoretischem und praktischem Wege immer mehr verirrt und verwirrt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 768
%
Sähe man Kunst und Wissenschaft nicht als ein Ewiges, in sich
selbst Lebendig-Fertiges verehrend an, das im Zeitverlaufe nur
Vorzüge und Mängel durcheinander mischt, so würde man selbst irre
werden und sich betrüben, dass Reichtum in eine solche Verlegenheit
setzen kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 769
%
Was nicht originell ist, daran ist nichts gelegen, du was
originell ist, trägt immer die Gebrechen des Individuums an sich.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 770
%
Wer's nicht besser machen kann, macht's wenigstens anders;
Zuhörer und Leser, in herkömmlicher Gleichgültigkeit, lassen
dergleichen am liebsten gelten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 771
%
Man spricht soviel von Geschmack: Der Geschmack besteht in
Euphemismen. Diese sind Schonungen des Ohrs mit Aufregung des Sinnes.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 772
%
Das Publikum beklagt sich lieber unaufhörlich, übel bedient
worden zu sein, als dass es sich bemühte, besser bedient zu werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 773
%
Ein großes Unheil entspringt aus den falschen Begriffen der
Menge, weil der Wert vorhandener Werke gleich verkannt wird, wenn sie
nicht im kurrenten Vorurteil mit einbegriffen sind.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 774
%
Innerhalb einer Epoche gibt es keinen Standpunkt, eine Epoche zu
betrachten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 775
%
Keine Nation hat ein Urteil als über das, was bei ihr getan und
geschrieben ist. Man könnte dies auch von jeder Zeit sagen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 776
%
Wahre, in alle Zeiten und Nationen eingreifende Urteile sind
sehr selten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 777
%
Keine Nation hat eine Kritik als in dem Maße, wie sie
vorzügliche, tüchtige und vortreffliche Werke besitzt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 778
%
Die Kritik erscheint wie Ate: Sie verfolgt die Autoren, aber
hinkend.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 779
%
Jemand sagte: "Was bemüht ihr euch um den Homer? Ihr versteht
ihn doch nicht." Darauf antwortet' ich: Versteh' ich doch auch Sonne,
Mond und Sterne nicht; aber sie gehen über meinem Haupt hin, und ich
erkenne mich in ihnen, indem ich sie sehe und ihren regelmäßigen,
wunderbaren Gang betrachte, und denke dabei, ob auch wohl etwas aus
mir werden könnte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 780
%
Dass die bildende Kunst in der Ilias auf einer so hohen Stufe
erscheint, möchte wohl ein Argument für die Modernität des Gedichtes
abgeben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 781
%
Die Modernen sollen nur Lateinisch schreiben, wenn sie aus
nichts etwas zu machen haben. Umgekehrt machen sie ihr weniges Etwas
immer zu nichts.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 782
%
Die lateinische Sprache hat eine Art von Imperativus der
Autorschaft.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 783
%
Zu den glücklichen Umständen, welche Shakespeares gebornes
großes Talent frei und rein entwickelten, gehört auch, dass er
Protestant war; er hätte sonst wie Kalidasa und Calderon Absurditäten
verherrlichen müssen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 784
%
Um die alten abgeschmacktesten locos communes der Menschheit
durchzupeitschen, hat Klopstock Himmel und Hölle, Sonne, Mond und
Sterne, Zeit und Ewigkeit, Gott und Teufel aufgeboten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 785
%
Schmidt von Werneuchen ist der wahre Charakter der
Natürlichkeit. Jedermann hat sich über ihn lustig gemacht und das mit
Recht; und doch hätte man sich über ihn nicht lustig machen können,
wenn er nicht als Poet wirkliches Verdienst hätte, das wir an ihm zu
ehren haben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 786
%
Märchen: Das uns unmögliche Begebenheiten unter möglichen oder
unmöglichen Bedingungen als möglich darstellt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 787
%
Roman: Der uns mögliche Begebenheiten unter unmöglichen oder
beinahe unmöglichen Bedingungen als wirklich darstellt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 788
%
Der Romanenheld assimiliert sich alles; der Theaterheld muss
nichts Ähnliches in allem dem finden, was ihn umgibt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 789
%
Beim Übersetzen muss man bis ans Unübersetzliche herangehen;
alsdann wird man aber erst die fremde Nation und die fremde Sprache
gewahr.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 790
%
Es ist ein großer Unterscheid, ob ich lese zu Genuss und
Belebung oder zu Erkenntnis und Belehrung.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 791
%
Es gibt Bücher, durch welche man alles erfährt und doch zuletzt
von der Sache nichts begreift.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 792
%
Wenn einem Autor ein Lexikon nachkommen kann, so taugt er nichts.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 793
%
Ich denke immer, wenn ich einen Druckfehler sehe, es sei etwas
Neues erfunden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 794
%
Verleger haben die Autoren und sich selbst für vogelfrei
erklärt; wie wollen sie untereinander, wer will mit ihnen rechten?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 795
%
Der mittelmäßigste Roman ist immer noch besser als die
mittelmäßigen Leser, ja der schlechteste partizipiert etwas von der
Vortrefflichkeit des ganzen Genres.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 796
%
Der Mensch kann nur mit seinesgleichen leben und auch mit denen
nicht; denn er kann auf die Länge nicht leiden, dass ihm jemand
gleich sei.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 797
%
Die jungen Leute sind neue Aperçus der Natur.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 798
%
Zu berichtigen verstehen die Deutschen, nicht nachzuhelfen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 799
%
Man muss eine Sache gefunden haben, wenn man wissen will, wo sie
liegt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 800
%
Wer freudig tut und sich des Getanen freut, ist glücklich.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 801
%
Mit Ungeduld bestraft sich zehnfach Ungeduld; man will das Ziel
heranziehn und entfernt es nur.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 802
%
Wenn ein Wissen reif ist, Wissenschaft zu werden, so muss
notwendig eine Krise entstehen: Denn es wird die Differenz offenbar
zwischen denen, die as Einzelne trennen und getrennt darstellen, und
solchen, die das Allgemeine im Auge haben und gern das Besondere an-
und einfügen möchten. Wie nun aber die wissenschaftliche, ideelle,
umgreifendere Behandlung sich mehr und mehr Freunde, Gönner und
Mitarbeiter wirbt, so bleibt auf der höheren Stufe jene Trennung zwar
nicht so entschieden, aber doch genugsam merklich.
Diejenigen, welche ich die Universalisten nenne möchte, sind
überzeugt und stellen sich vor: Dass alles überall, obgleich mit
unendlichen Abweichungen und Mannigfaltigkeiten, vorhanden und
vielleicht auch zu finden sei; die andern, die ich Singularisten
benennen will, gestehen den Hauptpunkt im allgemeinen zu, ja sie
beobachten, bestimmen und lehren hiernach; aber immer wollen sie
Ausnahmen finden, da, wo der ganze Typus nicht ausgesprochen ist, und
darin haben sie recht. Ihr Fehler aber ist nur, dass sie die
Grundgestalt verkennen, wo sie sich verhüllt, und leugnen, wenn sie
sich verbirgt. Da nun beide Vorstellungsweisen ursprünglich sind und
sich einander ewig gegenüberstehen werden, ohne sich zu vereinigen
oder aufzuheben, so hüte man ja sich vor aller Kontrovers und stelle
seine Überzeugung klar und nackt hin.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 803
%
So wiederhole ich die meinige: Dass man auf diesen höheren
Stufen nicht wissen kann, sondern tun muss; so wie an einem Spiele
wenig zu wissen und alles zu leisten ist. Die Natur hat uns das
Schachbrett gegeben, aus dem wir nicht hinaus wirken können noch
wollen; sie hat uns die Steine geschnitzt, deren Wert, Bewegung und
Vermögen nach und nach bekannt werden; nun ist es an uns, Züge zu
tun, von denen wir uns Gewinn versprechen; dies versucht nun ein
jeder auf seine Weise und lässt sich nicht gern einreden. Mag das
also geschehen, und beobachten wir nur vor allem genau: Wie nah oder
fern ein jeder von uns stehe, und vertragen uns sodann vorzüglich mit
denjenigen, die sich zu der Seite bekennen, zu der wir uns halten.
Ferner bedenke man, dass man immer mit einem unauflöslichen
Problem zu tun habe, und erweise sich frisch und treu, alles zu
beachten, was irgend auf eine Art zur Sprache kommt, am meisten
dasjenige, was uns widerstrebt: Denn dadurch wird man am ersten das
Problematische gewahr, welches zwar in den Gegenständen selbst, mehr
aber noch in den Menschen liegt. Ich bin nicht gewiss, ob ich in
diesem so wohl bearbeiteten Felde persönlich weiter wirke, doch
behalte ich mir vor, auf diese oder jene Wendung des Studiums, auf
diese oder jene Schritte der einzelnen aufmerksam zu sein und
aufmerksam zu machen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 804
%
Allein kann der Mensch nicht wohl bestehen, daher schlägt er
sich gern zu einer Partei, weil er da, wenn auch nicht Ruhe, doch
Beruhigung und Sicherheit findet.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 805
%
Es gibt wohl zu diesem oder jenem Geschäft von Natur
unzulängliche Menschen; Übereilung und Dünkel jedoch sind gefährliche
Dämonen, die den Fähigsten unzulänglich machen, alle Wirkung zum
Stocken bringen, freie Fortschritte lähmen. Dies gilt von weltlichen
Dingen, besonders auch von Wissenschaften.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 806
%
Im Reich der Natur waltet Bewegung und Tat, im Reiche der
Freiheit Anlage und Willen. Bewegung ist ewig und tritt bei jeder
günstigen Bedingung unwiderstehlich in die Erscheinung. Anlagen
entwickeln sich zwar auch naturgemäß, müssen aber erst durch den
Willen geübt und nach und nach gesteigert werden. Deswegen ist man
des freiwilligen Willens so gewiss nicht als der selbständigen Tat;
diese tut sich selbst, er aber wird getan: Denn er muss, um
vollkommen zu werden und zu wirken, sich im Sittlichen dem Gewissen,
das nicht irrt, im Kunstreichen aber der Regel fügen, die nirgends
ausgesprochen ist. Das Gewissen bedarf keines Ahnherrn, mit ihm ist
alles gegeben; es hat nur mit der innern eigenen Welt zu tun. Das
Genie bedürfte auch keine Regel, wäre sich selbst genug, gäbe sich
selbst die Regel; da es aber nach außen wirkt, so ist es vielfach
bedingt durch Stoff und Zeit, und an beiden muss es notwendig irre
werden; deswegen es mit allem, was eine Kunst ist, mit dem Regiment
wie mit Gedicht, Statue und Gemälde, durchaus so wunderlich und
unsicher aussieht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 807
%
Es ist eine schlimme Sache, die doch manchem Beobachter
begegnet, mit einer Anschauung sogleich eine Folgerung zu verknüpfen
und beide für gleich geltend zu achten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 808
%
Die Geschichte der Wissenschaften zeigt uns bei allem, was für
dieselben geschieht, gewisse Epochen, die bald schneller, bald
langsamer aufeinander folgen. Eine bedeutenden Ansicht, neu oder
erneut, wird ausgesprochen; sie wird anerkannt, früher oder später;
es finden sich Mitarbeiter; das Resultat geht in die Schüler über; es
wird gelehrt und fortgepflanzt, und wir bemerken leider, dass es gar
nicht darauf ankommt, ob die Ansicht wahr oder falsch sei; beides
macht denselben Gang, beides wird zuletzt eine Phrase, beides prägt
sich als totes Wort dem Gedächtnis ein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 809
%
Zur Verewigung des Irrtums tragen die Werke besonders bei, die
enzyklopädisch das Wahre und Falsche des Tages überliefern. Hier kann
die Wissenschaft nicht bearbeitet werden; sondern was man weiß,
glaubt, wähnt, wird aufgenommen! Deswegen sehen solche Werke nach
fünfzig Jahren gar wunderlich aus.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 810
%
Zuerst belehre man sich selbst, dann wird man Belehrung von
andern empfangen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 811
%
Theorien sind gewöhnlich Übereilungen eines ungeduldigen
Verstandes, der die Phänomene gern los sein möchte und an ihrer
Stelle deswegen Bilder, Begriffe, ja oft nur Worte einschiebt. Man
ahnet, man sieht auch wohl, dass es nur ein Behelf ist; leibt sich
nicht aber Leidenschaft und Parteigeist jederzeit Behelfe? Und mit
Recht, da sie ihrer so sehr bedürfen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 812
%
Unsere Zustände schreiben wir bald Gott, bald dem Teufel zu und
fehlen ein- wie das andere Mal: In uns selbst liegt das Rätsel, die
wir Ausgeburt zweier Welten sind. Mit der Farbe geht's ebenso; blad
sucht man sie im Lichte, bald draußen im Weltall, und kann sie gerade
da nicht finden, wo sie zu Hause ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 813
%
Es wird eine Zeit kommen, wo man eine pathologische
Experimentalphysik vorträgt und alle jene Spiegelfechtereien ans
Tageslicht bringt, welche den Verstand hintergehen, sich eine
Überzeugung erschleichen und, was das schlimmste daran ist, durchaus
jeden praktischen Fortschritt verhindern. Die Phänomene müssen ein
für allemal aus der düstern empirisch-mechanisch-dogmatischen
Marterkammer vor die Jury des gemeinen Menschenverstandes gebracht
werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 814
%
Dass Newton bei seinen prismatischen Versuchen die Öffnung so
klein als möglich nahm, um eine Linie zum Lichtstrahl bequem zu
symbolisieren, hat eine unheilbare Verirrung über die Welt gebracht,
an der vielleicht noch Jahrhunderte leiden.
Durch dieses kleine Löchlein ward Malus zu einer abenteuerlichen
Theorie getrieben, und wäre Seebeck nicht so umsichtig, so musste er
verhindert werden, den Urgrund dieser Erscheinungen, die entoptischen
Figuren und Farben, zu entdecken.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 815
%
Was aber das allersonderbarste ist: Der Mensch, wenn er auch den
Grund des Irrtums aufdeckt, wird den Irrtum selbst deshalb doch nicht
los. Mehrere Engländer, besonders Dr. Read, sprechen gegen Newton
leidenschaftlich aus: "Das prismatische Bild sei keineswegs das
Sonnenbild, sondern das Bild der Öffnung unseres Fensterladens mit
Farbensäumen geschmückt; im prismatischen Bilde gebe es kein
ursprünglich Grün, dieses entstehe durch das Übereinandergreifen des
Blauen und Gelben, so dass ein schwarzer Streif ebenso gut als ein
weißer in Farben aufgelöst scheinen könnte, wenn man hier von
Auflösen reden wolle." Genug, alles, was wir seit vielen Jahren
dargetan haben, legt dieser gute Beobachter gleichfalls vor. Nun aber
lässt ihn die fixe Idee einer diversen Refrangibilität nicht los,
doch kehrt er sie um und ist womöglich noch befangener als sein
großer Meister. Anstatt durch diese neue Ansicht begeistert aus jenem
Chrysalidenzustande sich herauszureißen, sucht er die schon
erwachsenen und entfalteten Glieder aufs neue in die alten
Puppenschalen unterzubringen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 816
%
Das unmittelbare Gewahrwerden der Urphänomene versetzt uns in
eine Art von Angst, wir fühlen unsere Unzulänglichkeit; nur durch das
ewige Spiel der Empirie belebt erfreuen sie uns.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 817
%
Der Magnet ist ein Urphänomen, das man nur aussprechen darf, um
es erklärt zu haben; dadurch wird es denn auch ein Symbol für alles
übrige, wofür wir keine Worte noch Namen zu suchen brauchen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 818
%
Alles Lebendige bildet eine Atmosphäre um sich her.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 819
%
Die außerordentlichen Männer des sechzehnten und siebzehnten
Jahrhunderts waren selbst Akademien wie Humboldt zu unserer Zeit. Als
nun das Wissen so ungeheuer überhand nahm, taten sich Privatleute
zusammen, um, was den einzelnen unmöglich wird, vereinigt zu leisten.
Von Ministern, Fürsten und Königen hielten sie sich fern. Wie suchte
nicht das französische stille Konventikel die Herrschaft Richelieus
abzulehnen! Wie verhinderte der englische Oxforder und Londner Verein
den Einfluss der Lieblinge Karls des Zweiten!
Da es aber einmal geschehen war und die Wissenschaften sich als
ein Staatsglied im Staatskörper fühlten, einen Rang bei Prozessionen
und andern Feierlichkeiten erhielten, war blad der höhere Zweck aus
den Augen verloren; man stellte seine Person vor, und die
Wissenschaften hatten auch Mäntelchen um und Käppchen auf. In meiner
"Geschichte der Farbenlehre" habe ich dergleichen weitläuftig
angeführt. Was aber geschrieben steht, es steht deswegen da, damit es
immerfort erfüllt werde.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 820
%
Die Natur auffassen und sie unmittelbar benutzen, ist wenig
Menschen gegeben; zwischen Erkenntnis und Gebrauch erfinden sie sich
gern ein Luftgespinst, das sie sorgfältig ausbilden und darüber den
Gegenstand zugleich mit der Benutzung vergessen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 821
%
Ebenso begreift man nicht leicht, dass in der großen Natur das
geschieht, was auch im kleinsten Zirkel vorgeht. Dringt es ihnen die
Erfahrung auf, so lassen sie sich's zuletzt gefallen. Spreu, von
geriebenem Bernstein angezogen, steht mit dem ungeheuersten
Donnerwetter in Verwandtschaft, ja ist eine und eben dieselbe
Erscheinung. Dieses Mikromegische gestehen wir auch in einigen andern
Fällen zu, bald aber verlässt uns der reine Naturgeist, und der Dämon
der Künstelei bemächtigt sich unser und weiß sich überall geltend zu
machen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 822
%
Die Natur hat sich so viel Freiheit vorbehalten, dass wir mit
Wissen und Wissenschaft ihr nicht durchgängig beikommen oder sie in
die Enge treiben können.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 823
%
Mit den Irrtümern der Zeit ist schwer sich abzufinden:
Widerstrebt man ihnen, so steht man allein; lässt man sich davon
befangen, so hat man auch weder Ehre noch Freude davon.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 824
%
Wissenschaften entfernen sich im Ganzen immer vom Leben und
kehren nur durch einen Umweg wieder dahin zurück.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 825
%
Denn sie sind eigentlich Kompendien des Lebens; sie bringen die
äußern und innern Erfahrungen ins Allgemeine, in einen Zusammenhang.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 826
%
Das Interesse an ihnen wird im Grunde nur in einer besondern
Welt, in der wissenschaftlichen, erregt; denn dass man auch die
übrige Welt dazu beruft und ihr davon Notiz gibt, wie es in der
neuern Zeit geschieht, ist ein Missbrauch und bringt mehr Schaden als
Nutzen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 827
%
Nur durch eine erhöhte Praxis sollten die Wissenschaften auf die
äußere Welt wirken: Denn eigentlich sind sie alle esoterisch und
können nur durch Verbessern irgendeines Tuns exoterisch werden. Alle
übrige Teilnahme führt zu nichts.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 828
%
Die Wissenschaften, auch in ihrem innern Kreise betrachtet,
werden mit augenblicklichem, jedesmaligem Interesse behandelt. Ein
starker Anstoß, besonders von etwas Neuem und Unerhörten oder
wenigstens mächtig Gefördertem, erregt eine allgemeine Teilnahme, die
jahrelang dauern kann, und die besonders in den letzten Zeiten sehr
fruchtbar geworden ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 829
%
Ein bedeutendes Faktum, ein geniales Aperçu beschäftigt eine
sehr große Anzahl Menschen, erst nur, um es zu kennen, dann, um es zu
erkennen, dann es zu bearbeiten und weiterzuführen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 830
%
Die Menge fragt bei einer jeden neuen bedeutenden Erscheinung,
was sie nutze, und sie hat nicht Unrecht; denn sie kann bloß durch
den Nutzen den Wert einer Sache gewahr werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 831
%
Die wahren Weisen fragen, wie sich die Sache verhalte in sich
selbst und zu andern Dingen, unbekümmert um den Nutzen, d.h. um die
Anwendung auf das Bekannte und zum Leben Notwendige, welche ganz
andere Geister, scharfsinnige, lebenslustige, technisch geübte und
gewandte, schon finden werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 832
%
Die Afterweisen suchen von jeder neuen Entdeckung nur so
geschwind als möglich für sich einigen Vorteil zu ziehen, indem sie
einen eitlen Ruhm bald in Fortpflanzung, bald in Vermehrung, blad in
Verbesserung, geschwinder Besitznahme, vielleicht gar durch
Präokkupation zu erwerben trachten und durch solche Unreifheiten die
wahre Wissenschaft unsicher machen und verwirren, ja ihre schönste
Folge, die praktische Blüte derselben, offenbar verkümmern.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 833
%
Das schändlichste Vorurteil ist, dass irgendeine Art
Naturuntersuchung mit dem Bann belegt werden könne.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 834
%
Jeder Forscher muss sich durchaus ansehen als einer, der zu
einer Jury berufen ist. Er hat nur darauf zu achten, inwiefern der
Vortrag vollständig sei und durch klare Belege auseinandergesetzt. Er
fasst hiernach seine Überzeugung zusammen und gibt seine Stimme, es
sei nun, dass seine Meinung mit der des Referenten übereintreffe oder
nicht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 835
%
Dabei bleibt er ebenso beruhigt, wenn ihm die Majorität
beistimmt, als wenn er sich in der Minorität befindet; denn er hat
das Seinige getan, er hat seine Überzeugung ausgesprochen, er ist
nicht Herr über die Geister noch über die Gemüter.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 836
%
In der wissenschaftlichen Welt haben aber diese Gesinnungen
niemals gelten wollen; durchaus ist es auf Herrschen und Beherrschen
angesehen; und weil sehr wenige Menschen eigentlich selbständig sind,
so zieht die Menge den einzelnen nach sich.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 837
%
Die Geschichte der Philosophie, der Wissenschaften, der
Religion, alles zeigt, dass die Meinungen massenweis sich verbreiten,
immer aber diejenige den Vorrang gewinnt, welche fasslicher, d.h. dem
menschlichen Geiste in seinem gemeinen Zustande gemäß und bequem ist.
Ja derjenige, der sich in höherem Sinne ausgebildet, kann immer
voraussetzen, dass er die Majorität gegen sich habe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 838
%
Wäre die Natur in ihren leblosen Anfängen nicht so gründlich
stereometrisch, wie wollte sie zuletzt zum unberechenbaren und
unermesslichen Leben gelangen?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 839
%
Der Mensch an sich selbst, insofern er sich seiner gefunden
Sinne bedient, ist der größte und genauste physikalische Apparat, den
es geben kann; und das ist eben das größte Unheil der neuern Physik,
dass man die Experimente gleichsam vom Menschen abgesondert hat und
bloß in dem, was künstliche Instrumente zeigen, die Natur erkennen,
ja was sie leisten kann, dadurch beschränken und bewiesen will.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 840
%
Ebenso ist es mit dem Berechnen. - Es ist vieles wahr, was sich
nicht berechnen lässt, sowie sehr vieles, was sich nicht bis zum
entschiedenen Experiment bringen lässt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 841
%
Dafür steht ja aber der Mensch so hoch, dass sich das sonst
Undarstellbare in ihm darstellt. Was ist denn eine Saite und alle
mechanische Teilung derselben gegen das Ohr des Musikers; ja man kann
sagen, was sind die elementaren Erscheinungen der Natur selbst gegen
den Menschen, der sie alle erst bändigen und modifizieren muss, um
sie sich einigermaßen assimilieren zu können.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 842
%
Es ist von einem Experiment zu viel gefordert, wenn es alles
leisten soll. Konnte man doch die Elektrizität erst nur durch Reiben
darstellen, deren höchste Erscheinung jetzt durch bloß Berührung
hervorgebracht wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 843
%
Wie man der französischen Sprache niemals den Vorzug streitig
machen wird, als ausgebildete Hof- und Weltsprache sind immer mehr
aus- und fortbildend zu wirken, so wird es niemand einfallen, das
Verdienst der Mathematiker gering zu schätzen, welches sie, in ihrer
Sprache die wichtigsten Angelegenheiten verhandelnd, sich um die Welt
erwerben, indem sie alles, was der Zahl und dem Maß im höchsten Sinne
unterworfen ist, zu regeln, zu bestimmen und zu entscheiden wissen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 844
%
Jeder Deutsche, der seinen Kalender ansieht, nach seiner Uhr
blickt, wird sich erinnern, wem er diese Wohltaten schuldig ist. Wenn
man sie aber auch auf ehrfurchtsvolle Weise in Zeit und Raum gewähren
lässt, so werden sie erkennen, dass wir etwas gewahr werden, was weit
darüber hinausgeht, welches allen angehört, und ohne welches sie
selbst weder tun noch wirken könnten: Idee und Liebe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 845
%
"Wer weiß etwas von Elektrizität," sagte ein heiterer
Naturforscher, "als wenn er im Finstern eine Katze streichelt oder
Blitz und Donner neben ihm niederleuchten und rasseln? Wie viel und
wie wenig weiß er alsdann davon?"
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 846
%
Lichtenbergs Schriften können wir uns als der wunderbarsten
Wünschelrute bedienen; wo er einen Spaß macht, liegt ein Problem
verborgen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 847
%
In den großen leeren Weltraum zwischen Mars und Jupiter legte er
auch einen heitern Einfall. Als Kant sorgfältig bewiesen hatte, dass
die beiden genannten Planeten alles aufgezehrt und sich zugeeignet
hätten, was nur in diesen Räumen zu finden gewesen von Materie, sagte
jener scherzhaft nach seiner Art: Warum sollte es nicht auch
unsichtbare Welten geben? - Und hat er nicht vollkommen wahr
gesprochen? Sind die neu entdeckten Planeten nicht der ganzen Welt
unsichtbar, außer den wenigen Astronomen, denen wir auf Wort und
Rechnung glauben müssen?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 848
%
Einer neuen Wahrheit ist nichts schädlicher als ein alter Irrtum.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 849
%
Die Menschen sind durch die unendlichen Bedingungen des
Erscheinens dergestalt obruiert, dass sie das eine Urbedingende nicht
gewahren können.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 850
%
"Wenn Reisende ein sehr großes Ergötzen auf ihren
Bergklettereien empfinden, so ist für mich etwas Barbarisches, ja
Gottloses in dieser Leidenschaft. Berge geben uns wohl den Begriff
von Naturgewalt, nicht aber von Wohltätigkeit der Vorsehung. Zu
welchem Gebrauch sind sie wohl dem Menschen? Unternimmt er, dort zu
wohnen, so wird im Winter eine Schneelawine, im Sommer ein Bergrutsch
sein Haus begraben oder fortschieben; seine Herden schwemmt der
Gießbach weg, seine Kornscheuern die Windstürme. Macht er sich auf
den Weg, so ist jeder Aufstieg die Qual des Sisyphis, jeder
Niederschlag der Sturz Vulkans; sein Pfad ist täglich von Steinen
verschüttet, der Gießbach unwegsam für Schifffahrt. Finden auch seine
Zwergherden notdürftige Nahrung oder sammelt er sie ihnen kärglich:
Entweder die Elemente entreißen sie ihm oder wilde Bestien. Er führt
ein einsam kümmerlich Pflanzenleben, wie das Moos auf einem
Grabstein, ohne Bequemlichkeit und ohne Gesellschaft. Und diese
Zickzackkämme, diese widerwärtigen Felsenwände, diese ungestalteten
Granitpyramiden, welche die schönsten Weltbreiten mit den
Schrecknissen des Nordpols bedecken, wie sollte sich ein
wohlwollender Mann daran gefallen und ein Menschenfreund sie preisen?"
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 851
%
Auf diese heitere Paradoxie eines würdigen Mannes wäre zu sagen,
dass, wenn es Gott und der Natur gefallen hätte, den Urgebirgsknoten
von Nubien durchaus nach Westen bis an das Große Meer zu entwickeln
und fortzusetzen, ferner diese Gebirgsreihe einige Mal von Norden
nach Süden zu durchschneiden, sodann Täler entstanden sein würden,
worin gar mancher Urvater Abraham ein Kanaan, mancher Albert Julius
eine Felsenburg würde gefunden haben, wo denn seine Nachkommen,
leicht mit den Sternen rivalisierend, sich hätten vermehren können.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 852
%
Steine sind stumme Lehrer, sie machen den Beobachter stumm, und
das Beste, was man von ihnen lernt, ist nicht mitzuteilen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 853
%
Was ich recht weiß, weiß ich nur mir selbst; ein ausgesprochenes
Wort fördert selten, es erregt meistens Widerspruch, Stocken und
Stillstehen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 854
%
Die Kristallographie, als Wissenschaft betrachtet, gibt zu ganz
eignen Ansichten Anlass. Sie ist nicht produktiv, sie ist nur sie
selbst und hat keine Folgen, besonders nunmehr, da man so manche
isomorphische Körper angetroffen hat, die sich ihrem Gehalte nach
ganz verschieden erweisen. Da sie eigentlich nirgends anwendbar ist,
so hat sie sich in dem hohen Grade in sich selbst ausgebildet. Sie
gibt dem Geist eine gewisse beschränkte Befriedigung und ist in ihren
Einzelheiten so mannigfaltig, dass man sie unerschöpflich nennen
kann, deswegen sie auch vorzügliche Menschen so entschieden und lange
an sich festhält.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 855
%
Etwas Mönchisch-Hagestolzenartiges hat die Kristallographie und
ist daher sich selbst genug. Von praktischer Lebenseinwirkung ist sie
nicht: Denn die köstlichsten Erzeugnisse ihres Gebiets, die
kristallinischen Edelsteine, müssen erst zugeschliffen werden, ehe
wir unsere Frauen damit schmücken können.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 856
%
Ganz das Entgegengesetzte ist von der Chemie zu sagen, welche
von der ausgebreitetsten Anwendung und von dem grenzenlosesten
Einfluss aufs Leben sich erweist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 857
%
Der Begriff von Entstehen ist uns ganz und gar versagt; daher
wir, wenn wir etwas werden sehen, denken, dass es schon dagewesen
sei. Deshalb das System der Einschachtelung uns begreiflich vorkommt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 858
%
Wie manches Bedeutende sieht man aus Teilen zusammensetzen; man
betrachte die Werke der Baukunst; man sieht manches sich regel- und
unregelmäßig anhäufen; daher ist uns der atomistische Begriff nah und
bequem zur Hand, deshalb wir uns nicht scheuen, ihn auch in
organischen Fällen anzuwenden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 859
%
Wer den Unterschied des Phantastischen und Ideellen, des
Gesetzlichen und Hypothetischen nicht zu fassen weiß, der ist als
Naturforscher in einer üblen Lage.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 860
%
Es gibt Hypothesen, wo Verstand und Einbildungskraft sich an die
Stelle der Idee setzen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 861
%
Man tut nicht wohl, sich allzu lange im Abstrakten aufzuhalten.
Das Esoterische schadet nur, indem es exoterisch zu werden trachtet.
Leben wird am besten durchs Lebendige belehrt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 862
%
Man kann in den Naturwissenschaften über manche Probleme nicht
gehörig sprechen, wenn man die Metaphysik nicht zu Hilfe ruft; aber
nicht jene Schul- und Wortweisheit: Es ist dasjenige, was vor, mit
und nach der Physik war, ist und sein wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 863
%
Autorität, dass nämlich etwas schon einmal geschehen, gesagt
oder entschieden worden sei, hat großen Wert; aber nur der Pedant
fordert überall Autorität.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 864
%
Altes Fundament ehrt man, darf aber das Recht nicht aufgeben,
irgendwo wieder einmal von vorn zu gründen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 865
%
Beharre, wo du stehst! - Maxime, notwendiger als je, indem
einerseits die Menschen in große Parteien gerissen werden, sodann
aber auch jeder einzelne nach individueller Einsicht und Vermögen
sich geltend machen will.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 866
%
Man tut immer besser, dass man sich grad ausspricht, wie man
denkt, ohne viel beweisen zu wollen: Denn alle Beweise, die wir
vorbringen, sind doch nur Variationen unserer Meinungen, und die
Widriggesinnten hören weder auf das eine noch auf das andere.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 867
%
Da ich mit der Naturwissenschaft, wie sie sich von Tag zu Tag
vorwärts bewegt, immer mehr bekannt und verwandt werde, so dringt
sich mir gar manche Betrachtung auf über die Vor- und Rückschritte,
die zu gleicher Zeit geschehen. Eines nur sei hier ausgesprochen:
Dass wir sogar anerkannte Irrtümer aus der Wissenschaft nicht
loswerden. Die Ursache hievon ist ein offenbares Geheimnis.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 868
%
Einen Irrtum nenn' ich, wenn irgendein Ereignis falsch
ausgelegt, falsch angeknüpft, falsch abgeleitet wird. Nun ereignet
sich aber im Gange des Erfahrens und Denkens, dass eine Erscheinung
folgerecht angeknüpft, richtig abgeleitet wird. Das lässt man sich
wohl gefallen, legt aber keinen besondern Wert darauf und lässt den
Irrtum ganz ruhig daneben liegen, und ich kenne ein kleines Magazin
von Irrtümern, die man sorgfältig aufbewahrt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 869
%
Da nun den Menschen eigentlich nichts interessiert als seine
Meinung, so sieht jedermann, der eine Meinung vorträgt, sich rechts
und links nach Hilfsmitteln um, damit er sich und andere bestärken
möge. Des Wahren bedient man sich, solange es brauchbar ist, aber
leidenschaftlich rhetorisch ergreift man das Falsche, sobald man es
für den Augenblick nutzen, damit, als einem Halbargumente, blenden,
als mit einem Lückenbüßer das Zerstückelte scheinbar vereinigen kann.
Dieses zu erfahren, war mir erst ein Ärgernis, dann betrübte ich mich
darüber, und nun macht es mir Schadenfreude: Ich habe mir das Wort
gegeben, ein solches Verfahren niemals wieder aufzudecken.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 870
%
Jedes Existierende ist ein Analogon alles Existierenden; daher
erscheint uns das Dasein immer zu gleicher Zeit gesondert und
verknüpft. Folgt man der Analogie zu sehr, so fällt alles identisch
zusammen; meidet man sie, so zerstreut sich alles ins Unendliche. In
beiden Fällen stagniert die Betrachtung, einmal als überlebendig, das
andere Mal als getötet.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 871
%
Die Vernunft ist auf das Werdende, der Verstand auf das
Gewordene angewiesen; jene bekümmert sich nicht: Wozu? Dieser fragt
nicht: Woher? - Sie erfreut sich am Entwickeln; er wünscht alles
festzuhalten, damit er es nutzen könne.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 872
%
Es ist eine Eigenheit dem Menschen angeboren und mit seiner
Natur innigst verwebt, dass ihm zur Erkenntnis das Nächste nicht
genügt; da doch jede Erscheinung, die wir selbst gewahr werden, im
Augenblick das Nächste ist, und wir von ihr fordern können, dass sie
sich selbst erkläre, wenn wir kräftig in sie dringen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 873
%
Das werden aber die Menschen nicht lernen, weil es gegen ihre
Natur ist; daher die Gebildeten es selbst nicht lassen können, wenn
sie an Ort und Stelle irgendein Wahres erkannt haben, es nicht nur
mit dem Nächsten, sondern auch mit dem Weistesten und Fernsten
zusammenzuhängen, woraus dem Irrtum über Irrtum entspringt. Das nahe
Phänomen hängt aber mit dem fernen nur in dem Sinne zusammen, dass
sich alles auf wenige große Gesetze bezieht, die sich überall
manifestieren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 874
%
Was ist das Allgemeine?
Der einzelne Fall.
Was ist das Besondere?
Millionen Fälle.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 875
%
Die Analogie hat zwei Verirrungen zu fürchten: Einmal, sich dem
Witz hinzugeben, wo sie in nichts zerfließt, die andere, sich mit
Tropen und Gleichnissen zu umhüllen, welches jedoch weniger schädlich
ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 876
%
Weder Mythologie noch Legenden sind in der Wissenschaft zu
dulden. Lasse man diese den Poeten, die berufen sind, sie nu Nutz und
Freude der Welt zu behandeln. Der wissenschaftliche Mann beschränke
sich auf die nächste klarste Gegenwart. Wollte derselbe jedoch
gelegentlich als Rhetor auftreten, so sei ihm jenes auch nicht
verwehrt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 877
%
Um mich zu retten, betrachte ich alle Erscheinungen als
unabhängig voneinander und suche sie gewaltsam zu isolieren; dann
betrachte ich sie als Korrelate, und sie verbinden sich zu einem
entschiedenen Leben. Dies bezieh' ich vorzüglich auf Natur; aber auch
in Bezug auf die neueste um uns her bewegte Weltgeschichte ist diese
Betrachtungsweise fruchtbar.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 878
%
Alles, was wir Erfinden, Entdecken im höheren Sinne nennen, ist
die bedeutende Ausübung, Betätigung eines originalen
Wahrheitsgefühles, das, im stillen längst ausgebildet, unversehens
mit Blitzesschnelle zu einer fruchtbaren Erkenntnis führt. Es ist
eine aus dem Innern am Äußern sich entwickelnde Offenbarung, die den
Menschen seine Gottähnlichkeit vorahnen lässt. Es ist eine Synthese
von Welt und Geist, welche von der ewigen Harmonie des Daseins die
seligste Versicherung gibt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 879
%
Der Mensch muss bei dem Glauben verharren, dass das
Unbegreifliche begreiflich sei; er würde sonst nicht forschen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 880
%
Begreiflich ist jedes Besondere, das sich auf irgendeine Weise
anwenden lässt. Auf diese Weise kann das Unbegreifliche nützlich
werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 881
%
Es gibt eine zarte Empirie, die sich mit dem Gegenstand innigst
identisch macht und dadurch zur eigentlichen Theorie wird. Diese
Steigerung des geistigen Vermögens aber gehört einer hoch gebildeten
Zeit an.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 882
%
Am widerwärtigsten sind die kricklichen Beobachter und grilligen
Theoristen; ihre Versuche sind kleinlich und kompliziert, ihre
Hypothesen abstrus und wunderlich.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 883
%
Es gibt Pedanten, die zugleich Schelme sind, und das sind die
allerschlimmsten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 884
%
Um zu begreifen, dass der Himmel überall blau ist, braucht man
nicht um die Welt zu reisen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 885
%
Das Allgemeine und Besondere fallen zusammen: Das Besondere ist
das Allgemeine, unter verschiedenen Bedingungen erscheinend.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 886
%
Man braucht nicht alles selbst gesehen noch erlebt zu haben;
willst du aber dem andern und seinen Darstellungen vertrauen, so
denke, dass du es nun mit dreien zu tun hast: Mit dem Gegenstand und
zwei Subjekten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 887
%
Grundeigenschaft der lebendigen Einheit: Sich zu trennen, sich
zu vereinen, sich ins Allgemeine zu ergehen, im Besondern zu
verharren, sich zu verwandeln, sich zu spezifizieren, und wie das
Lebendige unter tausend Bedingungen sich dartun mag, hervorzutreten
und zu verschwinden, zu solideszieren und zu verschmelzen, zu
erstarren und zu fließen, sich auszudehnen und sich zusammenzuziehn.
Weil nun alle diese Wirkungen im gleichen Zeitmoment zugleich
vorgehen, so kann alles und jedes zu gleicher Zeit eintreten.
Entstehen und Vergehen, Schaffen und Vernichten, Geburt und Tod,
Freund' und Leid, alles wirkt durcheinander, in gleichem Sinn und
gleicher Maße; deswegen denn auch das Besonderste, das sich ereignet,
immer als Bild und Gleichnis des Allgemeinsten auftritt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 888
%
Ist das ganze Dasein ein ewiges Trennen und Verbinden, so folgt
auch, dass die Menschen im Betrachten des ungeheuren Zustandes auch
bald trennen, bald verbinden werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 889
%
Als getrennt muss sich darstellen: Physik von Mathematik. Jene
muss in einer entschiedenen Unabhängigkeit bestehen und mit allen
liebenden, verehrenden, frommen Kräften in die Natur und das heilige
Leben derselben einzudringen suchen, ganz unbekümmert, was die
Mathematik von ihrer Seite leistet und tut. Diese muss sich dagegen
unabhängig von allem Äußern erklären, ihren eigenen großen
Geistesgang gehen und sich selber reiner ausbilden, als es geschehen
kann, wenn sie, wie bisher, sich mit dem Vorhandenen abgibt und
diesem etwas abzugewinnen oder anzupassen trachtet.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 890
%
In der Naturforschung bedarf es eines kategorischen Imperativs
so gut als im Sittlichen; nur bedenke man, dass man dadurch nicht am
Ende, sondern erst am Anfang ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 891
%
Das Höchste wäre, zu begreifen, dass alles Faktische schon
Theorie ist. Die Bläue des Himmels offenbart uns das Grundgesetz der
Chromatik. Man suche nur nichts hinter den Phänomenen: Sie selbst
sind die Lehre.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 892
%
In den Wissenschaften ist viel Gewisses, sobald man sich von den
Ausnahmen nicht irremachen lässt und die Probleme zu ehren weiß.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 893
%
Wenn ich mich beim Urphänomen zuletzt beruhige, so ist es doch
auch nur Resignation; aber es bleibt ein großer Unterschied, ob ich
mich an den Grenzen der Menschheit resigniere oder innerhalb einer
hypothetischen Beschränktheit meines bornierten Individuums.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 894
%
Wenn man die Probleme des Aristoteles ansieht, so erstaunt man
über die Gabe des Bemerkens und für was alles die Griechen Augen
gehabt haben. Nur begehen sie den Fehler der Übereilung, da sie von
dem Phänomen unmittelbar zur Erklärung schreiten, wodurch denn ganz
unzulängliche theoretische Aussprüche zum Vorschein kommen. Dieses
ist jedoch der allgemeine Fehler, der noch heutzutage begangen wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 895
%
Hypothesen sind Gerüste, die man vor dem Gebäude aufführt, und
die man abträgt, wenn das Gebäude fertig ist; sie sind dem Arbeiter
unentbehrlich; nur muss er das Gerüste nicht für das Gebäude ansehn.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 896
%
Hypothesen sind Wiegenlieder, womit der Lehrer seine Schüler
einlullt; der denkende treue Beobachter lernt immer mehr seine
Beschränkung kennen; er sieht, je weiter sich das Wissen ausbreitet,
desto mehr Probleme kommen zum Vorschein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 897
%
Wenn man den menschlichen Geist von einer Hypothese befreit, die
ihn unnötig einschränkte, die ihn zwang, falsch zu sehen, falsch zu
kombinieren, anstatt zu schauen zu grübeln, anstatt zu urteilen zu
sophistisieren, so hat man ihm schon einen großen Dienst erzeigt. Er
sieht die Phänomene freier, in andern Verhältnissen und Verbindungen
an, er ordnet sie nach seiner Weise, und er erhält wieder die
Gelegenheit, die unschätzbar ist, wenn er in der Folge bald dazu
gelangt, seinen Irrtum selbst wieder einzusehen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 898
%
Unser Fehler besteht darin, dass wir am Gewissen zweifeln und
das Ungewisse fixieren möchten. Meine Maxime bei der Naturforschung
ist: Das Gewisse festzuhalten und dem Ungewissen aufzupassen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 899
%
Lässliche Hypothese nenn' ich eine solche, die man gleichsam
schalkhaft aufstellt, um sich von der ernsthaften Natur widerlegen zu
lassen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 900
%
Wie wollte einer als Meister in seinem Fach erscheinen, wenn er
nichts Unnützes lehrte!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 901
%
Das Närrischste ist, dass jeder glaubt, überliefern zu müssen,
was man gewusst zu haben glaubt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 902
%
Weil zum didaktischen Vortrag Gewissheit verlangt wird, indem
der Schüler nichts Unsicheres überliefert haben will, so darf der
Lehrer kein Problem stehen lassen und sich etwa in einiger Entfernung
da herumbewegen. Gleich muss etwas bestimmt sein (bepaalt sagt der
Holländer), und nun glaubt man eine Weile den unbekannten Raum zu
besitzen, bis ein anderer die Pfähle wieder ausreißt und sogleich
enger oder weiter abermals wieder bepfählt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 903
%
Lebhafte Frage nach der Ursache, Verwechselung von Ursache und
Wirkung, Beruhigung in einer falschen Theorie sind von großer, nicht
zu entwickelnder Schädlichkeit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 904
%
Wenn mancher sich nicht verpflichtet fühlte, das Unwahre zu
wiederholen, weil er's einmal gesagt hat, so wären es ganz andere
Leute geworden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 905
%
Das Falsche hat den Vorteil, dass man immer darüber schwätzen
kann; das Wahre muss gleich genutzt werden, sonst ist es nicht da.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 906
%
Wer nicht einsieht, wie das Wahre praktisch erleichtert, mag
gern daran mäkeln und häkeln, damit er nur sein irriges, mühseliges
Treiben einigermaßen beschönigen könne.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 907
%
Die Deutschen, und sie nicht allein, besitzen die Gabe, die
Wissenschaften unzugänglich zu machen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 908
%
Der Engländer ist Meister, das Entdeckte gleich zu nutzen, bis
es wieder zu neuer Entdeckung und frischer Tat führt. Man frage nun,
warum sie uns überall voraus sind.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 909
%
Der denkende Mensch hat die wunderliche Eigenschaft, dass er an
die Stelle, wo das unaufgelöste Problem liegt, gerne ein
Phantasiebild hinfabelt, das er nicht loswerden kann, wenn das
Problem auch aufgelöst und die Wahrheit am Tage ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 910
%
Es gehört eine Geisteswendung dazu, um das gestaltlose Wirkliche
in seiner eigensten Art zu fassen und es von Hirngespinsten zu
unterscheiden, die sich denn doch auch mit einer gewissen
Wirklichkeit lebhaft aufdringen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 911
%
Bei Betrachtung der Natur im großen wie im kleinen hab' ich
unausgesetzt die Frage gestellt: Ist es der Gegenstand oder bist du
es, der sich hier ausspricht? Und in diesem Sinne betrachtete ich
auch Vorgänger und Mitarbeiter.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 912
%
Ein jeder Mensch sieht die fertige und geregelte, gebildete,
vollkommene Welt doch nur als ein Element an, woraus er sich eine
besondere ihm angemessene Welt zu erschaffen bemüht ist. Tüchtige
Menschen ergreifen sie ohne Bedenken und suchen damit, wie es gehen
will, zu gebaren; andere zaudern an ihr herum; einige zweifeln sogar
an ihrem Dasein.
Wer sich von dieser Grundwahrheit recht durchdrungen fühlte, würde
mit niemanden streiten, sondern nur die Vorstellungsart eines andern
wie seine eigene als ein Phänomen betrachten. Denn wir erfahren fast
täglich, dass der eine mit Bequemlichkeit denken mag, was dem andern
zu denken unmöglich ist, und zwar nicht etwa in Dingen, die auf Wohl
und Wehe nur irgendeinen Einfluss hätten, sondern in Dingen, die für
uns völlig gleichgültig sind.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 913
%
Man weiß eigentlich das, was man weiß, nur für sich selbst.
Spreche ich mit einem andern von dem, was ich zu wissen glaube,
unmittelbar glaubt er's besser zu wissen, und ich muss mit meinen
Wissen immer wieder in mich selbst zurückkehren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 914
%
Das Wahre fördert; aus dem Irrtum entwickelt sich nichts, er
verwickelt uns nur.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 915
%
Der Mensch findet sich mitten unter Wirkungen und kann sich
nicht enthalten, nach den Ursachen zu fragen; als ein bequemes Wesen
greift er nach der nächsten als der besten und beruhigt sich dabei;
besonders ist dies die Art des allgemeinen Menschenverstandes.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 916
%
Sieht man ein Übel, so wirkt man unmittelbar darauf, d.h. man
kuriert unmittelbar aufs Symptom los.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 917
%
Die Vernunft hat nur über das Lebendige Herrschaft; die
entstandene Welt, mit der sich die Geognosie abgibt, ist tot. Daher
kann es keine Geologie geben, denn die Vernunft hat hier nichts zu
tun.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 918
%
Wenn ich ein zerstreutes Gerippe finde, so kann ich es
zusammenlesen und aufstellen; denn hier spricht die ewige Vernunft
durch ein Analogon zu mir, und wenn es das Riesenfaultier wäre.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 919
%
Was nicht mehr entsteht, können wir uns als entstehend nicht
denken. Das Entstandene begreifen wir nicht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 920
%
Der allgemeine neuere Vulkanismus ist eigentlich ein kühner
Versuch, die gegenwärtige unbegreifliche Welt an eine vergangene
unbekannte zu knüpfen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 921
%
Gleiche oder wenigstens ähnliche Wirkungen werden auf
verschiedene Weise durch Naturkräfte hervorgebracht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 922
%
Nichts ist widerwärtiger als die Majorität: Denn sie besteht aus
wenigen kräftigen Vorgängern, aus Schelmen, die sich akkommodieren,
aus Schwachen, die sich assimilieren, und der Masse, die nachtrollt,
ohne nur im mindesten zu wissen, was sie will.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 923
%
Die Mathematik ist, wie die Dialektik, ein Organ des innern
höheren Sinnes; in der Ausübung ist sie eine Kunst wie die
Beredsamkeit. Für beide hat nichts Wert als die Form; der Gehalt ist
ihnen gleichgültig. Ob die Mathematik Pfennige oder Guineen berechne,
die Rhetorik Wahres oder Falsches verteidige, ist beiden vollkommen
gleich.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 924
%
Hier aber kommt es nun auf die Natur des Menschen an, der ein
solches Geschäft betreibt, eine solche Kunst ausübt. Ein
durchgreifender Advokat in einer gerechten Sache, ein durchdringender
Mathematiker vor dem Sternenhimmel erscheinen beide gleich
gottähnlich.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 925
%
Was ist an der Mathematik exakt als die Exaktheit? Und diese,
ist sie nicht eine Folge des innern Wahrheitsgefühls?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 926
%
Die Mathematik vermag kein Vorurteil weg zu heben, sie kann den
Eigensinn nicht lindern, den Parteigeist nicht beschwichtigen, nichts
von allem Sittlichen vermag sie.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 927
%
Der Mathematiker ist nur insofern vollkommen, als er ein
vollkommener Mensch ist, als er das Schöne des Wahren in sich
empfindet; dann erst wird er gründlich, durchsichtig, umsichtig,
rein, klar, anmutig, ja elegant wirken. Das alles gehört dazu, um La
Grange ähnlich zu werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 928
%
Nicht die Sprache an und für sich ist richtig, tüchtig,
zierlich, sondern der Geist ist es, der sich darin verkörpert; und so
kommt es nicht auf einen jeden an, ob er seinen Rechnungen, Reden
oder Gedichten die wünschenswerten Eigenschaften verleihen will: Es
ist die Frage, ob ihm die Natur hiezu die geistigen und sittlichen
Eigenschaften verliehen hat. Die geistigen: Das Vermögen der An- und
Durchschauung; die sittlichen: Dass er die bösen Dämonen ablehne, die
ihn hindern könnten, dem Wahren die Ehre zu geben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 929
%
Das Einfache durch das Zusammengesetzte, das Leichte durch das
Schwierige erklären zu wollen, ist ein Unheil, das in dem ganzen
Körper der Wissenschaft verteilt ist, von den Einsichtigen wohl
anerkannt, aber nicht überall eingestanden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 930
%
Man sehe die Physik genau durch, und man wird finden, dass die
Phänomene sowie die Versuche, worauf sie gebaut ist, verschiedenen
Wert haben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 931
%
Auf die primären, die Urversuche, kommt alles an, und das
Kapitel, das hierauf gebaut ist, steht sicher und fest; aber es gibt
auch sekundäre, tertiäre usw. Gesteht man diesen das gleiche Recht
zu, so verwirren sie nur das, was von den ersten aufgeklärt war.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 932
%
Ein großes Übel in den Wissenschaften, ja überall, entsteht
daher, dass Menschen, die kein Ideenvermögen haben, zu theoretisieren
sich vermessen, weil sie nicht begreifen, dass noch so vieles Wissen
hiezu nicht berechtigt. Sie gehen im Anfange wohl mit einem löblichen
Menschenverstand zu Werke, dieser aber hat seine Grenzen, und wenn er
sie überschreitet, kommt er in Gefahr, absurd zu werden. Des
Menschenverstandes angewiesenes Gebiet und Erbteil ist der Bezirk des
Tuns und Handelns. Tätig wird er sich selten verirren; das höhere
Denken, Schließen und Urteilen jedoch ist nicht seine Sache.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 933
%
Die Erfahrung nutzt erst der Wissenschaft, sodann schadet sie,
weil die Erfahrung Gesetz und Ausnahme gewahr werden lässt. Der
Durchschnitt von beiden gibt keineswegs das Wahre.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 934
%
Man sagt: Zwischen zwei entgegen gesetzten Meinungen liege die
Wahrheit mitten inne. Keineswegs! Das Problem liegt dazwischen, das
Unschaubare, das ewig tätige Leben in Ruhe gedacht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 935
%
In Neuyork sind neunzig verschiedene christliche Konfessionen,
von welchen jede auf ihre Art Gott und den Herrn bekennt, ohne weiter
aneinander ire zu werden. In der Naturforschung, ja in jeder
Forschung, müssen wir es so weit bringen; denn was will das heißen,
dass jedermann von Liberalität spricht und den andern hindern will,
nach seiner Weise zu denken und sich auszusprechen!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 936
%
Der eingeborenste Begriff, der notwendigste, von Ursach' und
Wirkung wird in der Anwendung die Veranlassung zu unzähligen sich
immer wiederholenden Irrtümern.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 937
%
Ein großer Fehler, den wir begehen, ist, die Ursache der Wirkung
immer nahe zu denken, wie die Sehne dem Pfeil, den sie fortschnellt;
und doch können wir ihn nicht vermeiden, weil Ursache und Wirkung
immer zusammengedacht und also im Geiste angenähert werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 938
%
Die nächsten fasslichen Ursachen sind greiflich und eben deshalb
am begreiflichsten; weswegen wir uns gern als mechanisch denken, was
höherer Art ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 939
%
Das Zurückführen der Wirkung auf die Ursache ist bloß ein
historisches Verfahren, z.B. die Wirkung, dass ein Mensch getötet,
auf die Ursache der los gefeuerten Büchse.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 940
%
Der Granit verwittert auch sehr gern in Kugel- und Eiform; man
hat daher keineswegs nötig, die in Norddeutschland häufig gefundenen
Blöcke solcher Gestalten wegen als im Wasser hin- und hergeschoben
und durch Stoßen und Wälzen enteckt und entkantet zu denken.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 941
%
Fall und Stoß. Dadurch die Bewegung der Weltkörper erklären zu
wollen, ist eigentlich ein versteckter Anthropomorphismus, es ist des
Wanderers Gang über Feld. Der aufgehobene Fuß sinkt nieder, der
zurückgebliebene strebt vorwärts und fällt; und immer so fort, vom
Ausgehen bis zum Ankommen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 942
%
Wie wäre es, wenn man auf demselben Wege den Vergleich von dem
Schrittschuhfahren hernähme? Wo das Vorwärtsdringen dem
zurückbleibenden Fuße zukommt, indem er zugleich die Obliegenheit
übernimmt, noch eine solche Anregung zu geben, dass sein nunmehriger
Hintermann auch wieder eine Zeitlang sich vorwärts zu bewegen die
Bestimmung erhält.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 943
%
Induktion habe ich mir nie selbst erlaubt, wollte sie ein
anderer gegen mich gebrauchen, so wusst' ich solche sogleich
abzulehnen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 944
%
Mitteilung durch Analogien halt' ich für so nützlich als
angenehm; der analoge Fall will sich nicht aufdringen, nichts
beweisen; er stellt sich einem andern entgegen, ohne sich mit ihm zu
verbinden. Mehrere analoge Fälle vereinigen sich nicht zu
geschlossenen Reihen, sie sind wie gute Gesellschaft, die immer mehr
anregt als gibt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 945
%
Irren heißt, sich in einem Zustande befinden, als wenn das Wahre
gar nicht wäre; den Irrtum sich und andern entdecken, heißt rückwärts
erfinden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 946
%
Man sagt gar gehörig: Das Phänomen ist eine Folge ohne Grund,
eine Wirkung ohne Ursache. Es fällt dem Menschen so schwer, Grund und
Ursache zu finden, weil sie so einfach sind, dass sie sich dem Blick
verbergen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 947
%
Was hat man sich nicht mit dem Granit beschäftigt! Man hat ihn
mit in die neueren Epochen herangezogen, und doch entsteht keiner
mehr vor unsern Augen. Geschäh' es im tiefsten Meeresgrunde, so
hätten wir keine Kenntnis davon.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 948
%
Kein Phänomen erklärt sich an und aus sich selbst; nur viele
zusammen überschaut, methodisch geordnet, geben zuletzt etwas, was
für Theorie gelten könnte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 949
%
Bei Erweitung des Wissens macht sich von Zeit zu Zeit eine
Umordnung nötig; sie geschieht meistens nach neueren Maximen, bleibt
aber immer provisorisch.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 950
%
Männer vom Fach bleiben im Zusammenhange; dem Liebhaber dagegen
wird es schwerer, wenn er die Notwendigkeit fühlt, nachzufolgen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 951
%
Deswegen sind Bücher willkommen, die uns sowohl das neu
Empirisch-Aufgefundene als die neu beliebten Methoden darlegen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 952
%
In der Mineralogie ist dies höchst nötig, wo die
Kristallographie so große Forderungen machten und wo die Chemie das
Einzelne näher zu bestimmen und das Ganze zu ordnen unternimmt. Zwei
Willkommene: Leonhard und Cleaveland.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 953
%
Wenn wir das, was wir wissen, nach anderer Methode oder wohl gar
in fremder Sprache dargelegt finden, so erhält es einen sonderbaren
Reiz der Neuheit und frischen Ansehens.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 954
%
Wenn zwei Meister derselben Kunst in ihrem Vortrag voneinander
differieren, so liegt wahrscheinlicherweise das unauflösliche Problem
in der Mitte zwischen beiden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 955
%
Die Geognosie des Herrn D'Aubussion de Voisins, übersetzt vom
Herrn Wiemann, wie sie mir zuhanden kommt, fördert mich in diesem
Augenblicke auf vielfache Weise, ob sie mich gleich im Hauptsinne
betrübt; denn hier ist die Geognosie, welche doch eigentlich auf der
lebendigen Ansicht der Weltoberfläche ruhen sollte, aller Anschauung
beraubt und nicht einmal in Begriffe verwandelt, sondern auf
Nomenklatur zurückgeführt, in welcher letzten Rücksicht sie freilich
einem jeden und auch mir förderlich und nützlich ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 956
%
Die Kreise des wahren berühren sich unmittelbar, aber in den
Intermundien hat der Irrtum Raum genug, sich zu ergehen und zu walten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 957
%
Die Natur bekümmert sich nicht um irgendeinen Irrtum; sie selbst
kann nicht anders, als ewig recht handeln, unbekümmert, was daraus
erfolgen möge.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 958
%
Natur hat zu nichts gesetzmäßige Freiheit, was sie nicht
gelegentlich ausführte und zutage brächte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 959
%
Nicht allein der freie Stoff, sondern auch das Derbe und Dichte
drängt sich zur Gestalt; ganze Massen sind von Natur und Grund aus
kristallinisch; in einer gleichgültigen, formlosen Masse entsteht
durch stöchiometrische Annäherung und Übereinandergreifen die
porphyrartige Erscheinung, welche durch alle Formationen durchgeht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 960
%
Die Mineralienhändler beklagen sich, dass sich die Liebhaberei
zu ihrer Ware in Deutschland vermindere, und geben der eindringlichen
Kristallographie die Schuld. Es mag sein; jedoch in einiger Zeit wird
gerade das Bestreben, die Gestalt genauer zu erkennen, auch den
Handel wieder beleben, ja gewisse Exemplare kostbarer machen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 961
%
Kristallographie sowie Stöchiometrie vollendet auch den
Oryktognosten; ich aber finde, dass man seit einiger Zeit in der
Lehrmethode geirrt hat. Lehrbücher zu Vorlesungen und zugleich zum
Selbstgebrauch, vielleicht gar als Teile zu einer wissenschaftlichen
Enzyklopädie, sind nicht zu billigen; der Verleger kann sie
bestellen, der Schüler nicht wünschen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 962
%
Lehrbücher sollen anlockend sein; das werden sie nur, wenn sie
die heiterste, zugänglichste Seite des Wissens und der Wissenschaft
darbieten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 963
%
Alle Männer vom Fach sind darin sehr übel dran, dass ihnen nicht
erlaubt ist, das Unnütze zu ignorieren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 964
%
"Wir gestehn lieber unsre moralischen Irrtümer, Fehler und
Gebrechen, als unsre wissenschaftlichen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 965
%
Das kommt daher, weil das Gewissen demütig ist und sich sogar in
der Beschämung gefällt; der Verstand aber ist hochmütig, und ein
abgenötigter Widerruf bringt ihn in Verzweiflung.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 966
%
Daher kommt, dass offenbarte Wahrheiten erst im stillen
zugestanden werden, sich nach un nach verbreiten, bis dasjenige, was
man hartnäckig geleugnet hat, endlich als etwas ganz Natürliches
erscheinen mag.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 967
%
Unwissende werfen Fragen auf, welche von Wissenden vor tausend
Jahren schon beantwortet sind.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 968
%
Cartesius schrieb sein Buch "De Methodo" einige Male um, und wie
es jetzt liegt, kann es uns doch nichts helfen. Jeder, der eine
Zeitlang auf dem redlichen Forschen verharrt, muss seine Methode
irgendeinmal umändern.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 969
%
Das neunzehnte Jahrhundert hat alle Ursache, hierauf zu achten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 970
%
So ganz leere Worte wie die von der Dekomposition und
Polarisation des Lichts müssen aus der Physik hinaus, wenn etwas aus
ihr werden soll. Doch wäre es möglich, ja es ist wahrscheinlich, dass
diese Gespenster noch bis in die zweite Hälfte des Jahrhunderts
hinüberspuken.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 971
%
Man nehme das nicht übel. Eben dasjenige, was niemand zugibt,
niemand hören will, muss desto öfter wiederholt werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 972
%
Wir leben innerhalb der abgeleiteten Erscheinungen und wissen
keineswegs, wie wir zur Urfrage kommen sollen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 973
%
In Wissenschaften, sowie auch sonst, wenn man sich über das
Ganze verbreiten will, bleibt zur Vollständigkeit am Ende nichts
übrig, als Wahrheit für Irrtum, Irrtum für Wahrheit geltend zu
machen. Er kann nicht alles selbst untersuchen, muss sich an
Überlieferung halten und, wenn er ein Amt haben will, den Meinungen
seiner Gönner frönen. Mögen sich die sämtlichen akademischen Lehrer
hiernach prüfen!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 974
%
Wer ein Phänomen vor Augen hat, denkt schon oft drüber hinaus;
wer nur davon erzählen hört, denkt gar nichts.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 975
%
Man erkundige sich ums Phänomen, nehme es so genau damit als
möglich und sehe, wie weit man in der Einsicht und in praktischer
Anwendung damit kommen kann, und lasse das Problem ruhig liegen.
Umgekehrt handeln die Physiker: Sie gehen gerade aufs Problem los und
verwickeln sich unterwegs in so viel Schwierigkeiten, dass ihnen
zuletzt jede Aussicht verschwindet.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 976
%
Deshalb hat die Petersburger Akademie auf ihre Preisfrage keine
Antwort erhalten; auch der verlängerte Termin wird nichts helfen. Sie
sollte jetzt den Preis verdoppeln und ihn demjenigen versprechen, der
sehr klar und deutlich vor Augen legte: Warum keine Antwort
eingegangen ist und warum sie nicht erfolgen konnte. Wer dies
vermöchte, hätte jeden Preis wohl verdient.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 977
%
Da seit einiger Zeit meiner "Farbenlehre" mehr nachgefragt wird,
machen sich frisch illuminierte Tafeln nötig. Indem ich nun dieses
kleine Geschäft besorge, muss ich lächeln, welche unsäglich Mühe ich
mir gegeben, das Vernünftige sowohl als das Absurde palpabel zu
machen. Nach und nach wird man beides erfassen und anerkennen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 978
%
Der Newtonische Irrtum steht so nett im Konversationslexikon,
dass man die Oktavseite nur auswendig lernen darf, um die Farbe fürs
ganze Leben los zu sein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 979
%
Der Kampf mit Newton geht eigentlich in einer sehr niedern
Region vor. Man bestreitet ein schlecht gesehenes, schlecht
entwickeltes, schlecht angewendetes, schlecht theoretisiertes
Phänomen. Man beschuldigt ihn in den früheren Versuchen einer
Unvorsichtigkeit, in den folgenden einer Absichtlichkeit, beim
Theoretisieren der Übereilung, beim Verteidigen der Hartnäckigkeit
und im Ganzen einer halb bewusstlosen, halb bewussten Unredlichkeit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 980
%
Autorität. Ohne sie kann der Mensch nicht existieren, und doch
bringt sie ebensoviel Irrtum als Wahrheit mit sich; sie verewigt im
einzelnen, was einzeln vorübergehen sollte, und ist hauptsächlich
Ursache, dass die Menschheit nicht vom Flecke kommt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 981
%
Aus dem Größten wie aus dem Kleinsten - nur durch künstlichste
Mittel dem Menschen zu vergegenwärtigen - geht die Metaphysik der
Erscheinungen hervor; in der Mitte ligt das Besondere, unsern Sinnen
Angemessene, worauf ich angewiesen bin, deshalb aber die Begabten von
Herzen segne, die jene Regionen zu mir heranbringen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 982
%
Da diejenigen, welche wissenschaftliche Versuche anstellen,
selten wissen, was sie eigentlich wollen und was dabei herauskommen
soll, so verfolgen sie ihren Weg meistenteils mit großem Eifer; bald
aber, da eigentlich nichts Entschiedenes entstehen will, so lassen
sie die Unternehmung fahren und suchen sie sogar andern verdächtig zu
machen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 983
%
Nachdem man in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts
dem Mikroskop so unendlich viel schuldig geworden war, so suchte man
zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts dasselbe geringschätzig zu
behandeln.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 984
%
Nachdem man in der neueren Zeit die meteorologischen
Beobachtungen auf den höchsten Grad der Genauigkeit getrieben hatte,
so will man sie nunmehr aus den nördlichen Gegenden verbannen und
will sie nur dem Beobachter unter den Tropen zugestehen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 985
%
Ward man doch auch des Sexualsystems, das, im höhern Sinne
genommen, so großen Wert hat, überdrüssig und wollte es verbannt
wissen! Geht es doch mit der alten Kunstgeschichte ebenso, in der man
seit fünfzig Jahren sich gewissenhaft zu üben und die Unterschiede
der aufeinander folgenden Zeiten einzusehen sich auf das genauste
bestrebt hat. Das soll nun alles vergebens gewesen und alles
aufeinander Folgende als identisch und ununterscheidbar anzusehen
sein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 986
%
Nach unserm Rat bleibe jeder auf dem eingeschlagenen Wege und
lasse sich ja nicht durch Autorität imponieren, durch allgemeine
Übereinstimmung bedrängen und durch Mode hinreißen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 987
%
Wie Sokrates den sittlichen Menschen zu sich berief, damit
dieser ganz einfach einigermaßen über sich selbst aufgeklärt würde,
so traten Plato und Aristoteles gleichfalls als befugte Individuen
vor die Natur: Der eine mit Geist und Gemüt, sich ihr anzueignen, der
andere mit Froscherblick und Methode, sie für sich zu gewinnen. Und
so ist denn auch jede Annäherung, die sich uns im ganzen und
einzelnen an diese dreie möglich macht, das Ereignis, was wir am
freudigsten empfinden und was unsere Bildung zu befördern sich
jederzeit kräftig erweist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 988
%
Um sich aus der grenzenlosen Vielfachheit, Zerstückelung und
Verwicklung der modernen Naturlehre wieder ins Einfache zu retten,
muss man sich immer die Frage vorlegen: Wie würde sich Plato gegen
die Natur, wie sie uns jetzt in ihrer größern Mannigfaltigkeit, bei
aller gründlichen Einheit, erscheinen mag, benommen haben?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 989
%
Denn wir glauben überzeugt zu sein, dass wir auf demselben Wege
bis zu den letzten Verzweigungen der Erkenntnis organisch gelangen
und von diesem Grund aus die Gipfel eines jeden Wissens uns nach und
nach aufbauen und befestigen können. Wie uns hiebei die Tätigkeit des
Zeitalters fördert und hindert, ist freilich eine Untersuchung, die
wir jeden Tag anstellen müssen, wenn wir nicht das Nützliche abweisen
und das Schädliche aufnehmen wollen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 990
%
Man rühmt das achtzehnte Jahrhundert, dass es sich hauptsächlich
mit Analyse abgegeben; dem neunzehnten bleibt nun die Aufgabe, die
falschen obwaltenden Synthesen zu entdecken und deren Inhalt aufs
Neue zu analysieren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 991
%
Die Natur verstummt auf der Folter; ihre treue Antwort auf
redliche Frage ist: Ja! Ja! Nein! Nein! Alles Übrige ist vom Übel.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 992
%
Man streiche zwei Stäbchen, einen rot an, den andern blau; man
bringe sie nebeneinander ins Wasser, und einer wird gebrochen
erscheinen wie der andere. Jeder kann dieses einfache Experiment mit
den Augen des Leibes erblicken; wer es mit Geistesaugen beschaut,
wird von tausend und abertausend irrtümlichen Paragraphen befreit
sein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 993
%
Ein Phänomen, ein Versuch kann nichts beweisen; es ist das Glied
einer großen Kette, das erst im Zusammenhange gilt. Wer eine
Perlenschnur verdecken und nur die schönste einzeln vorzeigen wollte,
verlangend, wir sollten ihm glauben, die übrigen seien alle so,
schwerlich würde sich jemand auf den Handel einlassen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 994
%
Abbildungen, Wortbeschreibung, Maß, Zahl und Zeichen stellen
noch immer kein Phänomen dar. Darum bloß konnte sich die Newtonische
Lehre so lange halten, dass der Irrtum in dem Quartbande der
lateinischen Übersetzung für ein paar Jahrhunderte einbalsamiert war.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 995
%
Die Natur füllt mit ihrer grenzenlosen Produktivität alle Räume.
Betrachten wir nur bloß unsre Erde, alles, was wir bös, unglücklich
nennen, kommt daher, dass sie nicht allem Entstehenden Raum geben,
noch weniger ihm Dauer verleihen kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 996
%
Alles, was entsteht, sucht sich Raum und will Dauer; deswegen
verdrängt es ein anderes vom Platz und verkürzt seine Dauer.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 997
%
Das Lebendige hat die Gabe, sich nach den vielfältigsten
Bedingungen äußerer Einflüsse zu bequemen und doch eine gewisse
errungene entschiedene Selbständigkeit nicht aufzugeben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 998
%
Man gedenke der leichten Erregbarkeit aller Wesen, wie der
mindeste Wechsel einer Bedingung, jeder Hauch gleich in den Körpern
Polarität manifestiert, die eigentlich in ihnen allen schlummert.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 999
%
Spannung ist der indifferent scheinende Zustand eines
energischen Wesens, in völliger Bereitschaft sich zu manifestieren,
zu differenzieren, zu polarisieren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1000
%
In der Phanerogamie ist noch so viel Kryptogamsiches, dass
Jahrhunderte es nicht entziffern werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1001
%
Wenn in der Mathematik der menschliche Geist seine
Selbständigkeit und unabhängige Tätigkeit gewahr wird und dieser ohne
weiter Rücksicht ins Unendliche zu folgen sich geneigt fühlt, so
flößt er zugleich der Erfahrungswelt ein solches Zutrauen ein, dass
sie es an gelegentlichen Aufforderungen nicht fehlen lässt.
Astronomie, Mechanik, Schiffsbau, Festungsbau, Artillerie, Spiel,
Wasserleitung, Schnitt der Bausteine, Verbesserung der Fernröhre
riefen in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts die
Mathematik wechselsweise zu Hilfe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1002
%
Die Mathematiker sind wunderliche Leute; durch das Große, was
sie leisteten, haben sie sich zur Universalgilde aufgeworfen und
wollen nichts anerkennen, als was in ihren Kreis passt, was ihr Organ
behandeln kann. Einer der ersten Mathematiker sagte bei Gelegenheit,
da man ihm ein physisches Kapitel andringlich empfehlen wollte: "Aber
lässt sich denn gar nichts auf den Kalkül reduzieren?"
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1003
%
Falsche Vorstellung, dass man ein Phänomen durch Kalkül oder
durch Worte abtun und beseitigen könne.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1004
%
Die Mathematiker sind eine Art Franzosen: Redet man zu ihnen,
so übersetzen sie es in ihre Sprache, und dann ist es alsobald ganz
etwas anders.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1005
%
Es folgt eben gar nicht, dass der Jäger, der das Wild erlegt,
auch zugleich der Koch sein müsse, der es zubereitet. Zufälligerweise
kann ein Koch mit auf die Jagd gehen und gut schießen; er würde aber
einen bösen Fehlschuss tun, wenn er behauptete, um gut zu schießen,
müsse man Koch sein. So kommen mir die Mathematiker vor, die
behaupten, dass man in physischen Dingen nichts sehen, nichts finden
könne, ohne Mathematiker zu sein, da sie doch immer zufrieden sein
könnten, wenn man ihnen in die Küche bringt, das sie mit Formeln
spicken und nach Belieben zurichten können.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1006
%
Wir müssen erkennen und bekennen, was Mathematik sei, wozu sie
der Naturforschung wesentlich dienen könne, wohingegen sie nicht
hingehöre, und in welche klägliche Abirrung Wissenschaft und Kunst
durch falsche Anwendung seit ihrer Regeneration geraten sei.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1007
%
Die große Aufgabe wäre, die mathematisch-philosophischen
Theorien aus den Teilen der Physik zu verbannen, in welchen sie
Erkenntnis, anstatt zu fördern, nur verhindern, und in welchen die
mathematische Behandlung durch Einseitigkeit der Entwicklung der
neuern wissenschaftlichen Bildung eine so verkehrte Anwendung
gefunden hat.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1008
%
Darzutun wäre, welches der wahre Weg der Naturforschung sei:
Wie derselbe auf dem einfachsten Fortgange der Beobachtung beruhe,
die Beobachtung zum Versuch zu steigern sei und wie dieser endlich
zum Resultat führe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1009
%
Tycho de Brahe, ein großer Mathematiker, vermochte sich nur
halb von dem alten System loszulösen, das wenigstens den Sinnen gemäß
war, das er aber aus Rechthaberei durch ein kompliziertes Uhrwerk
ersetzen wollte, das weder den Sinnen zu schauen noch den Gedanken zu
erreichen war.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1010
%
Newton als Mathematiker steht in so hohem Ruf, das der
ungeschickteste Irrtum, nämlich das klare, reine, ewig ungetrübte
Licht sei aus dunklen Lichtern zusammengesetzt, bis auf den heutigen
Tag sich erhalten hat, und sind es nicht Mathematiker, die dieses
Absurde noch immer verteidigen und gleich dem gemeinsten Hörer in
Worten wiederholen, bei denen man nichts denken kann?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1011
%
Der Mathematiker ist angewiesen aufs Quantitative, auf alles,
was sich durch Zahl und Maß bestimmen lässt, und also gewissermaßen
auf das äußerlich erkennbare Universum. Betrachten wir aber dieses,
insofern uns Fähigkeit gegeben ist, mit vollem Geiste und aus allen
Kräften, so erkennen wir, dass Quantität und Qualität als die zwei
Pole des erscheinenden Daseins gelten müssen; daher denn auch der
Mathematiker seine Formelsprache so hoch steigert, um, insofern es
möglich, in der messbaren und zählbaren Welt die unmessbare
mitzubegreifen. Nun erscheint ihm alles greifbar, fasslich und
mechanisch, und er kommt in den Verdacht eines heimlichen Atheismus,
indem er ja das Unmessbarste, welches wir Gott nennen, zugleich mit
zu erfassen glaubt, und daher dessen besonderes oder vorzügliches
Dasein aufzugeben scheint.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1012
%
Der Sprache liegt zwar die Verstandes- und Vernunftsfähigkeit
des Menschen zum Grunde, aber sie setzt bei dem, der sich ihrer
bedient, nicht eben reinen Verstand, ausgebildete Vernunft, redlichen
Willen voraus. Sie ist ein Werkzeug, zweckmäßig und willkürlich zu
gebrauchen; man kann sie ebenso gut zu einer spitzfindig-verwirrenden
Dialektik wie zu einer verworren-verdüsternden Mystik verwenden, man
missbraucht sie bequem zu hohlen und nichtigen prosaischen und
poetischen Phrasen, ja man versucht, prosodisch untadelhafte und doch
nonsensikalische Verse zu machen.
Unser Freund, der Ritter Ciccolini, sagt: "Ich wünschte wohl, dass
alle Mathematiker in ihren Schriften des Genies und der Klarheit
eines La Grange sich bedienten", das heißt: Möchten doch alle den
gründlich-klaren Sinn eines La Grange besitzen und mit solchem Wissen
und Wissenschaft behandeln!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1013
%
Der Newtonische Versuch, auf dem die herkömmliche Farbenlehre
beruht, ist von der vielfachsten Komplikation; er verknüpft folgende
Bedingungen:
Damit das Gespenst erscheine, ist nötig:
   1. ein gläsern Prisma;
   2. dieses dreiseitig,
   3. klein;
   4. ein Fensterladen;
   5. eine Öffnung darin;
   6. diese sehr klein;
   7. Sonnenbild, das hereinfällt;
   8. in einer gewissen Entfernung, in einer
   9. gewissen Richtung aufs Prisma fällt;
   10. sich auf einer Tafel abbildet,
   11. die in einer gewissen Entfernung hinter das Prisma gestellt
ist.
Nehme man von diesen Bedingungen 3., 6. und 11. weg: Man mache die
Öffnung groß, man nehme ein großes Prisma, man stelle die Tafel nah
heran, und das beliebte Spektrum kann und wird nicht zum Vorschein
kommen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1014
%
Man spricht geheimnisvoll von einem wichtigen Experimente,
womit man die Lehre erst recht befestigen will; ich kenn' es recht
gut und kann es auch darstellen: Das ganze Kunststück ist, dass zu
obigen Bedingungen noch ein paar hinzugefügt werden, wodurch das
Hokuspokus sich noch mehr verwickelt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1015
%
Der Fraunhoferische Versuch, wo Querlinien im Spektrum
erscheinen, ist von derselben Art, sowie auch die Versuche, wodurch
eine neue Eigenschaft des Lichts entdeckt werden soll. Sie sind
doppelt und dreifach kompliziert; wenn sie was nützen sollten,
müssten sie in ihre Elemente zerlegt werden, welches dem Wissenden
nicht schwer fällt, welches aber zu fassen und zu begreifen kein Laie
weder Vorkenntnis noch Geduld, kein Gegner weder Intention noch
Redlichkeit genug mitbringt: Man nimmt lieber überhaupt an, was man
sieht, und zieht die alte Schlussfolge daraus.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1016
%
Ich weiß wohl, dass diese Worte vergebens dastehn; aber sie
mögen als offenbares Geheimnis der Zukunft bewahrt bleiben.
Vielleicht interessiert sich auch noch einmal ein La Grange für diese
Angelegenheit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1017
%
Der Historiker kann und braucht nicht alles aufs Gewisse zu
führen; wissen doch die Mathematiker auch nicht zu erklären, warum
der Komet von 1770, der in fünf oder elf Jahren wiederkommen sollte,
sich zur bestimmten Zeit noch nicht wieder hat sehen lassen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1018
%
Hundert graue Pferde machen nicht einen einzigen Schimmel.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1019
%
Licht und Geist, jenes im Physischen, dieser im Sittlichen
herrschend, sind die höchsten denkbaren unteilbaren Energien.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1020
%
Ich habe nichts dagegen, wenn man die Farbe sogar zu fühlen
glaubt; ihr eigenes Eigenschaftliche würde nur dadurch noch mehr
betätigt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1021
%
Auch zu schmecken ist sie. Blau wird alkalisch, Gelbrot sauer
schmecken. Alle Manifestationen der Wesenheiten sind verwandt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1022
%
Und gehört die Farbe nicht ganz eigentlich dem Gesicht an?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1023
%
Alles ist einfacher, als man denken kann, zugleich
verschränkter, als zu begreifen ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1024
%
Diejenigen, die das einzige grundklare Licht aus farbigen
Lichtern zusammensetzen, sind die eigentlichen Obskuranten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1025
%
Wer sich an eine falsche Vorstellung gewöhnt, dem wird jeder
Irrtum willkommen sein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1026
%
Deswegen sagte man ganz richtig: "Wer die Menschen betrügen
will, muss vor allen Dingen das Absurde plausibel machen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1027
%
Wer das Falsche verteidigen will, hat alle Ursache, leise
aufzutreten und sich zu einer feinen Lebensart zu bekennen. Wer das
Recht auf seiner Seite fühlt, muss derb auftreten; ein höfliches
Recht will gar nichts heißen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1028
%
Schon jetzt erklären die Meister der Naturwissenschaften die
Notwendigkeit monographischer Behandlung und also das Interesse an
Einzelheiten. Dies ist aber nicht denkbar ohne eine Methode, die das
Interesse an der Gesamtheit offenbart. Hat man das erlangt, so
braucht man friedlich nicht in Millionen Einzelheiten umherzutasten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1029
%
Zur Methode wird nur der getrieben, dem die Empirie lästig wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1030
%
Nicht alles Wünschenswerte ist erreichbar, nicht alles
Erkennenswerte erkennbar.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1031
%
Je weiter man in der Erfahrung fortrückt, desto näher kommt man
dem Unerforschlichen; je mehr man die Erfahrung zu nutzen weiß, desto
mehr sieht man, dass das Unerforschliche keinen praktischen Nutzen
hat.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1032
%
Das schönste Glück des denkenden Menschen ist, das
Erforschliche erforscht zu haben und das Unerforschliche ruhig zu
verehren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1033
%
Derjenige, der sich mit Einsicht für beschränkt erklärt, ist
der Vollkommenheit am nächsten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1034
%
Die Erscheinung ist vom Beobachter nicht losgelöst, vielmehr in
die Individualität desselben verschlungen und verwickelt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1035
%
Was die Wissenschaften am meisten retardiert, ist, dass
diejenigen, die sich damit beschäftigen, ungleiche Geister sind.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1036
%
Es ist ihnen wohl Ernst, aber sie wissen nicht, was sie mit dem
Ernst machen sollen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1037
%
Von dem, was sie verstehen, wollen sie nichts wissen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1038
%
Vor zwei Dingen kann man sich nicht genug in Acht nehmen:
Beschränkt man sich in seinem Fach, vor Starrsinn, tritt man heraus,
vor Unzulänglichkeit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1039
%
Das Unzulängliche widerstrebt mehr, als man denken sollte, dem
Auslangenden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1040
%
Die Menschen, da sie zum Notwendigen nicht hinreichen, bemühen
sich ums Unnütze.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1041
%
Im sechzehnten Jahrhundert gehören die Wissenschaften nicht
diesem oder jenem Menschen, sondern der Welt. Diese hat sie, besitzt
die pp., der Mensch ergreift nur den Reichtum.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1042
%
Das Jahrhundert ist vorgerückt; jeder einzelne aber fängt doch
von vorne an.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1043
%
Alle Individuen und, wenn sie tüchtig sind und auf andre
wirken, ihre Schulen sehen das Problematische in den Wissenschaften
als etwas an, wofür oder wogegen man streiten soll, eben als wenn es
eine andere Lebenspartei wäre, anstatt dass das Wissenschaftliche
eine Auflösung, Ausgleichung oder eine Aufstellung unausgleichbarer
Antinomien fordert.
In diesem Falle ist Aguilonius.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1044
%
Wenn jemand spricht, er habe mich widerlegt, so bedenkt er
nicht, dass er nur eine Ansicht der meinigen entgegen aufstellt;
dadurch ist ja noch nichts ausgemacht. Ein Dritter hat eben das
Recht, und so ins Unendliche fort.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1045
%
Der Fehler schwacher Geister ist, dass sie im Reflektieren
sogleich vom Einzelnen ins Allgemeine gehen, anstatt dass man nur in
der Gesamtheit das Allgemeine suchen kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1046
%
Urphänomen: Ideal-real-symbolisch-identisch.
   Ideal, als das letzte Erkennbare
   real, als erkannt;
   symbolisch, weil es alle Fälle begreift;
   identisch, mit allen Fällen.
   Empirie: Unbegrenzte Vermehrung derselben. Verzweiflung an
Vollständigkeit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1047
%
Das Wissen beruht auf der Kenntnis des zu Unterscheidenden, die
Wissenschaft auf der Anerkennung des nicht zu Unterscheidenden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1048
%
Das Wissen wird durch das Gewahrwerden seiner Lücken, durch das
Gefühl seiner Mängel zur Wissenschaft geführt, welche vor, mit und
nach allem Wissen besteht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1049
%
Im Wissen und Nachsinnen ist Falsches und Wahres. Wie das sich
nun das Ansehen der Wissenschaft gibt, so wird's ein wahr-lügenhaftes
Wesen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1050
%
Bei wissenschaftlichen Streitigkeiten nehme man sich in Acht,
die Probleme nicht zu vermehren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1051
%
Zum Ergreifen der Wahrheit braucht es eines höheren Organs als
zur Verteidigung des Irrtums.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1052
%
Etwas Theoretisches populär zu machen, muss man es absurd
darstellen. Man muss es erst selbst ins Praktische einführen; dann
gilt's für alle Welt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1053
%
Indem wir der Einbildungskraft zumuten, das Entstehen statt des
Entstandenen, der Vernunft die Ursache statt der Wirkung zu
reproduzieren und auszusprechen, so haben wir zwar beinahe nichts
getan, weil es nur ein Umsetzen der { Anschauung / Vorstellung } ist.
Aber genug für den Menschen, der vielleicht im Verhältnis { zur /
gegen die } Außenwelt nicht mehr leisten kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1054
%
Alles, was im Subjekt ist, ist im Objekt und noch etwas mehr.
Alles, was im Objekt ist, ist im Subjekt und noch etwas mehr.
Wir sind auf doppelte Weise verloren oder geborgen: Gestehen wir
dem Objekt sein Mehr zu, pochen wir auf unser Subjekt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1055
%
Poesie deutet auf die Geheimnisse der Natur und sucht sie
durchs Bild zu lösen. Philosophie deutet auf die Geheimnisse der
Vernunft und sucht sie durchs Wort zu lösen. (Naturphilosophie,
Experimentalphilosophie.) Mystik deutet auf die Geheimnisse der Natur
und Vernunft und sucht sie durch Wort und Bild zu lösen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1056
%
Wer die Natur als göttliches Organ leugnen will, der leugne nur
gleich alle Offenbarung.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1057
%
Die Natur verbirgt Gott; aber nicht jedem.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1058
%
Die Frage über die Instinkte der Tiere lässt sich nur durch den
Begriff von Monaden und Entelechien auflösen.
Jede Monas ist eine Entelechie, die unter gewissen Bedingungen zur
Erscheinung kommt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1059
%
Aus der Natur, nach welcher Seite hin man schaue, entspringt
Unendliches.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1060
%
Begriff ist Summe, Idee Resultat der Erfahrung; jene zu ziehen,
wird Verstand, dieses zu erfassen, Vernunft erfordert.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1061
%
Was man Idee nennt: Das, was immer zur Erscheinung kommt und
daher als Gesetz aller Erscheinungen uns entgegentritt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1062
%
Nur im Höchsten und im Gemeinsten trifft Idee und Erscheinung
zusammen; auf allen mittlern Stufen des Betrachtens und Erfahrens
trennen sie sich. Das Höchste ist das Anschauen des Verschiednen als
identisch; das Gemeinste ist die Tat, das aktive Verbinden des
Getrennten zur Identität.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1063
%
Was uns so sehr irre macht, wenn wir die Idee in der
Erscheinung anerkennen sollen, ist, dass sie oft und gewöhnlich den
Sinnen widerspricht.
Das Kopernikanische System beruht auf einer Idee, die schwer zu
fassen war und noch täglich unseren Sinnen widerspricht. Wir sagen
nur nach, was wir nicht erkennen noch begreifen.
Die Metamorphose der Pflanzen widerspricht gleichfalls unsren
Sinnen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1064
%
Das Erhabene, durch Kenntnis nach und nach vereinzelt, tritt
vor unserm Geist nicht leicht wieder zusammen, und so werden wir
stufenweise um das Höchste gebracht, was uns gegönnt war, um die
Einheit, die uns in vollem Maß zur Mitempfindung des Unendlichen
erhebt, dagegen wir bei vermehrter Kenntnis immer kleiner werden. Da
wir vorher mit dem Ganzen als Riesen standen, sehen wir uns als
Zwerge gegen die Teile.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1065
%
Es ist ein angenehmes Geschäft, die Natur zugleich und sich
selbst zu erforschen, weder ihr noch seinem Geiste Gewalt anzutun,
sondern beide durch gelinden Wechseleinfluss miteinander ins
Gleichgewicht zu setzen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1066
%
Sich den Objekten in der Breite gleichstellen, heißt lernen;
die Objekte in ihrer Tiefe auffassen, heißt erfinden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1067
%
Was man erfindet, tut man mit Liebe, was man gelernt hat, mit
Sicherheit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1068
%
Was ist denn das Erfinden? Es ist der Abschluss des Gesuchten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1069
%
Was ist der Unterschied zwischen Axiom und Enthymem? Axiom: Was
wir von Haus aus, ohne Beweis anerkennen; Enthymem: Was uns an viele
Fälle erinnert und das zusammenknüpft, was wir schon einzeln
erkannten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1070
%
Die Freude des ersten Gewahrwerdens, des so genannten
Entdeckens, kann uns niemand nehmen, Verlangen wir aber auch ehre
davon, die kann uns sehr verkümmert werden; denn wir sind meistens
nicht die ersten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1071
%
Was heißt auch erfinden und wer kann sagen, dass er dies oder
jenes erfunden habe? Wie es denn überhaupt, auf Priorität zu pochen,
wahre Narrheit ist; denen s ist nur bewusstloser Dünkel, wenn man
sich nicht redlich als Plagiarier bekennen will.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1072
%
Mit den Ansichten, wenn sie aus der Welt verschwinden, gehen
oft die Gegenstände selbst verloren. Kann man doch im höheren Sinne
sagen, dass die Ansicht der Gegenstand sei.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1073
%
Es ist viel mehr schon entdeckt, als man glaubt.
Da die Gegenstände durch die Ansichten der Menschen erst aus dem
Nichts hervorgehoben werden, so kehren sie, wenn sich die Ansichten
verlieren, auch wieder ins Nichts zurück: Rundung der Erde, Platos
Bläue.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1074
%
Es sind zwei Gefühle die schwersten zu überwinden: Gefunden zu
haben, was schon gefunden ist, und nicht gefunden zu sehen, was man
hätte finden sollen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1075
%
Denken ist interessanter als Wissen, aber nicht als Anschauen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1076
%
Das Schrecklichste für den Schüler ist, dass er sich am Ende
doch gegen den Meister wiederherstellen muss. Je kräftiger das ist,
was dieser gibt, in desto größerem Unmut, ja Verzweiflung ist der
Empfangende.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1077
%
Man datiert von Baco von Verulam eine Epoche der
Erfahrungs-Naturwissenschaften. Ihr Weg ist jedoch durch theoretische
Tendenzen oft durchschnitten und ungangbar gemacht worden. Genau
besehen, kann und soll man von jedem Tag eine neue Epoche datieren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1078
%
Jeden Tag hat man Ursache, die Erfahrung aufzuklären und den
Geist zu reinigen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1079
%
Der gemeine Wissenschaftler hält alles für überlieferbar und
fühlt nicht, dass die Niedrigkeit seiner Ansichten ihn sogar das
eigentlich Überlieferbare nicht fassen lässt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1080
%
Wenn in Wissenschaften alte Leute retardieren, so
retrogradieren junge. Alte leugnen die Vorschritte, wenn sie nicht
mit ihren früheren Ideen zusammenhängen; junge, wenn sie der Idee
nicht gewachsen sind und doch auch etwas Außerordentliches leisten
möchten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1081
%
Das wäre wohl der werteste Professor der Physik, der die
Nichtigkeit seines Kompendiums und seiner Figuren, gegen die Natur
und gegen die höh'ren Forderungen des Geists gehalten, durchaus zur
Anschauung bringen könnte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1082
%
Alle Hypothesen hindern den '??????????ó?, das Wiederbeschauen,
das Betrachten der Gegenstände, der fraglichen Erscheinungen von
allen Seiten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1083
%
Wer kann sagen, dass er eine Neigung zur reinen Erfahrung habe?
Was Baco dringend empfohlen hatte, glaubte jeder zu tun, und wem
gelang es?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1084
%
Die Konstanz der Phänomene ist allein bedeutend; was wir dabei
denken, ist ganz einerlei.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1085
%
Die Phänomene sind nichts wert, als wenn sie uns eine tiefere
reichere Einsicht in die Natur gewähren oder wenn sie uns zum Nutzen
anzuwenden sind.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1086
%
Die schönste Metamorphose des unorganischen Reiches ist, wenn
beim Entstehen das Amorphe sich ins Gestaltete verwandelt. Jede Masse
hat hiezu Trieb und Recht. Der Glimmerschiefer verwandelt sich in
Granaten und bildet oft Gebirgsmassen, in denen der Glimmer beinahe
ganz aufgehoben ist und nur als geringes Bindungsmittel sich zwischen
jenen Kristallen befindet.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1087
%
Die Vögel sind ganz späte Erzeugnisse der Natur.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1088
%
Das Große, Überkolossale der Natur eignet man so leicht sich
nicht an; denn wir haben nicht reine Verkleinerungsgläser, wie wir
Linsen haben, um das unendlich Kleine zu gewahren. Und da muss man
doch noch Augen haben wie Carus und Nees, wenn dem Geiste Vorteil
entstehen soll.
Da jedoch die Natur im Größten wie im Kleinsten sich immer gleich
ist und eine jede trübe Scheibe so gut die schöne Bläue darstellt wie
die ganze weltüberwölkende Atmosphäre, so find' ich es geraten, auf
Musterstücke aufmerksam zu sein und sie vor mir zusammenzulegen. Hier
nun ist das Ungeheure nicht verkleinert, sondern im Kleinen, und
ebenso unbegreiflich als im Unendlichen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1089
%
"Nur die gegenwärtige Wissenschaft gehört uns an, nicht die
vergangne, noch die zukünftige."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1090
%
In der Geschichte der Naturforschung bemerkt man durchaus, dass
die Beobachter von der Erscheinung zu schnell zur Theorie hineilen,
und dadurch unzulänglich, hypothetisch werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1091
%
Wir würden unser Wissen nicht für Stückwerk erklären, wenn wir
nicht einen Begriff von einem Ganzen hätten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1092
%
Die Wissenschaften so gut als die Künste bestehen in einem
überlieferbaren (realen), erlernbaren Teil und in einem
unüberlieferbaren (idealen), unlernbaren Teil.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1093
%
In der Geschichte der Wissenschaften hat der ideale Teil ein
ander Verhältnis zum realen als in der übrigen Weltgeschichte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1094
%
Geschichte der Wissenschaften: Der reale Teil sind die
Phänomene, der ideale die Ansichten der Phänomene.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1095
%
Vier Epochen der Wissenschaften: Kindliche, poetische,
abergläubische; empirische, forschende, neugierige; dogmatische,
didaktische, pedantische; ideelle, methodische, mystische.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1096
%
Kant beschränkt sich mit Vorsatz in einen gewissen Kreis und
deutet ironisch immer darüber hinaus.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1097
%
Es ist das Eigne zu bemerken, dass der Mensch sich mit dem
einfachen Erkennbaren nicht begnügt, sondern auf die verwickelteren
Probleme losgeht, die er vielleicht nie erfassen wird. Jenes einfache
Fassliche ist durchaus anwendbar und nützlich und kann uns ein ganzes
Leben durch beschäftigen, wenn es uns genügt und belebt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1098
%
Theorie und Erfahrung (Phänomen) stehen gegeneinander in
beständigem Konflikt. Alle Vereinigung in der Reflexion ist eine
Täuschung; nur durch Handeln können sie vereinigt werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1099
%
Es gibt jetzt eine böse Art, in den Wissenschaften abstrus zu
sein: Man entfernt sich vom gemeinen Sinne, ohne einen höhern
aufzuschließen, transzendiert, phantasiert, fürchtet lebendiges
Anschauen, und wenn man zuletzt ins Praktische will und muss, wird
man auf einmal atomistisch und mechanisch.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1100
%
Die Wissenschaften zerstören sich auf doppelte Weise selbst:
Durch die Breite, in die sie gehen, und durch die Tiefe, in die sie
sich versenken.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1101
%
Alles, was man in Wissenschaften fordert, ist so ungeheuer,
dass man recht gut begreift, dass gar nichts geleistet wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1102
%
Wir leben in einer Zeit, wo wir uns täglich mehr angeregt
fühlen, die beiden Welten, denen wir angehören, die obere und die
untere, als verbunden zu betrachten, das Ideelle im Reellen
anzuerkennen und unser jeweiliges Missbehagen mit dem Endlichen durch
Erhebung ins Unendliche zu beschwichtigen. Die großen Vorteile, die
dadurch zu gewinnen sind, wissen wir unter den mannigfaltigsten
Umständen zu schätzen und sie besonders auch den Wissenschaften und
Künsten mit kluger Tätigkeit zuzuwenden.
Nachdem wir uns nun zu dieser Einsicht erhoben, so sind wir nicht
mehr in dem Falle, bei Behandlung der Naturwissenschaften die
Erfahrung der Idee entgegenzusetzen, wir gewöhnen uns vielmehr, die
Idee in der Erfahrung aufzusuchen, überzeugt, dass die Natur nach
Ideen verfahre, ingleichen dass der Mensch in allem, was er beginnt,
eine Idee verfolge. Wobei denn freilich zu bedenken ist, dass die
Idee in ihrem Entspringen und ihrer Richtung vielfach erscheint und
in diesem Sinne als von verschiedenem Werte geachtet werden könne.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1103
%
Hier aber werden wir vor allen Dingen bekennen und aussprechen,
dass wir mit Bewusstsein uns in der Region befinden, wo Metaphysik
und Naturgeschichte übereinander greifen, also da, wo der ernste,
treue Forscher am liebsten verweilt. Denn hier wird er durch den
Zudrang grenzenloser Einzelheiten nicht mehr geängstigt, weil er den
hohen Einfluss der einfachsten Idee schätzen lernt, welche auf die
verschiedenste Weise Klarheit und Ordnung dem Vielfältigsten zu
verleihen geeignet ist.
Indem nun der Naturforscher sich in dieser Denkweise bestärkt, im
höheren Sinne die Gegenstände betrachtet, so gewinnt er eine
Zuversicht und kommt dadurch dem Erfahrenden entgegen, welcher nur
mit gemessener Bescheidenheit ein Allgemeines anzuerkennen sich
bequemt.
Er tut wohl, das Hypothese zu nennen, was schon gegründet ist; mit
desto mehr freudiger Überzeugung findet auch er, dass hier ein wahres
Übereintreffen stattfindet. Er fühlt es, wie wir es auch seinerzeit
empfunden haben.
Im Gefolg hievon wird sich nun keine Spur von Widerstreit
hervortun, nur eine Ausgleichung geringer Differenzen wird sich hie
und da nötig machen, und beide Teile werden sich eines gemeinsamen
Erfolges zu erfreuen haben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1104
%
Bei allem nun hat der treue Forscher sich selbst zu beobachten
und zu sorgen, dass, wie er die Organe bildsam sieht, er sich auch
die Art zu sehen bildsam erhalte, damit er nicht überall schroff bei
einerlei Erklärungsweise verharre, sondern in jedem Falle die
bequemste, der Ansicht, dem Anschauen analogste zu wählen verstehe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1105
%
Es ist ein großer Unterschied, ob ich mich aus dem Hellen ins
Dunkle oder aus dem Dunklen ins Helle bestrebe; ob ich, wenn die
Klarheit mir nicht mehr zusagt, mich mit einer gewissen Dämmerung zu
umhüllen trachte, oder ob ich, in der Überzeugung, dass das Klare auf
einem tiefen, schwer erforschten Grund ruhe, auch von diesem immer
schwer auszusprechen Grunde das Mögliche mit herauf zu nehmen bedacht
bin. Ich halte daher immer für vorteilhafter: Der Naturforscher
bekenne sogleich, dass er in einzelnen Fällen es zugibt, wo das
Verschweigen nur allzu deutlich hervortritt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1106
%
Durch die Pendelschläge wird die Zeit, durch die
Wechselbewegung von Idee und Erfahrung die sittliche und
wissenschaftliche Welt regiert.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1107
%
Nicht allein die Erscheinungen, was man eigentlich so nennen
kann, welche immer mehr oder weniger den Sinnen unterworfen, doch
zuletzt aus einem höhern Begriff gedeutet werden müssen, sollen wir
aufmerksam betrachten, aber auch die Symptome von irgendwelcher Art
haben wir zu beachten. Ich machte hier auf das Ausdehnen und
Zusammenziehen im Verlauf des Pflanzenlebens aufmerksam und erinnere
wieder daran durch folgende Betrachtung.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1108
%
Bei einer noch so ausgearbeiteten Nomenklatur haben wir zu
denken, dass es nur eine Nomenklatur ist, ein Wort, ein irgendeiner
Erscheinung angepasstes, aufgeheftetes Silbenmerkmal sei und also die
Natur keineswegs vollkommen ausspreche, und deshalb nur als Behelf zu
unsrer Bequemlichkeit angesehen werden sollte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1109
%
Die scharf unterscheidende, genau beschreibende Botanik ist in
mehr als einem Sinne höchst ehrwürdig, indem sie die Gabe zu trennen,
zu sondern, zu vergleichen, wie sie dem Menschengeiste gegeben ist,
in ihrer höchsten Ausübung zu betätigen trachtet, sodann aber auch
ein Beispiel gibt, wie weit man mit der Sprache, eben jenem ins
Einzelnste dringenden Beobachtungstalent, das kaum zu
Unterscheidende, sobald es entdeckt worden, zu benennen und zu
bezeichnen vermöge.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1110
%
Eine zwar niedere, doch schon ideelle Unternehmung des Menschen
ist das Zählen, wodurch im gemeinen Leben so vieles verrichtet wird;
die große Bequemlichkeit jedoch, die allgemeine Fasslichkeit und
Erreichbarkeit gibt dem Ordnen nach der Zahl auch in den
Wissenschaften Eingang und Beifall. Das Linnésche System erlangte
eben durch diese Gemeinheit seine Allgemeinheit, doch widerstrebt es
einer höheren Einsicht mehr, als dass es solche förderte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1111
%
Wie wir Menschen in allem Praktischen auf ein gewisses Mittlere
gewiesen sind, so ist es auch im Erkennen. Die Mitte, von da aus
gerechnet, wo wir stehen, erlaubt wohl auf- und abwärts mit Blick und
Handeln uns zu bewegen, nur Anfang und Ende erreichen wir nie, weder
mit Gedanken noch Tun, daher es rätlich ist, sich zeitig davon
loszusagen.
Ebendies gilt von der Geognosie: das mittlere Wirken der
Weltgenese sehen wir leidlich klar und vertragen uns ziemlich
darüber; Anfang und Ende dagegen, jenen in den Granit, dieses in den
Basalt gesetzt, werden uns ewig problematisch bleiben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1112
%
Wenn bei einem problematischen, verschiedene Ansichten
zulassenden Gegenstand eine Vorstellungsrat didaktisch geworden, so
fragt sich, was man gewinnt, indem man eine gegen die andere
vertauscht. Wenn ich statt Granit-Gneis sage Gneis- Granit, so wird
nur evident, dass beide Gebirgsarten, als nah verwandt, ineinander
übergehend gefunden werden, so dass wir bald den einen, bald den
andern Ausdruck zu gebrauchen und veranlasst glauben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1113
%
Warum ich zuletzt am liebsten mit der Natur verkehre, ist, weil
sie immer Recht hat und der Irrtum bloß auf meiner Seite sein kann.
Verhandle ich hingegen mit Menschen, so irren sie, dann ich, auch sie
wieder und immer so fort, da kommt nichts aufs reine: Weiß ich mich
aber in die Natur zu schicken, so ist alles getan.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1114
%
Alle Wirkungen, von welcher Art sie seien, die wir in der
Erfahrung bemerken, hängen auf die stetigste Weise zusammen, gehen
ineinander über; sie undulieren von der ersten bis zur letzten. Dass
man sie voneinander trennt, sie einander entgegensetzt, sie
untereinander vermengt, ist unvermeidlich; doch musste daher in den
Wissenschaften ein grenzenloser Widerstreit entstehen. Starre
scheidende Pedanterie und verflößender Mystizismus bringen beide
gleiches Unheil. Aber jene Tätigkeiten, von der gemeinsten bis zur
höchsten, vom Ziegelstein, der dem Dach entstürzt, bis zum
leuchtenden Geistesblick, der dir aufgeht und den du mitteilst,
reihen sie sich aneinander. Wir versuchen es auszusprechen:
Zufällig,
Mechanisch,
Physisch,
Chemisch,
Organisch,
Psychisch,
Ethisch,
Religios,
Genial.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1115
%
Das, was wir in der neueren Zeit Naturphilosophie nennen, ist
ein großes Geschenk, das uns immer würdiger und werter erscheinen
muss, je mehr wir sie als ein Organ betrachten, das durch eine hohe
Symbolik uns in den Stand setzt, uns dem Wichtigsten zu nähern. Die
Formeln der Mathematik, Kosmologie, Geologie, Physik, Chemie,
Naturgeschichte, Sittlichkeit, Religion und Mystik stehen uns zu
Dienste, es bildet sich eine Sprache, der es möglich wird, in die
Tiefen des Menschen und der Natur einzugreifen.
Aber Bescheidenheit ist nötig, dass wir bedenken, auch sie habe
die Tugenden und die Fehler aller Sprachen, dass sie, indem sie von
einer Seite gewissermaßen schafft, von der andern den Gegenstand, den
sie bezeichnen will, öfters kaum erreicht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1116
%
Wer gegenwärtig über Kunst schreiben oder gar streiten will,
der sollte einige Ahndung haben von dem, was die Philosophie in
unsern Tagen geleistet hat und zu leisten fortfährt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1117
%
Wer einem Autor Dunkelheit vorwerfen will, sollte erst sein
eigen Inners beschauen, ob es denn da auch recht hell ist: In der
Dämmerung wird eine sehr deutliche Schrift unlesbar.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1118
%
Wer streiten will, muss sich hüten, bei dieser Gelegenheit
Sachen zu sagen, die ihm niemand streitig macht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1119
%
Wer Maximen bestreiten will, sollte fähig sein, sie recht klar
aufzustellen und innerhalb dieser Klarheit zu kämpfen, damit er nicht
in den Fall gerate, mit selbst geschaffenen Luftbildern zu fechten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1120
%
Die Dunkelheit gewisser Maximen ist nur relativ. Nicht alles
ist dem Hörenden deutlich zu machen, was dem Ausübenden einleuchtet.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1121
%
Ein Künstler, der schätzbare Arbeiten verfertiget, ist nicht
immer imstande, von eignen oder fremden Werken Rechenschaft zu geben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1122
%
Natur und Idee lässt sich nicht trennen, ohne dass die Kunst
sowie das Leben zerstört werde.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1123
%
Wenn Künstler von Natur sprechen, subintelligieren sie immer
die Idee, ohne sich's deutlich bewusst zu sein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1124
%
Ebenso geht's allen, die ausschließlich die Erfahrung
anpreisen; sie bedenken nicht, dass die Erfahrung nur die Hälfte der
Erfahrung ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1125
%
Erst hört man von Natur und Nachahmung derselben, dann soll es
eine schöne Natur geben. Man soll wählen; doch wohl das Beste! Und
woran soll man's erkennen? Nach welcher Norm soll man wählen? Und wo
ist denn die Norm? Doch wohl nicht auch in der Natur?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1126
%
Und gesetzt, der Gegenstand wäre gegeben, der schönste Baum im
Walde, der in seiner Art als vollkommen auch vom Förster anerkannt
würde. Nun, um den Baum in ein Bild zu verwandeln, geh' ich um ihn
herum und suche mir die schönste Seite. Ich trete weit genug weg, um
ihn völlig zu übersehen, ich warte ein günstiges Licht ab, und nun
soll von dem Naturbaum noch viel auf das Papier übergegangen sein!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1127
%
Der Laie mag das glauben; der Künstler hinter den Kulissen
seines Handwerks sollte aufgeklärter sein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1128
%
Gerade das, was ungebildeten Menschen am Kunstwerk der Natur
auffällt, das ist nicht Natur (von außen), sondern der Mensch (Natur
von innen).
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1129
%
Wir wissen von keiner Welt, als im Bezug auf den Menschen; wir
wollen keine Kunst, als die ein Abdruck dieses Bezugs ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1130
%
Wer zuerst im Bilde auf seinen Horizont die Zielpunkte des
mannigfaltigen Spiels waagrechter Linien bannte, erfand das Prinzip
der Perspektive.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1131
%
Wer zuerst aus der Systole und Diastole, zu der die Retina
gebildet ist, aus dieser Synkrisis und Diakrisis, mit Plato zu
sprechen, die Farbenharmonie entwickelte, der hat die Prinzipien des
Kolorits entdeckt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1132
%
Suchet in euch, so werdet ihr alles finden, und erfreuet euch,
wenn da draußen, wie ihr es immer heißen möget, eine Natur liegt, die
Ja und Amen zu allem sagt, was ihr in euch gefunden habt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1133
%
Was hat ein Maler zu studieren, bis er eine Pfirsche sehen kann
wie Huysum, und wir sollen nicht versuchen, ob es möglich sei, den
Menschen zu sehen, wie ihn ein Grieche gesehen hat?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1134
%
Wer Proportion (das Messbare) von der Antike nehmen muss,
sollte uns nicht gehässig sein, weil wir das Unmessbare von der
Antike nehmen wollen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1135
%
Gar vieles kann lange erfunden, entdeckt sein, und es wirkt
nicht auf die Welt; es kann wirken und doch nicht bemerkt werden,
wirken und nicht ins Allgemeine greifen; deswegen jede Geschichte der
Erfindung sich mit den wunderbarsten Rätseln herumschlägt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1136
%
Es ist so schwer, etwas von Mustern zu lernen, als von der
Natur.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1137
%
Die Form will so gut verdaut sein als der Stoff; ja, sie
verdaut sich viel schwerer.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1138
%
Es ist schon genug, dass Kunstliebhaber das Vollkommene
übereinstimmend anerkennen und schätzen; über das Mittlere lässt sich
der Streit nicht endigen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1139
%
Alles Prägnante, was allein an einem Kunstwerke vortrefflich
ist, wird nicht anerkannt; alles Fruchtbare und Fördernde wird
beseitigt, eine tief umfassende Synthesis begreift nicht leicht
jemand.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1140
%
Ihr wählt euch ein Muster, und damit vermischt ihr eure
Individualität: Das ist alle eure Kunst. Da ist an keine Grundsätze,
an keine Schule, an keine Folge zu denken, alles willkürlich und wie
es einem jeden einfällt.
Dass man sich von Gesetzen losmacht, die bloß durch Tradition
geheiligt sind, dagegen ist nichts zu sagen; aber dass man nicht
denkt, es müssen doch Gesetze sein, die aus der Natur jeder Kunst
entspringen, daran denkt niemand.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1141
%
Jedes gute und schlechte Kunstwerk, sobald es entstanden ist,
gehört zur Natur. Die Antike gehört zur Natur, und zwar, wenn sie
anspricht, zur natürlichsten Natur, und diese edle Natur sollen wir
nicht studieren, aber die gemeine!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1142
%
Denn das Gemeine ist's eigentlich, was den Herren Natur heißt!
Aus sich schöpfen mag wohl heißen, mit dem eben fertig werden, was
uns bequem wird!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1143
%
Kunst: Eine andere Natur, auch geheimnisvoll, aber
verständlicher; denn sie entspringt aus dem Verstande.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1144
%
Mancher hat nach der Antike studiert und sich ihr Wesen nicht
ganz zugeeignet. Ist er darum scheltenswert?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1145
%
Warum schelten wir das Manierierte so sehr, als weil wir
glauben, dass Umkehr daher auf den rechten Weg sei unmöglich?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1146
%
Die höheren Forderungen sind an sich schon schätzbarer, auch
unerfüllt, als niedrige, ganz erfüllte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1147
%
Das Trocken-Naive, das Steif-Wackere, das Ängstlich-Rechtliche
und womit man ältere deutsche Kunst charakterisieren mag, gehört zu
jeder früheren, einfacheren Kunstweise. Die alten Venezianer,
Florentiner usw. haben das alles auch.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1148
%
Und wir Deutsche sollen uns dann nur für original halten, wenn
wir uns nicht über die Anfänge erheben!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1149
%
Weil Albrecht Dürer bei dem unvergleichlichen Talent sich nie
zur Idee des Ebenmaßes der Schönheit, ja sogar nie zum Gedanken einer
schicklichen Zweckmäßigkeit erheben konnte, sollen wir auch immer an
der Erde kleben!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1150
%
Albrecht Dürern förderte ein höchst inniges realistisches
Anschauen, ein liebenswürdiges menschliches Mitgefühl aller
gegenwärtigen Zustände. Ihm schadete eine trübe, form- und bodenlose
Phantasie.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1151
%
Wie Martin Schön neben ihm steht und wie das deutsche Verdienst
sich dort beschränkt, wäre interessant zu zeigen und nützlich zu
zeigen, dass dort nicht aller Tage Abend war.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1152
%
Löste sich doch in jeder italienischen Schule der Schmetterling
aus der Puppe los!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1153
%
Sollen wir ewig als Raupen herumkriechen, weil einige nordische
Künstler ihre Rechnung dabei finden?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1154
%
Nachdem uns Klopstock vom Reim erlöste und Voß uns prosodische
Muster gab, sollen wir wohl wieder Knittelverse machen wie Hans Sachs?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1155
%
Lasst uns doch vielseitig sein! Märkische Rübchen schmecken
gut, am besten gemischt mit Kastanien. Und diese beiden edlen Früchte
wachsen weit auseinander.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1156
%
Man ist nur vielseitig, wenn man zum Höchsten strebt, weil man
muss (im Ernst), und zum Geringern herabsteigt, wenn man will (zum
Spaß).
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1157
%
Erlaubt uns in unsern vermischten Schriften doch neben den
abend- und nordländischen Formen auch die morgen- und südländischen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1158
%
Lasst doch den deutschen Dichtern den frommen Wunsch, auch als
Homeriden zu gelten! Deutsche Bildhauer, es wird euch nicht schaden,
zum Ruhm der letzten Praxiteliden zu streben!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1159
%
In allen Künsten gibt es einen gewissen Grad, den man mit den
natürlichen Anlagen sozusagen allein erreichen kann. Zugleich aber
ist es unmöglich, denselben zu überschreiten, wenn nicht die Kunst zu
Hilfe kommt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1160
%
Man sagt wohl zum Lobe des Künstlers: Er hat alles aus sich
selbst. Wenn ich das nur nicht wieder hören müsste! Genau besehen,
sind die Produktionen eines solchen Originalgenies meistens
Reminiszenzen; wer Erfahrung hat, wird sie meist einzeln nachweisen
können.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1161
%
Das so genannte Aus-sich-Schöpfen macht gewöhnlich falsche
Originale und Manieristen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1162
%
Selbst das mäßige Talent hat immer Geist in Gegenwart der
Natur; deswegen einigermaßen sorgfältige Zeichnungen der Art immer
Freude machen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1163
%
Aus vielen Skizzen endlich ein Ganzes hervorzubringen, gelingt
selbst den Besten nicht immer.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1164
%
Was die letzte Hand tun kann, muss die erste schon entschieden
aussprechen. Hier muss schon bestimmt sein, was getan werden soll.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1165
%
Das Schöne ist eine Manifestation geheimer Naturgesetze, die
uns ohne dessen Erscheinung ewig wären verborgen geblieben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1166
%
Man sagt: Studiere, Künstler, die Natur! Es ist aber keine
Kleinigkeit, aus dem Gemeinen das Edle, aus der Unform das Schöne zu
entwickeln.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1167
%
Wem die Natur ein offenbares Geheimnis zu enthüllen anfängt,
der empfindet eine unwiderstehliche Sehnsucht nach ihrer würdigsten
Auslegerin, der Kunst.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1168
%
Die Kunst ist eine Vermittlerin des Unaussprechlichen; darum
scheint es eine Torheit, sie wieder durch Worte vermitteln zu wollen.
Doch indem wir und darin bemühen, findet sich für den Verstand so
mancher Gewinn, der dem ausübenden Vermögen auch wieder zugute kommt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1169
%
Es ist etwas unbekanntes Gesetzliches im Objekt, welches dem
unbekannten Gesetzlichen im Subjekt entspricht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1170
%
Das Gesetz, das in die Erscheinung tritt, in der größten
Freiheit, nach seinen eigensten Bedingungen, bringt das objektiv
Schöne hervor, welches freilich würdige Subjekte finden muss, von
denen es aufgefasst wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1171
%
Allen andern Künsten muss man etwas vorgeben, der griechischen
allein bleibt man ewig Schuldner.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1172
%
Die Natur wirkt nach Gesetzen, die sie sich in Eintracht mit
dem Schöpfer vorschrieb. Die Kunst nach Regeln, über die sie mit dem
Genie sich einverstanden hat.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1173
%
Die Kunst ist ein Geschäft, am ernsthaftesten, wenn sie sich
mit edlen, heiligen Gegenständen beschäftigt; der Künstler aber steht
über der Kunst und dem Gegenstande: Über jener, da er sie zu seinen
Zwecken braucht, über diesem, weil er ihn nach eigner Weise behandelt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1174
%
Die bildende Kunst ist auf das Sichtbare angewiesen, auf die
äußere Erscheinung des Natürlichen. Das rein Natürliche, insofern es
sittlich gefällig ist, nennen wir naiv. Naive Gegenstände sind also
das Gebiet der Kunst, die ein sittlicher Ausdruck des Natürlichen
sein soll. Gegenstände, die nach beiden Seiten hinweisen, sind die
günstigsten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1175
%
Das Naive als natürlich ist mit dem Wirklichen verschwistert.
Das Wirkliche ohne sittlichen Bezug nennen wir gemein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1176
%
Die Kunst an und für sich selbst ist edel; deshalb fürchtet
sich der Künstler nicht vor dem Gemeinen. Ja, indem er es aufnimmt,
ist es schon geadelt, und so sehen wir die größten Künstler mit
Kühnheit ihr Majestätsrecht ausüben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1177
%
In jedem Künstler liegt ein Keim von Verwegenheit, ohne den
kein Talent denkbar ist, und dieser wird besonders rege, wenn man den
Fähigen einschränken und zu einseitigen Zwecken dingen und brauchen
will.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1178
%
Raphael ist unter den neuern Künstlern auch hier wohl der
reinste. Er ist durchaus naiv, das Wirkliche kommt bei ihm nicht zum
Streit mit dem Sittlichen oder gar Heiligen. Der Teppich, worauf die
Anbetung der Könige abgebildet ist, eine überschwänglich herrliche
Komposition, zeigt, von dem ältesten anbetenden Fürsten bis zu den
Mohren und Affen, die sich auf den Kamelen mit Äpfeln ergötzen, eine
ganze Welt. Hier durfte der heilige Joseph und ganz naiv
charakterisiert werden als Pflegevater, der sich über die
eingekommenen Geschenke freut.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1179
%
Auf den heiligen Joseph überhaupt haben es die Künstler
abgesehen. Die Byzantiner, denen man nicht nachsagen kann, dass sie
überflüssigen Humor anbrächten, stellen doch bei der Geburt den
Heiligen immer verdrießlich vor. Das Kind liegt in der Krippe, die
Tiere schauen hinein, verwundert, statt ihres trockenen Futters ein
lebendiges, himmlisch- anmutiges Geschöpft zu finden. Engel verehren
den Ankömmling; die Mutter sitzt still dabei; St. Joseph aber sitzt
abgewendet und kehrt unmutig den Kopf nach der sonderbaren Szene.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1180
%
Der Humor ist eins der Elemente des Genies, aber sobald er
vorwaltet, nur ein Surrogat desselben; er begleitet die abnehmende
Kunst, zerstört, vernichtet sie zuletzt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1181
%
Hierüber kann eine Arbeit anmutig aufklären, die wir
vorbereiten: Sämtliche Künstler nämlich, die uns schon von so manchen
Seiten bekannt sind, ausschließlich von der ethischen zu betrachten,
aus den Gegenständen und der Behandlung ihrer Werke zu entwickeln,
was Zeit und Ort, Nation und Lehrmeister, was eigne unzerstörliche
Individualität beigetragen, sich zu dem zu bilden, was sie wurden,
sie bei dem zu erhalten, was sie waren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1182
%
"Da wir überzeugt sind, dass derjenige, der die intellektuelle
Welt beschaut und des wahrhaften Intellekts Schönheit gewahr wird,
auch wohl ihren Vater, der über allen Sinn erhaben ist, bemerken
könne, so versuchen wir denn, nach Kräften einzusehen und für uns
selbst auszudrücken - insofern sich dergleichen deutlich machen lässt
-, auf welche Weise wir die Schönheit des Geistes und der Welt
anzuschauen vermögen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1183
%
"Nehmet an daher, zwei steinerne Massen seien nebeneinander
gestellt, deren eine roh und ohne künstliche Bearbeitung geblieben,
die andere aber durch die Kunst zur Statue, einer menschlichen oder
göttlichen, ausgebildet worden. Wäre es eine göttliche, so möchte sie
eine Grazie oder Muse vorstellen; wäre es eine menschliche, so dürfte
es nicht ein besonderer Mensch sein, vielmehr irgendeiner, den die
Kunst aus allem Schönen versammelte."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1184
%
"Euch wird aber der Stein, der durch die Kunst zur schönen
Gestalt gebracht worden, alsobald schön erscheinen; doch nicht weil
er Stein ist - denn sonst würde die andere Masse gleichfalls für
schön gelten -, sondern daher, dass er eine Gestalt hat, welche die
Kunst ihm erteilte."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1185
%
"Die Materie aber hatte eine solche Gestalt nicht, sondern
diese war in dem Ersinnenden früher, als sie zum Stein gelangte. Sie
war jedoch in dem Künstler nicht, weil er Augen und Hände hatte,
sondern weil er mit der Kunst begabt war."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1186
%
"Also war in der Kunst noch eine weit größere Schönheit; denn
nicht die Gestalt, die in der Kunst ruhet, gelangt in den Stein,
sondern dorten bleibt sie, und es gehet indessen eine andere,
geringere hervor, die nicht rein in sich selbst verharret, noch auch
wie sie der Künstler wünschte, sondern insofern der Stoff der Kunst
gehorchte."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1187
%
"Wenn aber die Kunst dasjenige, was sie ist und besitzt, auch
hervorbringt, und das Schöne nach der Vernunft hervorbringt, nach
welcher sie immer handelt, so ist sie fürwahr diejenige, die mehr
oder wahrer eine größere und trefflichere Schönheit der Kunst
besitzt, vollkommener als alles, was nach außen hervortritt."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1188
%
"Denn indem die Form, in die Materie hervor schreitend, schon
ausgedehnt wird, so wird sie schwächer als jene, welche in Einem
verharret. Denn was in sich eine Entfernung erduldet, tritt von sich
selbst weg: Stärke von Stärke, Wärme von Wärme, Kraft von Kraft; so
auch Schönheit von Schönheit. Daher muss das Wirkende trefflicher
sein als das Gewirkte. Denn nicht die Unmusik macht den Musiker,
sondern die Musik, und die übersinnliche Musik bringt die Musik in
sinnlichem Ton hervor."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1189
%
"Wollte aber jemand die Künste verachten, weil sie die Natur
nachahmen, so lässt sich darauf antworten, dass die Naturen auch
manches andere nachahmen; dass ferner die Künste nicht das geradezu
nachahmen, was man mit Augen siehet, sondern auf jenes Vernünftige
zurückgehen, aus welchem die Natur besteht und wornach sie handelt."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1190
%
"Ferner bringen auch die Künste vieles aus sich selbst hervor
und fügen anderseits manches hinzu, was der Natur na Vollkommenheit
abgehet, indem sie die Schönheit in sich selbst haben. So konnte
Phidias den Gott bilden, ob er gleich nichts sinnlich Erblickliches
nachahmte, sondern sich einen solchen in den Sinn fasste, wie Zeus
selbst erscheinen würde, wenn er unsern Augen begegnen möchte."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1191
%
Man kann den Idealisten alter und neuer Zeit nicht verargen,
wenn sie so lebhaft auf Beherzigung des Einen dringen, woher alles
entspringt und worauf alles wieder zurückzuführen wäre. Denn freilich
ist das belebende und ordnende Prinzip in der Erscheinung dergestalt
bedrängt, dass es sich kaum zu retten weiß. Allein wir verkürzen uns
an der andern Seite wieder, wenn wir das Formende und die höhere Form
selbst in eine vor unserm äußern und innern Sinn verschwindende
Einheit zurückdrängen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1192
%
Wir Menschen sind auf Ausdehnung und Bewegung angewiesen; diese
beiden allgemeinen Formen sind es, in welchen sich alle übrigen
Formen, besonders die sinnlichen, offenbaren. Eine geistige Form wird
aber keineswegs verkürzt, wenn sie in der Erscheinung hervortritt,
vorausgesetzt, dass ihr Hervortreten eine wahre Zeugung, eine wahre
Fortpflanzung sei. Das Gezeugte ist nicht geringer als das Zeugende;
ja es ist der Vorteil lebendiger Zeugung, dass das Gezeugte
vortrefflicher sein kann als das Zeugende.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1193
%
Dieses weiter auszuführen und vollkommen anschaulich, ja, was
mehr ist, durchaus praktisch zu machen, würde von wichtigem Belang
sein. Eine umständliche folgerechte Ausführung aber möchte den Hörern
übergroße Aufmerksamkeit zumuten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1194
%
Die Kunst ruht auf einer Art religiösem Sinn, auf einem tiefen,
unerschütterlichen Ernst; deswegen sie sich auch so gern mit der
Religion vereinigt. Die Religion bedarf keines Kunstsinnes, sie ruht
auf ihrem eigenen Ernst; sie verleiht aber auch keinen, so wenig sie
Geschmack gibt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1195
%
Realität in der höchsten Nützlichkeit (Zweckmäßigkeit) wird
auch schön sein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1196
%
Vollkommenheit ist schon da, wenn das Notwendige geleistet
wird, Schönheit, wenn das Notwendige geleistet, doch verborgen ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1197
%
Vollkommenheit kann mit Disproportion bestehen, Schönheit
allein mit Proportion.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1198
%
Jeder große Künstler reißt uns weg, steckt uns an. Alles, was
in uns von eben der Fähigkeit ist, wird rege, und da wir eine
Vorstellung vom Großen und einige Anlage dazu haben, so bilden wir
uns gar leicht ein, der Keim davon stecke in uns.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1199
%
Raphaelin von Reggio malte mit solcher Leichtigkeit die
Außenseiten der Häuser in Fresko, dass alle Kinder Kalk auf Ziegeln
strichen und das gleiche zu tun gedachten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1200
%
Es ist eine Tradition, Dädalus, der erste Plastiker, habe die
Erfindung der Drehscheibe des Töpfers beneidet. Von Neid möchte wohl
nichts vorgekommen sein; aber der große Mann hat wahrscheinlich
vorempfunden, dass die Technik zuletzt in der Kunst verderblich
werden müsse.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1201
%
Bei Gelegenheit der berlinischen Vorbilder für Fabrikanten kam
zur Sprache, ob so großer Aufwand auf die höchste Ausführung der
Blätter wäre nötig gewesen. Wobei sich ergab, dass gerade den
talentvollen jungen Künstler und Handwerker die Ausführung am meisten
reizt, und dass er durch Beachtung und Nachbildung derselben erst
befähigt wird, das Ganze und den Wert der Formen zu begreifen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1202
%
Die Technik im Bündnis mit dem Abgeschmackten ist die
fürchterlichste Feindin der Kunst.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1203
%
"An meinen Bildern müsst ihr nicht schnuffeln, die Farben sind
ungesund." Rembrandt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1204
%
In Rembrandts trefflicher Radierung, der Austreibung der Käufer
und Verkäufer aus den Tempelhallen, ist die Glorie, welche gewöhnlich
des Herrn Haupt umgibt, in die vorwärts wirkende Hand gleichsam
gefahren, welche nun in göttlicher Tat Glanz umgeben derb zuschlägt.
Um das Haupt ist's, wie auch das Gesicht, dunkel.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1205
%
Chodowiecky ist ein sehr respektabler und wir sagen idealer
Künstler.
Seien guten Werke zeugen durchaus von Geist und Geschmack. Mehr
Ideales war in dem Kreise, in dem er arbeitete, nicht zu fordern.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1206
%
Ein edler Philosoph sprach von der Baukunst als einer
erstarrten Musik und musste dagegen manches Kopfschütteln gewahr
werden. Wir glauben diesen schönen Gedanken nicht besser nochmals
einzuführen, als wenn wir die Architektur eine verstummte Tonkunst
nennen.
Man denke sich den Orpheus, der, als ihm ein großer wüster
Bauplatz angepriesen war, sich weislich an den schicklichsten Ort
niedersetzte und durch die belebenden Töne seiner Leier den
geräumigen Marktplatz um sich her bildete. Die von kräftig
gebietenden, freundlich lockenden Tönen schnell ergriffenen, aus
ihrer massenhaften Ganzheit gerissenen Felssteine mussten, indem sie
sich enthusiastisch herbeibewegten, sich kunst- und handwerksgemäß
gestalten, um sich sodann in rhythmischen Schichten und Wänden
gebührend hinzuordnen. Und so mag sich Straße zu Straße anfügen! An
wohl schützenden Mauern wird's auch nicht fehlen.
Die Töne verhallen, aber die Harmonie bleibt. Die Bürger einer
solchen Stadt wandeln und weben zwischen ewigen Melodien; der Geist
kann nicht sinken, die Tätigkeit nicht einschlafen, das Auge
übernimmt Funktion, Gebühr und Pflicht des Ohres, und die Bürger am
gemeinsten Tage fühlen sich in einem ideellen Zustand: Ohne
Reflexion, ohne nach dem Ursprung zu fragen, werden sie das höchsten
sittlichen und religiösen Genusses teilhaftig. Man gewöhne sich, in
Sankt Peter auf und ab zu gehen, und man wird ein Analogon desjenigen
empfinden, was wir auszusprechen gewagt.
Der Bürger dagegen in einer schlecht gebauten Stadt, wo der Zufall
mit leidigem Besen die Häuser zusammenkehrte, lebt unbewusst in der
Wüste eines düsteren Zustandes; dem fremden Eintretenden jedoch ist
es zumute, als wenn er Dudelsack, Pfeifen und Schellentrommeln hörte
und sich bereiten müsste, Bärentänzen und Affensprüngen beizuwohnen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1207
%
Antike Tempel konzentrieren den Gott im Menschen; des
Mittelalters Kirchen streben nach dem Gott in der Höhe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1208
%
Werke der Kunst werden zerstört, sobald der Kunstsinn
verschwindet.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1209
%
Die Allegorie verwandelt die Erscheinung in einen Begriff, den
Begriff in ein Bild, doch so, dass der Begriff im Bilde immer noch
begrenzt und vollständig zu halten und zu haben und an demselben
auszusprechen sei.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1210
%
Die Symbolik verwandelt die Erscheinung in Idee, die Idee in
ein Bild, und so, dass die Idee im Bild immer unendlich wirksam und
unerreichbar bleibt und, selbst in allen Sprachen ausgesprochen, doch
unaussprechlich bliebe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1211
%
Die Kunst soll das Penible nicht vorstellen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1212
%
Ursache des Dilettantismus: Flucht vor der Manier, Unkenntnis
der Methode, törichtes Unternehmen, gerade immer das Unmögliche
leisten zu wollen, welches die höchste Kunst erforderte, wenn man
sich ihm je nähern könnte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1213
%
Fehler der Dilettanten: Phantasie und Technik unmittelbar
verbinden zu wollen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1214
%
Gemüt hat jedermann, Naturell manche, Kunstbegriffe sind selten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1215
%
Die Alten vergleichen die Hand der Vernunft.
Die Vernunft ist die Kunst der Künste, die Hand die Technik alles
Handwerks.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1216
%
Die Dilettanten, wenn sie das Möglichste getan haben, pflegen
zu ihrer Entschuldigung zu sagen, die Arbeit sei noch nicht fertig.
Freilich kann sie nie fertig werden, weil sie nie recht angefangen
ward. Der Meister stellt sein Werk mit wenigen Strichen als fertig
dar; ausgeführt oder nicht, schon ist es vollendet. Der geschickteste
Dilettant tastet im Ungewissen, und wie die Ausführung wächst, kommt
die Unsicherheit der ersten Anlage immer mehr zum Vorschein. Ganz
zuletzt entdeckt sich erst das Verfehlte, das nicht auszugleichen
ist, und so kann das Werk freilich nicht fertig werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1217
%
In der wahren Kunst gibt es keine Vorschule, wohl aber
Vorbereitungen; die beste jedoch ist die Teilnahme des geringsten
Schülers am Geschäft des Meisters. Aus Farbenreibern sind treffliche
Maler hervorgegangen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1218
%
Ein anderes ist die Nachäffung, zu welcher die natürliche
allgemeine Tätigkeit des Menschen durch einen bedeutenden Künstler,
der das Schwere mit Leichtigkeit vollbringt, zufällig angeregt wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1219
%
Von der Notwendigkeit, dass der bildende Künstler Studien nach
der Natur mache, und von dem Werte derselben überhaupt sind wir
genugsam überzeugt; allein wir leugnen nicht, dass es uns öfters
betrübt, wenn wir den Missbrauch eines so löblichen Strebens gewahr
werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1220
%
Nach unserer Überzeugung sollte der junge Künstler wenig oder
gar keine Studien nach der Natur beginnen, wobei er nicht zugleich
dächte, wie er jedes Blatt zu einem Ganzen abrunden, wie er diese
Einzelheit, in ein angenehmes Bild verwandelt, in einen Rahmen
eingeschlossen, dem Liebhaber und Kenner gefällig anbieten möge.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1221
%
Es steht manches Schöne isoliert in der Welt; doch der Geist
ist es, der Verknüpfungen zu entdecken und dadurch Kunstwerke
hervorzubringen hat. - Die Blume gewinnt erst ihren Reiz durch das
Insekt, das ihr anhängt, durch den Tautropfen, der sie befeuchtet,
durch das Gefäß, woraus sie allenfalls ihre letzte Nahrung zieht.
Kein Busch, kein Baum, dem man nicht durch die Nachbarschaft eines
Felsens, einer Quelle Bedeutung geben, durch eine mäßige einfache
Ferne größern Reiz verleihen könnte. So ist es, mit menschlichen
Figuren und so mit Tieren aller Art beschaffen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1222
%
Der Vorteil, den sich der junge Künstler hiedurch verschafft,
ist gar mannigfaltig. Er lernt denken, das Passende gehörig
zusammenbinden, und wenn er auf diese Weise geistreich komponiert,
wird es ihm zuletzt auch an dem, was man Erfindung nennt, an dem
Entwickeln des Mannigfaltigen aus dem Einzelnen, keineswegs fehlen
können.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1223
%
Tut er nun hierin der eigentlichen Kunstpädagogik wahrhaft
Genüge, so hat er noch nebenher den großen, nicht zu verachtenden
Gewinn, dass er lernt, verkäufliche, dem Liebhaber anmutige und
liebliche Blätter hervorzubringen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1224
%
Eine solche Arbeit braucht nicht im höchsten Grade ausgeführt
und vollendet zu sein; wenn sie gut gesehen, gedacht und fertig ist,
so ist sie für den Liebhaber oft reizender als ein größeres
ausgeführtes Werk.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1225
%
Beschaue doch jeder junge Künstler seine Studien im Büchelchen
und Portefeuille und überlege, wie viele Blätter er davon auf jene
Weise genießbar und wünschenswert hätte machen können.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1226
%
Es ist nicht die Rede vom Höheren, wovon man wohl auch sprechen
könnte, sondern es soll nur als Warnung gesagt sein, die von einem
Abwege zurückruft und aufs Höhere hindeutet.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1227
%
Versuche es doch der Künstler nur ein halb Jahr praktisch und
setze weder Kohle und Pinsel an ohne Intention, einen vorliegenden
Naturgegenstand als Bild abzuschließen. Hat er angebornes Talent, so
wird sich's bald offenbaren, welche Absicht wir bei diesen
Andeutungen im Sinne hegten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1228
%
Wenn ich jüngere deutsche Maler, sogar solche, die sich eine
Zeitlang in Italien aufgehalten, befrage, warum sie doch besonders in
ihren Landschaften so widerwärtige grelle Töne dem Auge darstellen
und vor aller Harmonie zu fliehen scheinen, so geben sie wohl ganz
dreist und getrost zur Re: Sie sähen die Natur genau auf solche
Weise.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1229
%
Kant hat uns aufmerksam gemacht, dass es eine Kritik der
Vernunft gebe, dass dieses höchste Vermögen, was der Mensch besitzt,
Ursache habe, über sich selbst zu wachen. Wie großen Vorteil uns
diese Stimme gebracht, möge jeder an sich selbst geprüft haben. Ich
aber möchte in eben dem Sinne die Aufgabe stellen, dass eine Kritik
der Sinne nötig sei, wenn die Kunst überhaupt, besonders die
deutsche, irgend wieder sich erholen und in einem erfreulichen
Lebensschritt vorwärts gehen solle.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1230
%
Der zur Vernunft geborene Mensch bedarf noch großer Bildung,
sie mag sich ihm nun durch Sorgfalt der Eltern und Erzieher, durch
friedliches Beispiel oder durch strenge Erfahrung nach und nach
offenbaren. Ebenso wird zwar der angehende Künstler, aber nicht der
vollendete geboren: Sein Auge komme frisch auf die Welt, er habe
glücklichen Blick für Gestalt, Proportion, Bewegung; aber für höhere
Komposition, für Haltung, Licht, Schatten, Farben kann ihm die
natürliche Anlage fehlen, ohne dass er es gewahr wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1231
%
Ist er nun nicht geneigt, von höher ausgebildeten Künstlern der
Vor- und Mitzeit das zu lernen, was ihm fehlt, um eigentlicher
Künstler zu sein, so wird er im falschen Begriff von bewahrter
Originalität hinter sich selbst zurückbleiben; denn nicht allein das,
was mit uns geboren ist, sondern auch das, was wir erwerben können,
gehört uns an, und wir sind es.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1232
%
Das Verhältnis der Künste und Wissenschaften zum Leben ist nach
Verhältnis der Stufen, worauf sie stehen, nach Beschaffenheit der
Zeiten und tausend andern Zufälligkeiten sehr verschieden; deswegen
auch niemand darüber im ganzen leicht klug werden kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1233
%
Poesie wirkt am meisten im Anfang der Zustände, sie seien nun
ganz roh, halb kultiviert, oder bei Abänderung einer Kultur, beim
Gewahrwerden einer fremden Kultur, dass man also sagen kann, die
Wirkung der Neuheit findet durchaus statt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1234
%
Musik im besten Sinne bedarf weniger der Neuheit, ja vielmehr,
je älter sie ist, je gewohnter man sie ist, desto mehr wirkt sie.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1235
%
Die Würde der Kunst erscheint bei der Musik vielleicht am
eminentesten, weil sie keinen Stoff hat, der abgerechnet werden
müsste. Sie ist ganz Form und Gehalt und erhöht und veredelt alles,
was sie ausdrückt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1236
%
Die Musik ist heilig und profan. Das Heilige ist ihrer Würde
ganz gemäß, und hier hat sie die größte Wirkung aufs Leben, welche
sich durch alle Zeiten und Epochen gleich bleibt. Die profane sollte
durchaus heiter sein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1237
%
Eine Musik, die den heiligen und profanen Charakter vermischt,
ist gottlos, und eine halbschürige, welche schwache, jammervolle,
erbärmliche Empfindungen auszudrücken Belieben findet, ist
abgeschmackt. Denn sie ist nicht ernst genug, um heilig zu sein, und
es fehlt ihr der Hauptcharakter des Entgegengesetzten: Die Heiterkeit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1238
%
Die Heiligkeit der Kirchenmusiken, das Heitere und Neckische
der Volksmelodien sind die beiden Angeln, um die sich die wahre Musik
herumdreht. Auf diesen beiden Punkten beweist sie jederzeit eine
unausbleibliche Wirkung: Andacht oder Tanz. Die Vermischung macht
irre, die Verschwächung wird fade, und will die Musik sich an
Lehrgedichte oder beschreibende und dergleichen wenden, so wird sie
kalt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1239
%
Die Sehnsucht, die nach außen, in die Ferne strebt, sich aber
melodisch in sich selbst beschränkt, erzeugt den Minor.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1240
%
Kantilene: Die Fülle der Liebe und jedes leidenschaftlichen
Glücks verewigend.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1241
%
Plastik wirkt eigentlich nur auf ihrer höchsten Stufe; alles
Mittlere kann wohl aus mehr denn einer Ursache imponieren; aber alle
mittleren Kunstwerke dieser Art machen mehr irre, als dass sie
erfreuen. Die Bildhauerkunst muss sich daher noch ein stoffartiges
Interesse suchen, und das findet sie in den Bildnissen bedeutender
Menschen. Aber auch hier muss sie schon einen hohen Grad erreichen,
wenn sie zugleich wahr und würdig sein will.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1242
%
Die Malerei ist die lässlichste und bequemste von allen
Künsten. Die lässlichste, weil man ihr um des Stoffes und des
Gegenstandes willen, auch da, wo sie nur Handwerk oder kaum eine
Kunst ist, vieles zugute hält und sich an ihr erfreut; teils weil
eine technische, obgleich geistlose Ausführung den Ungebildeten wie
den Gebildeten in Verwunderung setzt, so dass sie sich also nur
einigermaßen zur Kunst zu steigern braucht, um in einem höheren Grade
willkommen zu sein. Wahrheit in Farben, Oberflächen, in Beziehungen
der sichtbaren Gegenstände aufeinander, ist schon angenehm; und da
das Auge ohnehin gewohnt ist, alles zu sehen, so ist ihm eine
Missgestalt und also auch ein Missbild nicht so zuwider als dem Ohr
ein Misston. Man lässt die schlechteste Abbildung gelten, weil man
noch schlechtere Gegenstände zu sehen gewohnt ist. Der Maler darf
also nur einigermaßen Künstler sein, so findet er schon ein größeres
Publikum als der Musiker, der auf gleichem Grade stünde; wenigstens
kann der geringere Maler immer für sich operieren, anstatt dass der
mindere Musiker sich mit andern soziieren muss, um durch gesellige
Leistung einigen Effekt zu tun.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1243
%
Die Frage, ob man bei Betrachtung von Kunstleistungen
vergleichen solle oder nicht, möchten wir folgendermaßen beantworten:
Der ausgebildete Kenner soll vergleichen; denn ihm schwebt die Idee
vor, er hat den Begriff gefasst, was geleistet werden könne und
solle; der Liebhaber, auf dem Wege zur Bildung begriffen, fördert
sich am besten, wenn er nicht vergleicht, sondern jedes Verdienst
einzeln betrachtet; dadurch bildet sich Gefühl und Sinn für das
Allgemeinere nach und nach aus. Das Vergleichen der Unkenner ist
eigentlich nur eine Bequemlichkeit, die sich gern des Urteils
überheben möchte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1244
%
Das Was des Kunstwerks interessiert die Menschen mehr als das
Wie; jenes können sie einzeln ergreifen, dieses im ganzen nicht
fassen. Daher kommt das Herausheben von Stellen, wobei zuletzt, wenn
man wohl aufmerkt, die Wirkung der Totalität auch nicht ausbleibt,
aber jedem unbewusst.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1245
%
Die Frage: "Woher hat's der Dichter?", geht auch nur aufs Was;
vom Wie erfährt dabei niemand etwas.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1246
%
Einbildungskraft wird nur durch Kunst, besonders durch Poesie
geregelt. Es ist nichts fürchterlicher als Einbildungskraft ohne
Geschmack.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1247
%
Das Manierierte ist ein verfehltes Ideelle, ein subjektiviertes
Ideelle; daher fehlt ihm das Geistreiche nicht leicht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1248
%
Der Philolog ist angewiesen auf die Kongruenz des geschrieben
Überlieferten. Ein Manuskript liegt zum Grunde, es finden sich in
demselben wirkliche Lücken, Schreibfehler, die eine Lücke im Sinne
machen, und was sonst alles an einem Manuskript zu tadeln sein mag.
Nun findet sich eine zweite Abschrift, eine dritte, die Vergleichung
derselben bewirkt immer mehr, das Verständige und Vernünftige der
Überlieferung gewahr zu werden. Ja er geht weiter und verlangt von
seinem innern Sinn, dass derselbe ohne äußere Hilfsmittel die
Kongruenz des Abgehandelten immer mehr zu begreifen und darzustellen
wisse. Weil nun hiezu ein besonderer Takt, eine besondere Vertiefung
in seinen abgeschiedenen Autor nötig und ein gewisser Grad von
Erfindungskraft gefordert wird, so kann man dem Philologen nicht
verdenken, wenn er sich auch ein Urteil bei Geschmackssagen zutraut,
welches ihm jedoch nicht immer gelingen wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1249
%
Der Dichter ist angewiesen auf Darstellung. Das Höchste
derselben ist, wenn sie mit der Wirklichkeit wetteifert, das heißt,
wenn ihre Schilderungen durch den Geist dergestalt lebendig sind,
dass sie als gegenwärtig für jedermann gelten können. Auf ihrem
höchsten Gipfel scheint die Poesie ganz äußerlich; je mehr sie sich
ins Innere zurückzieht, ist sie auf dem Wege zu sinken. - Diejenige,
die nur das Innere darstellt, ohne es durch ein Äußeres zu
verkörpern, oder ohne das Äußere durch das Innere durchfühlen zu
lassen, sind beides die letzten Stufen, von welchen aus sie ins
gemeine Leben hinein tritt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1250
%
Die Redekunst ist angewiesen auf alle Vorteile der Poesie, auf
alle ihre Rechte; sie bemächtigt sich derselben und missbraucht sie,
um gewisse äußere, sittliche oder unsittliche, augenblickliche
Vorteile im bürgerlichen Leben zu erreichen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1251
%
In natürlicher Wahrheit und Großheit, obgleich wild und
unbehaglich ausgebildetes Talent ist Lord Byron, und deswegen kaum
ein anderes ihm vergleichbar.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1252
%
Eigentlichster Wert der so genannten Volkslieder ist der, dass
ihre Motive unmittelbar von der Natur genommen sind. Dieses Vorteils
aber könnte der gebildete Dichter sich auch bedienen, wenn er es
verstünde.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1253
%
Hiebei aber haben jene immer das voraus, dass natürliche
Menschen sich besser auf den Lakonismus verstehen als eigentlich
Gebildete.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1254
%
Eine Romanze ist kein Prozess, wo ein Definitivurteil sein muss.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1255
%
Shakespeare ist für aufkeimende Talente gefährlich zu lesen; er
nötigt sie, ihn zu reproduzieren, und sie bilden sich ein, sich
selbst zu produzieren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1256
%
Über Geschichte kann niemand urteilen, als wer an sich selbst
Geschichte erlebt hat. So geht es ganzen Nationen. Die Deutschen
können erst über Literatur urteilen, seitdem sie selbst eine
Literatur haben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1257
%
Das Wort Schule, wie man es in der Geschichte der bildenden
Kunst nimmt, wo man von einer florentinischen, römischen und
venezianischen Schule spricht, wird sich künftighin nicht mehr auf
das deutsche Theater anwenden lassen. Es ist ein Ausdruck, dessen man
sich vor dreißig, vierzig Jahren vielleicht noch bedienen konnte, wo
unter beschränkteren Umständen sich eine natur- und kunstgemäße
Ausbildung noch denken ließ; denn, genau besehen, gilt auch in der
bildenden Kunst das Wort Schule nur von den Anfängen: Denn sobald sie
treffliche Männer hervorgebracht hat, wirkt sie alsobald in die
Weite. Florenz beweist seinen Einfluss über Frankreich und Spanien;
Niederländer und Deutsche lernen von den Italienern und erwerben sich
mehr Freiheit in Geist und Sinn, anstatt dass die Südländer von ihnen
eine glücklichere Technik und die genauste Ausführung von Norden her
gewinnen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1258
%
Das deutsche Theater befindet sich in der Schlussepoche, wo
eine allgemeine Bildung dergestalt verbreitet ist, dass sie keinem
einzelnen Orte mehr angehören, von keinem besondern Punkte mehr
ausgehen kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1259
%
Der Grund aller theatralischen Kunst wie einer jeden andern ist
das Wahre, das Naturgemäße. Je bedeutender dieses ist, auf je höherem
Punkte Dichter und Schauspieler es zu fassen verstehen, eines desto
höheren Ranges wird sich die Bühne zu rühmen haben. Hiebei gereicht
es Deutschland zu einem großen Gewinn, dass der Vortrag trefflicher
Dichtung allgemeiner geworden ist und auch außerhalb des Theaters
sich verbreitet hat.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1260
%
Auf der Rezitation ruht alle Deklamation und Mimik. Da nun beim
Vorlesen jene ganz allein zu beachten und zu üben ist, so bleibt
offenbar, dass Vorlesungen die Schule des Wahren und Natürlichen
bleiben müssen, wenn Männer, die ein solches Geschäft übernehmen, von
dem Wert, von der Würde ihres Berufs durchdrungen sind.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1261
%
Shakespeare und Calderon haben solchen Vorlesungen einen
glänzenden Eingang gewährt; jedoch bedenke man immer dabei, ob nicht
hier grade das imposante Fremde, das bis zum Unwahren gesteigerte
Talent der deutschen Ausbildung schädlich werden müsse!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1262
%
Eigentümlichkeit des Ausdrucks ist Anfang und Ende aller Kunst.
Nun hat aber eine jede Nation eine von dem allgemeinen
Eigentümlichkeiten der Menschheit abweichende besondere Eigenheit,
die uns zwar anfänglich widerstreben mag, aber zuletzt, wenn wir's
uns gefallen ließen, wenn wir uns derselben hingäben, unsere eigene
charakteristische Natur zu überwältigen und zu erdrücken vermöchte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1263
%
Wie viel Falsches Shakespeare und besonders Calderon über uns
gebracht, wie diese zwei großen Lichter des Poetischen Himmels für
uns zu Irrlichtern geworden, mögen die Literatoren der Folgezeit
historisch bemerken.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1264
%
Eine völlige Gleichstellung mit dem spanischen Theater kann ich
nirgends billigen. Der herrliche Calderon hat so viel
Konventionelles, dass einem redlichen Beobachter schwer wird, das
große Talent des Dichters durch die Theateretikette durchzuerkennen.
Und bringt man so etwas irgendeinem Publikum, so setzt man bei
demselben immer guten willen voraus, dass es geneigt sei, auch das
Weltfremde zuzugeben, sich an ausländischem Sinn, Ton und Rhythmus zu
ergötzen und aus dem, was ihm eigentlich gemäß ist, eine Zeitlang
herauszugehen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1265
%
Einen wundersamen Anblick geben des Aristoteles Fragmente des
Traktats über Dichtkunst. Wenn man das Theater in- und auswendig
kennt wie unsereiner, der einen bedeutenden Teil des Lebens auf diese
Kunst verwendet und selbst viel darin gearbeitet hat, so sieht man
erst, dass man sich vor allen Dingen mit der philosophischen Denkart
des Mannes bekannt machen müsste, um zu begreifen, wie er diese
Kunsterscheinung angesehen habe; außerdem verwirrt er unser Studium
nur, wie denn die moderne Poetik das Alleräußerlichste seiner Lehre
nur zu ihrem Verderben anwendet und angewendet hat.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1266
%
Des tragischen Dichters Aufgabe und Tun ist nichts anderes als:
Ein psychisch-sittliches Phänomen, in einem fasslichen Experiment
dargestellt, in der Vergangenheit nachzuweisen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1267
%
Was man Motive nennt, sind also eigentlich Phänomene des
Menschengeistes, die sich wiederholt haben und wiederholen werden,
und die der Dichter nur als historische nachweist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1268
%
Ein dramatisches Werk zu verfassen, dazu gehört Genie. Am Ende
soll die Empfindung, in der Mitte die Vernunft, am Anfang der
Verstand vorwalten und alles gleichmäßig durch eine lebhaft-klare
Einbildungskraft vorgetragen werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1269
%
Es ist nichts theatralisch, was nicht für die Augen symbolisch
wäre.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1270
%
Die gewöhnlichen Theaterkritiken sind unbarmherzige
Sündenregister, die ein böser Geist vorwurfsweise den armen Schächern
vorhält ohne hilfreiche Hand zu einem bessern Wege.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1271
%
Schauspieler gewinnen die Herzen und geben die ihrigen nicht
hin; sie hintergehen, aber mit Anmut.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1272
%
Gar oft im Laufe des Lebens, mitten in der größten Sicherheit
des Wandels, bemerken wir auf einmal, dass wir in einem Irrtum
befangen sind, dass wir uns für Personen, für Gegenstände einnehmen
ließen, ein Verhältnis zu ihnen erträumten, das dem erwachten Auge
sogleich verschwindet; und doch können wir uns nicht losreißen, eine
Macht hält uns fest, die uns unbegreiflich scheint. Manchmal jedoch
kommen wir zum völligen Bewusstsein und begreifen, dass ein Irrtum so
gut als ein Wahres zur Tätigkeit bewegen und antreiben kann. Weil nun
die Tat überall entscheidend ist, so kann aus einem tätigen Irrtum
etwas Treffliches entstehen, weil die Wirkung jedes Getanen ins
Unendliche reicht. So ist das Hervorbringen freilich immer das Beste,
aber auch das Zerstören ist nicht ohne glückliche Folge.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1273
%
Der wunderbarste Irrtum aber ist derjenige, der sich auf uns
selbst und unsere Kräfte bezieht, dass wir uns einem würdigen
Geschäft, einem ehrsamen Unternehmen widmen, dem wir nicht gewachsen
sind, dass wir nach einem Ziel streben, das wir nie erreichen können.
Die daraus entspringende tantalisch-sisyphische Qual empfindet jeder
nur um desto bitterer, je redlicher er es meinte. Und doch sehr oft,
wenn wir uns von dem Beabsichtigten für ewig getrennt sehen, haben
wir schon auf unserm Wege irgendein anderes Wünschenswerte gefunden,
etwas uns Gemäßes, mit dem uns zu begnügen wir eigentlich geboren
sind.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1274
%
Die Liebe, deren Gewalt die Jugend empfindet, ziemt nicht dem
Alten, sowie alles, was Produktivität voraussetzt. Dass diese sich
mit den Jahren erhält, ist ein seltner Fall.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1275
%
Alle Ganz- und Halbpoeten machen uns mit der Liebe dergestalt
bekannt, dass sie müsste trivial geworden sein, wenn sie sich nicht
naturgemäß in voller Kraft und Glanz immer wieder erneute.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1276
%
Der Mensch, abgesehen von der Herrschaft, in welcher Die
Passion ihn fesselt, ist noch von manchen notwendigen Verhältnissen
der Liebe gebunden. Wer diese nicht kennt oder in Liebe umwandeln
will, der muss unglücklich werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1277
%
Alle Liebe bezieht sich auf Gegenwart; was mir in der Gegenwart
angenehm ist, sich abwesend mir immer darstellt, den Wunsch des
erneuerten Gegenwärtigseins immerfort erregt, bei Erfüllung dieses
Wunsches von einem lebhaften Entzücken, bei Fortsetzung dieses Glücks
von einer immer gleichen Anmut begleitet wird, das eigentlich lieben
wir, und hieraus folgt, dass wir alles lieben können, was zu unserer
Gegenwart gelangen kann; ja um das Letzte auszusprechen: Die Liebe
des Göttlichen strebt immer darnach, sich das Höchste zu
vergegenwärtigen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1278
%
Ganz nahe daran steht die Neigung, aus der nicht selten Liebe
sich entwickelt. Sie bezieht sich auf ein reines Verhältnis, das in
allem der Liebe gleicht, nur nicht in der notwendigen Forderung einer
fortgesetzten Gegenwart.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1279
%
Diese Neigung kann nach vielen Seiten gerichtet sein, sich auf
manche Personen und Gegenstände beziehen, und sie ist es eigentlich,
die den Menschen, wenn er sie sich zu erhalten weiß, in einer schönen
Folge glücklich macht. Es ist einer eignen Betrachtung wert, dass die
Gewohnheit sich vollkommen an die Stelle der Liebesleidenschaft
setzen kann: Sie fordert nicht sowohl eine anmutige als bequeme
Gegenwart; alsdann aber ist sie unüberwindlich. Es gehört viel dazu,
ein gewohntes Verhältnis auszuheben; es besteht gegen alles
Widerwärtige; Missvergnügen, Unwillen, Zorn vermögen nichts gegen
dasselbe; ja es überdauert die Verachtung, den hass. Ich weiß nicht,
ob es einem Romanschreiber geglückt ist, dergleichen vollkommen
darzustellen, auch müsste er es nur beiläufig, episodisch
unternehmen; denn er würde immer bei einer genauen Entwicklung mit
manchen Unwahrscheinlichkeiten zu kämpfen haben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1280
%
In der Geschichte überhaupt, besonders aber der Philosophie,
Wissenschaft, Religion, fällt es uns auf, dass die armen beschränkten
Menschen ihre dunkelsten subjektiven Gefühle, die Apprehensionen
eingeenger Zustände in das Beschauen des Weltalls und dessen hoher
Erscheinungen überzutragen nicht unwürdig finden.
Zugegeben, dass der Tag, von dem Urquell des Lichts ausgehend,
weil er uns erquickt, belebt, erfreut, alle Verehrung verdiene, so
folgt noch nicht, dass die Finsternis, weil sie uns unheimlich macht,
abkühlt, einschläfert, sogleich als böses Prinzip angesprochen und
verabscheut werden müsse; wir sehen vielmehr in einem solchen
Verfahren die Kennzeichen düster-sinnlicher, von den Erscheinungen
beherrschter Geschöpfe.
Wie es damit in der alten Symbolik ausgesehen, davon gibt uns
Nachstehendes genugsames Zeugnis.
"Bedeutend wird endlich, dass der finstere Thaumas zugleich mit
den Harpyien die Göttin des Regenbogens, die siebenfarbige Iris,
gezeugt hat. Es sind aus der Finsternis mit der weißen Farbe der
Kälte alle Farben des Lichts und des Feuers entsprungen, und selbst
der böse Ahriman, die ewige geistige Finsternis, soll die Farben
ausgeströmt haben."
Kanne, "Pantheum", S. 339.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1281
%
Die Biographie sollte sich einen großen Vorrang vor der
Geschichte erwerben, indem sie das Individuum lebendig darstellt und
zugleich das Jahrhundert, wie auch dieses Lebendig darstellt und
zugleich das Jahrhundert, wie auch dieses lebendig auf jenes
einwirkt. Die Lebensbeschreibung soll das Leben darstellen, wie es an
und für sich und um sein selbst willen da ist. Dem
Geschichtsschreiber ist nicht zu verargen, dass er sich nach
Resultaten umsieht; aber darüber geht die einzelne Tat sowie der
einzelne Mensch verloren. Wollte man die Herrlichkeit des Frühlings
und seiner Blüten nach dem wenigen Obst berechnen, das zuletzt noch
von den Bäumen genommen wird, so würde man eine sehr unvollkommene
Vorstellung jener lieblichen Jahreszeit haben. Und doch hat der
Gärtner das Recht, sein Jahr bloß nach dem zu beurteilen, was ihm
Keller und Kammern füllt. Alles wahrhaft Biographische, wohin die
zurückgebliebenen Briefe, die Tagebücher, die Memoiren und so manches
andere zu rechnen sind, bringen das vergangene Leben wieder hervor,
mehr oder weniger wirklich oder im ausführlichen Bilde. Man wird
nicht müde, Biographien zu lesen, so wenig als Reisebeschreibungen:
Denn man lebt mit Lebendigen. Die Geschichte, selbst die beste, hat
immer etwas Leichenhaftes, den Geruch der Totengruft. Ja man kann
sagen, sie wird immer verdrießlicher zu lesen, je länger die Welt
steht: Denn jeder Nachfolgende ist genötigt, ein schärferes, ein
feineres Resultat aus den Weltbegebenheiten heraus zu sublimieren, da
denn zuletzt, was nicht als caput mortuum liegen
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1282
%
         Religion: Alte;
            Poesie: Religion der Jugend.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1283
%
Die Natur ist immer Jehova.
Was sie ist, was sie war und was sie sein wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1284
%
Dass Christus auf eine Hamletische Weise zugrunde ging, und
schlimmer, weil er Menschen um sich berief, die er fallen ließ, da
Hamlet bloß als Individuum perierte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1285
%
         Anthropomorphism,
            Erotomorphism.
Dass er alles was auch vorgeht, in sittlich-sinnlich Gefühl
auflöst und verwandelt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1286
%
Reine Naturgesinnung in fremdem Zustande.
Je reiner die Gesinnung, desto weniger Bedürfnis des Zustandes.
Je komplizierter, interessanter für sich selbst der Zustand ist,
so gibt er unsern Gesinnungen das Gesetz.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1287
%
Der grenzenlose Verstand, dem jeder Verstand zusagt, dem die
Vernunft nichts anhaben kann, wenn auch das Gefühl nicht immer
beistimmt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1288
%
Es ist nicht wahr, dass das Leben ein Traum sei; nur dem
scheint es so, der
            auf eine alberne Weise ruhet,
            auf die ungeschickteste Weise verletzt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1289
%
Man hat den Epikur, der ein armer Hund war wie ich, sehr
missverstanden, wenn er das Höchste in die Schmerzlosigkeit legte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1290
%
Besonderes Vergnügen, sich mit Personen, die man liebt, über
Dinge zu erklären und weitläufig zu sein, Empfinden rege zu machen,
wenn man gleich weiß, dass, was man sagt, nicht wahr ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1291
%
Die Menschen wundern sich, dass ich es besser weiß wie sie, und
es ist kein Wunder, sie halten sehr oft für falsch, was ich denke.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1292
%
Man muss nicht fürchten, überstimmt zu werden, wenn uns
widersprochen wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1293
%
Das Falsche (der Irrtum) ist meistens der Schwäche bequemer.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1294
%
Wenn sie wüssten, wo das liegt, was sie suchen, so suchten sie
ja nicht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1295
%
Die Güte des Herzens nimmt einen weiteren Raum ein als der
Gerechtigkeit geräumiges Feld.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1296
%
Je uneigennütziger der Mensch ist, desto mehr ist der ...
unterworfen den Eigennützigen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1297
%
Das, was man für sie tut, ist nicht genug, das, was man für sie
getan hat, ist nichts: Die ganze Existenz, die man ihnen geschaffen
hat, nehmen sie von Gottes Gnaden, und so ist man, als wenn man nicht
wäre, nicht gewesen wäre.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1298
%
In weltlichen Dingen sind nur zu betrachten die Mittel und der
Gebrauch.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1299
%
Rasches Vorschreiten zum Zweck, ohne die Mittel zu bedenken.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1300
%
Als wenn man, um dem Sohn, der in der Wiege liegt, beizeiten
Vorteil zu bringen, den Vater totschlagen wollte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1301
%
Gedankenlosigkeit, die uns den Wert des Augenblicks verkennen
lässt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1302
%
Charakter, der, dargestellt, kein Bild, pragmatisiert, kein
Resultat gibt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1303
%
Drei Dinge werden nicht eher erkannt als zu gewisser Zeit:
            ein Held im Kriege,
            ein weiser Mann im Zorn,
            ein Freund in der Not.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1304
%
Drei Klassen von Narren:
            die Männer aus Hochmut,
            die Mädchen aus Liebe,
            die Frauen aus Eifersucht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1305
%
Toll ist:
            wer Toren belehrt,
            Weisen widerredet,
            von hohlen Reden bewegt wird,
            Huren glaubt,
            Geheimnisse Unsichern vertraut.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1306
%
Wer muss Langmut üben?
            Der große Tat vorhat,
            bergan steigt,
            Fische speist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1307
%
Ein Deutscher war schon absurd, solang' er hoffte; da er nun
überwunden war, so war gar nicht mehr mit ihm zu leben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1308
%
Vorschlag zu einem polemischen Purism in Schulen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1309
%
Stoffartige Hilfe, die sich die Poesie der letzten Zeit gibt
durch bedeutende Motive, Religion und Ritterwesen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1310
%
Beispiele, wie sich die Menschen über das Unerwartete, ja
Unerträgliche durch poetische Formen begütigen:
            empirisch erscheinende absolute Gewalt
                  Oberon, Blaubart.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1311
%
Identität rasenden Enthusiasmus' und unbarmherziger Kritik
schwer ins ich zu erzielen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1312
%
Wirkung namhafter, gründlich arbeitender Autoren. Gegenwirkung
journalistisch anonymer.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1313
%
Ein geistreicher Humorist als quasi Poet, der, der Fülle seines
Wissens und Empfindens gedenkend, sich in Tropen auszusprechen
genötigt fühlt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1314
%
Trübe Stellen, wo die Intention des Dichters uns nicht klar
entgegentritt, die man sich, weil man ihn liebt, erst auslegt, und
auf die man, zurückkehrend, immer eine gewisse Unbehaglichkeit
empfindet.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1315
%
Es kommt mir wunderbar vor, eine so tragische Schuld zu sehen,
dass eine Tragödie gar nicht darauf zu folgen brauchte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1316
%
Abstumpfen des Geistes durchs Geistreiche.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1317
%
               Englische Stücke:
            Das Verruchte des Stoffs,
            das Absurde der Form,
            verwerfliche Handlungen.
            Vermaledeites englisches Theater!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1318
%
Hersilie sagte von der Pilgernden Törin: "Wenn ich närrisch
werden möchte, wie mir manchmal die Lust ankommt, so wäre es auf
diese Weise."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1319
%
Das Erhabene, für uns Übererhabene, höchst Verehrungswerte,
doch, genau besehen, mit einem absurden, ja infamen Empirischen
Verbundene macht uns stutzig, und man entschließt sich schwer.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1320
%
Wie das Unbedingte sich selbst bedingen und so das Bedingte zu
seinesgleichen machen kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1321
%
Dass das Bedingte zugleich unbedingt sei. Welches unbegreiflich
ist, ob wir es gleich alle Tage erfahren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1322
%
Der Empirismus, zur Unbedingtheit { erhöht, / erweitert, } ist
ja Naturphilosophie. (Schelling.)
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1323
%
Dass es dem Menschen selten gegeben ist, in dem einzelnen Falle
das Gesetz zu erkennen. Und doch, wenn er es immer [?] in Tausenden
erkennt, muss er es ja wieder in jedem Einzelnen finden. Die großen
Umwegen [?] erspart sich der Geist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1324
%
Alle Verhältnisse der Dinge wahr. Irrtum allein in dem
Menschen. An ihm nichts wahr, als dass er irrt, sein Verhältnis zu
sich, zu andern, zu den Dingen nicht finden kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1325
%
Wissen: Das Bedeutende der Erfahrung, das immer ins Allgemeine
hinweist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1326
%
         Geschichte der Wissenschaft:
Was muss zu allen Zeiten den Menschen von Haus aus interessieren?
Wie hat man nach und nach gesucht, sich davon Rechenschaft zu
geben oder sich zu beruhigen?
            Geschichte des Wissens:
Was ist dem Menschen nach und nach bekannt geworden?
Wie hat er sich dabei und damit benommen?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1327
%
Niederträchtigkeit der mittlern Zeit bis ins sechzehnte
Jahrhundert, treffliche Menschen wie Aristoteles, Hippokrates durch
dumme Märchen lächerlich zu machen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1328
%
Unglücklich ist immer derjenige, der sich in Korporationen
einlässt. V. Humboldt darf von allem nichts melden, als was in Paris
gilt. Was soll denn da aus dem werden, was wir Wissen und
Wissenschaft nennen? In hundert Jahren wird es ganz anders aussehen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1329
%
Bei den Kontroversen darauf zu sehen, wer das punctum saliens
getroffen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1330
%
Voltaire kommt mir immer vor wie ein Zauberer, der einen
Hexenkessel abschäumt; es ist nur Schaum, was sein Löffel schöpft;
aber ein verteufelter Schaum, aus einem Kessel voll unendlicher
Ingredienzien aufsiedend.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1331
%
Dass die Natur, die uns zu schaffen macht, gar keine Natur mehr
ist, sondern ein ganz anderes Wesen als dasjenige, womit sich die
Griechen beschäftigten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1332
%
Die Griechen nannten Entelecheia ein Wesen, das immer in
Funktion ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1333
%
Die Griechen, wenn sie beschrieben oder erzählen, sprachen
weder von Ursache noch von Resultat, sondern trugen die äußere
Erscheinung vor.
Auch in der Naturwissenschaft machten sie keine Versuche wie wir,
sondern hielten sich an den einzelnen Erfahrungsfällen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1334
%
Die Funktion ist das Dasein, in Tätigkeit gedacht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1335
%
Alle Wirksamkeit ist stärker am Mittelpunkt als gegen die
Peripherie zu. Raum zwischen Mars und Jupiter.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1336
%
Ersparnis der Erfahrung
   Sündflut der Erfahrung,
   Dinge, wovon man nicht reden würde, wenn man
   wüsste, wovon die Rede ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1337
%
Bei Naturforschung auf Anordnung, auf System auszugehen,
hinderlich und förderlich.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1338
%
Mathematik, die auf Konviktion, Überführung ausgeht, weshalb
gute Köpfe sich an ihr ärgern.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1339
%
Man hört, nur die Mathematik sei gewiss; sie ist es nicht mehr
als jedes andere Wissen und Tun. Sie ist gewiss, wenn sie sich
klüglich nur mit Dingen abgibt, über die man gewiss werden und
insofern man darüber gewiss werden kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1340
%
Das ist eben das Hohe der Mathematik, dass ihre Methode gleich
zeigt, wo ein Anstoß ist. Fanden sie doch dem Gang der himmlischen
Körper nicht ihre Rechnungen gemäß und wendeten sich daher auf die
Annahme [?] der Störungen und diese Störungen noch immer zu viel oder
zu wenig.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1341
%
In diesem Sinne kann man die Mathematik als die höchste und
sicherste der Wissenschaft ansprechen.
Aber wahr kann sie nichts machen, als was wahr ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1342
%
Was hat denn der Mathematiker für ein Verhältnis zum Gewissen,
was doch das höchste, das würdigste Erbteil der Menschen ist, eine
inkommensurable, bis ins Feinste wirkende, sich selber spaltende und
wieder verbindende Tätigkeit? Und Gewissen ist's vom Höchsten bis ins
Geringste. Gewissen ist's, was das kleinste Gedicht gut und
vortrefflich macht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1343
%
Wenn diese Hoffnungen sich verwirklichen, dass die Menschen
sich mit allen ihren Kräften, mit Herz und Geist, mit Verstand und
Liebe vereinigen und voneinander Kenntnis nehmen, so wird sich
ereignen, woran jetzt noch kein Mensch denken kann. Die Mathematiker
werden sich gefallen lassen, in diesen allgemeinen sittlichen
Weltbund als Bürger eines bedeutenden Staates aufgenommen zu werden,
und nach und nach sich des Dünkels entäußern, als Universalmonarchen
über alles zu herrschen; sie werden sich nicht mehr beigehen lassen,
alles für nichtig, für inexakt, für unzulänglich zu erklären, was
sich nicht dem Kalkül unterwerfen lässt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1344
%
Alle Kristallisationen sind ein realisiertes Kaleidoskop.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1345
%
... Es ist daher das Beste, wenn wir bei Beobachtungen soviel
als möglich uns der Gegenstände und beim Denken darüber soviel als
möglich uns unsrer selbst bewusst sind.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1346
%
Zum Schönen wird erforderte in Gesetz, das in die Erscheinung
tritt.
                  Beispiel von der Rose.
In den Blüten tritt das vegetabilische Gesetz in seine höchste
Erscheinung, und die Rose wäre nun wieder der Gipfel dieser
Erscheinung.
Perikarpien können noch schön sein.
Die Frucht kann nie schön sein: Denn da tritt das vegetabilische
Gesetz in sich (ins bloße Gesetz) zurück.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1347
%
Die Unmöglichkeit, Rechenschaft zu geben von dem Natur- und
Kunstschönen: Denn
ad 1. müssten wir die Gesetze kennen, nach welchen die allgemeine
Natur handeln will und handelt, wenn sie kann; und
ad 2. Die Gesetze kennen, nach denen die allgemeine Natur unter
der besondern Form der menschlichen Natur produktiv handeln will und
handelt, wenn sie kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1348
%
Schönheit der Jugend aus Obigem abzuleiten. Alter stufenweises
Zurücktreten aus der Erscheinung. Inwiefern das Alternde schön
genannt werden kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1349
%
Beharren eines jeden im Charakter, bis zum Gipfel des
menschlichen Daseins, ohne an die Rückkehr zu denken.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1350
%
Die Schönheit zeigt milde, hohe Übereinstimmung alles dessen,
was unmittelbar, ohne Überlegen und Nachdenken zu erfordern, gefällt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1351
%
Vollkommene Künstler haben mehr dem Unterricht als der Natur zu
danken.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1352
%
Die höchste Absicht der Kunst ist, menschliche Formen zeigen,
so sinnlich bedeutend und so schön, als es möglich ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1353
%
Friedrich der Zweite zu Pferd nach Chodowiecky ist in Zinn
gemalt in Nürnberg zu haben; gewöhnlich führt er die Soldaten der
Kinder an und ist auch da noch ehrwürdig.
Ich möchte ihn aber doch auf ähnliche Art weder in Lebensgröße
noch weniger kolossal mit Augen sehen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1354
%
Zeichnet doch eure patriotischen Gegenstände! Ein König, der
auf einer Brunnenröhre sitzt und denkt. Ja, wenn ihr seine Gedanken
zeichnen könntet!
Ein solcher König hat mit eurer bildenden Kunst [nichts] zu tun;
er soll nur im Geist und in der Wahrheit verehrt werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1355
%
Zeichnet, stecht in Kupfer, bezahlt, verkauft, belohnt immer in
offenbarer Stille, und wenn euch ein tadelnd Wort trifft, so lasst's
ja hingehn; aber reizt nur niemanden, diese Armseligkeiten immer
lauter und lauter vor den Ohren der Welt auszulachen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1356
%
Wenn ihr sagt: "Wir machen so", da hat kein Mensch was dagegen;
sagt ihr aber: "Ihr sollt's auch so machen, euch nach unserer
Beschränkung beschränken", da kommt ihr um vieles zu spät.
Ein Bildhauer, der aus Marmor Patrioten - Husarenpelze hauen muss,
sollte dies mit Zerknirschen, als einer traurigen Notwendigkeit
gehorchend, verrichten und sich freuen, wenn sich eine fremde Stimme
erhebt, die das nun eben nicht als das Heil ...
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1357
%
Paris ist offen; Italien wird's auch werden; solang' uns der
Atem bleibt, werden wir den Künstler in das Weite der Welt und Kunst
und in die Beschränktheit seiner selbst weisen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1358
%
Sich in seiner Beschränktheit gefallen, ist ein elender
Zustand; in Gegenwart des Besten seine Beschränktheit fühlen, ist
freilich kein Glück, aber es kann zum Glück führen - - ängstlich,
aber diese Angst erhebt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1359
%
Indem das Heil. römische Reich dem verdienten Helden eine
Statue setzen will, setzt es in corpore in eine Lotterie. Es ist zu
fürchten, dass es eine Kunstniete zieht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1360
%
Das Menschlich-Liebenswürdige, Zarte unter der Form einer
imaginierten bildenden Kunst. Klosterbruder, Sternbald.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1361
%
Bei Betrachtung von Kunstwerken, sowohl dichterischen als
bildnerischen, des 3. und 4. Jahrhunderts lässt sich bemerken, wie
lange die Künstler noch am alten guten Sinne festgehalten haben, da
schon alles um sie her dafür erstorben war. Erklärungsart der
Kunstwerke auf diesem Wege. Sie sind keineswegs abstrus, sondern
plastisch zu nennen. S. das Kapitolinische Basrelief mit dem
Prometheus pp.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1362
%
Organische Natur: Ins Kleinste lebendig; Kunst: Ins Kleinste
empfunden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1363
%
Konflikte. Sprünge der Natur und Kunst. Eintretender Genius zur
rechten Zeit. Element genugsam vorbereitet. Nicht roh und starr. Auch
nicht schon verbraucht. Ebenso mit der Organisation. Hier springt die
Natur auch nur, insofern alles vorbereitet ist, als ein Höheres, in
die Wirklichkeit Tretendes zur eminenten Erscheinung gelangen kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1364
%
Perspektivische Gesetze: Die mit so großem Sinn als Richtigkeit
die Welt auf das Auge des Menschen und seinen Standpunkt beziehen und
dadurch möglich machen, dass jedes sonderbare, verworrene Gedräng'
von Gegenständen in ein reines, ruhige Bild verwandelt werden kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1365
%
         Poetische Metamorphosen.
Phantasie ist der Natur viel näher als die Sinnlichkeit, diese ist
in der Natur, jene schwebt über ihr. Phantasie ist der Natur
gewachsen, Sinnlichkeit wird von ihr beherrscht.
Frühste, lebhafte, tüchtige Sinnlichkeit finden wir immer sich zur
Phantasie erhebend. Sogleich wird sie produktiv, anthropomorphisch.
Felsen und Ströme sind von Halbgöttern belebt, Untergötter endigen
unterwärts in Tiere: Pan, Faune, Tritone. Götter nehmen Tiergestalt
an, ihre Absichten zu erfüllen. Welche Fabeln sind die ältesten
dieser Art?
Bei Ovid ist die Analogie der tierischen und menschlichen Glieder
im Übergang trefflich ausgedrückt. Dante hat eine höchst merkwürdige
Stelle dieser Art.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1366
%
